Der grüne Spitzenkandidat für die Landtagswahl am 8. März lockte fast 700 Leute in die überfüllte Rottenburger Festhalle – deutlich mehr als sein CDU-Konkurrent zuvor.
Den Rottenburger Popularitätswettbewerb hat Cem Özdemir schon mal gewonnen. Fast 700 Menschen kamen zur Festhalle, um den Grünen-Spitzenkandidaten für die Landtagswahl zu erleben, deutlich mehr als beim Auftritt des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel vor knapp zwei Wochen. Knapp 600 drängten sich in die überfüllte Halle und auf die fasnetsgemäß dekorierte Empore (grün-rot!).
Um 19.45 Uhr war der Saal bereits voll An der Einlasskontrolle breitete Grünen-Mitglied Elke Neumeyer schon um 19.45 Uhr die Arme weit aus: Nichts geht mehr. Der Rest musste vom Foyer aus zuhören. Und was die Grünen besonders freuen dürfte: Altersmäßig war das Publikum bunt gemischt.
Bei Manuel Hagel waren 450 Besucher dabei Beim Rottenburger Auftritt des CDU-Spitzenkandidaten Manuel Hagel, war das 450-köpfige Publikum ganz überwiegend grauhaarig gewesen. In Tübingen haben die beiden Anwärter auf die Kretschmann-Nachfolge keine Wahlkampf-Auftritte geplant.
Punkt 20 Uhr betritt Özdemir die Halle Auf die Minute pünktlich um 20 Uhr betrat Özdemir die Halle, begleitet von den grünen Wahlkreiskandidaten Daniel Lede Abal (Tübingen) und Thomas Poreski (Reutlingen). Und von angenehm dezent auftretenden Personenschützern. Vor und hinter der Halle waren Streifenwagen postiert. Özdemir wird immer wieder bedroht, von notorischen Grünen-Hassern, aber auch von türkischen Nationalisten. Im Saal selbst gab es keinerlei Vorkommnisse, nicht mal einen bösen Zwischenruf.
Rund 200 Besucher sind erstmals bei den Grünen zu Gast Dabei war nicht nur die grüne Anhängerschaft gekommen. Die Grünen-Stadträtin Katharina Matheis aus Mössingen (und Zweitkandidatin für den Wahlkreis Tübingen) fragte bei ihrer Anmoderation, wer im Publikum noch nie auf einer Veranstaltung mit Cem Özdemir gewesen sei: Die übergroße Mehrheit hob die Hand. Und wer war noch nie auf einer Veranstaltung der Grünen allgemein? Immer noch etwa 200. Am Ende erhob sich allerdings fast der gesamte Saal zum stehenden Applaus. (Am Ende von Hagels Auftritt waren die meisten sitzen geblieben.).
Fast schon leger stand er auf der Bühne Dem 60-jährigen Özdemir war anzumerken, dass er seit mehr als 30 Jahren Wahlkämpfe absolviert. Routiniert, fast schon leger stand er auf der Bühne, mit dem Mikrofon in der Hand. Er sprach komplett frei. Der frühere Bundes-Landwirtschaftsminister weiß, welche Anekdoten die richtige Botschaft transportieren, welche Pointen sitzen. Die kratzige Stimme passte zum Wahlkampf. Am Nachmittag hatte Özdemir noch einen Auftritt in Freudenstadt absolviert.
Als sei er bereits selbst mit am Kabinettstisch gesessen Dem grünen Spitzenkandidaten wird bisweilen vorgeworfen, er verleugne seine Partei-Zugehörigkeit. Am Freitagabend davon keine Spur. Im Gegenteil: Beim Rückblick auf die zu Ende gehenden 15 Kretschmann-Jahre sprach Özdemir fast durchweg von „wir“: ganz so, als sei er bereits selbst mit am Kabinettstisch gesessen. Mit dem aktuellen (und wohl auch künftigen) christdemokratischen Koalitionspartner ging er relativ pfleglich um – allerdings ohne den Namen seines Konkurrenten („der Kollege von der CDU“) auch nur ein einziges Mal auszusprechen. Die SPD, die FDP und die Linke erwähnte Özdemir in seiner 35-minütigen Ansprache übrigens erst recht nicht.
Schulkind aus einer Arbeiterfamilie Umso öfter kritisierte er die Bundes-CDU, den CDU-Bundeskanzler, aber auch „den Foodblogger aus Bayern“, also den CSU-Ministerpräsidenten Markus Söder. Özdemirs Anekdote: Als Schulkind aus einer Arbeiterfamilie in Bad Urach habe er immer „Eins-Achtzig“ (D-Mark) als Vespergeld mitbekommen, erzählte Özdemir. „Das reichte für eine Currywurst oder eine Rote, manchmal auch für Pommes. Ich habe in meiner Kindheit mehr Fleisch gegessen als der (Söder) heute bei seinem Foodbloggen.“ Großes Gelächter. Dass Özdemir schon lange bekennender Vegetarier ist, brauchte er da gar nicht mehr zu erwähnen.
Bildungserfolg von sozialer Herkunft abkoppeln Und flugs von der Ernährungs-Anekdote weiter zur Bildungspolitik. Das Arbeiterkind Cem habe den Aufstieg ja geschafft, mit individueller Nachhilfe, Erzieher-Ausbildung und Sozialpädagogik-Studium. Aber da sei er leider eine große Ausnahme: „Der Bildungserfolg muss endlich abgekoppelt werden von der sozialen Herkunft.“ Heftiger Applaus.
Wir müssen Europa stärker aufstellen Und vor allem: Europa. China sei längst zum harten Konkurrenten geworden, auf die USA könne man sich nicht mehr verlassen. „Wir müssen Europa stärker aufstellen. Der nächste Ministerpräsident muss ein in der Wolle gefärbter Europäer sein.“ (Özdemir war von 2004 bis 2009 Abgeordneter im EU-Parlament.) In diesem Rahmen könne auch Baden-Württemberg seine Stärken ausspielen. Ein Beispiel: Ulm sei ein erfolgreicher Standort für die Entwicklung neuartiger Batteriezellen. Özdemirs Ziel: „eine europäische Batterie mit weniger Seltenen Erden.“
Auch beim Thema Sicherheit auf die EU orientieren Die Orientierung auf die EU sollte auch „bei allen sicherheitsrelevanten Fragen“ gelten. Allerdings habe der baden-württembergische Innenminister (Thomas Strobl, CDU) einen Vertrag mit dem US-Unternehmen Palantir abgeschlossen, für neue Überwachungs-Software für die Polizei. Manche befürchten nun, dass die US-Firma zu viel Einblick und Einfluss in deutsche Angelegenheiten bekommt. Laut Özdemir hat Strobl den Vertrag ohne Rücksprache mit dem grünen Teil der Landesregierung abgeschlossen. „Wenn ich Ministerpräsident werde, dann werde ich alles dafür tun, dass das nächste Palantir aus der EU kommt“, sagte Özdemir. Dass er den Vertrag rückabwickeln wolle, sagte er nicht.
Hybrid-Antriebe werden weiterhin gefördert Wie ein Ministerpräsident Wirtschaftspolitik gestalten kann, habe Winfried Kretschmann schon vor Jahren vorgemacht mit dem baden-württembergischen „Strategie-Dialog“ für die Autoindustrie. Bundeskanzler Friedrich Merz habe jetzt nachgezogen, heraus kam eine gewisse Verwässerung: Die Umstellung auf E-Antriebe soll erstmal nur noch zu 90 Prozent erfolgen. Hybrid-Antriebe werden weiterhin gefördert. Özdemir ist damit einverstanden, vorausgesetzt: „Echter Hybrid. Und keiner, bei dem nur das Kabel spazieren gefahren wird.“
Kaufzurückhaltung und Verunsicherung Doch dann habe die baden-württembergische Wirtschaftsministerin (Nicole Hoffmeister-Kraut, CDU) noch einen „Brief nach Brüssel“ hinterhergeschickt, man solle auch diesen Berliner Kompromiss „wieder öffnen“, zugunsten der Verbrenner. Özdemir hält das für einen groben Fehler. „Das führt nur zu Kaufzurückhaltung und Verunsicherung. Es gehört schon auch Verlässlichkeit dazu.“ Das bekomme er auch bei seinen Gesprächen „mit Handwerk und Mittelstand“ zu hören. „Keiner davon sagt: Wir wollen zurück ins fossile Zeitalter. Aber alle sagen: Gebt uns Planungssicherheit!“
Für Selfies eine lange Warteschlange vor der Bühne Nach 35 Minuten war eine „Diskussion“ angekündigt. Vorab konnten die Zuhörer ihre Fragen an Özdemir auf Bierdeckel schreiben. Die Grünen wählten davon einige aus, die allerdings auch nur als Stichwortgeber für eine weitere halbe Stunde dienten. Am Ende: stehender Applaus. Und eine lange Warteschlange vor der Bühne: Viele wollten noch Selfies mit Özdemir machen.