Ängste und Depressionen sind Begleiterscheinungen der Corona-Pandemie, die in der politischen Diskussion kaum eine Rolle spielen. Foto: © Samuel – stock.adobe.com

Weniger Patienten im Klinikum - mehr Anfragen bei Familienhilfe. Bleiben Erkrankungen unentdeckt?

Seit Ausbruch von Corona ist am Kreiskrankenhaus Freudenstadt die Zahl der Krebspatienten um mehr als ein Viertel gesunken. Im Landratsamt löst das keine Freude aus, im Gegenteil. Es schrillen die Alarmglocken. Richten Knallhart-Einschränkungen, über die Bund und Länder jetzt neu entscheiden, vielleicht mehr Schaden als sie nutzen?

Kreis Freudenstadt - "Wenn der Staat die Grundrechte der Menschen einschränkt, erfordert dies eine genaue Abwägung", sagt Landrat Klaus Michael Rückert. Als Privatmensch vermisse er vieles, etwa den Besuch eines Konzerts. Zeitweiliger Verzicht auf Kulturveranstaltungen – für ihn "hinnehm- und überbrückbar", wenn es um den Schutz von Leben gehe. "Eine einschneidende Maßnahme. Aber in meinen Augen die richtige Entscheidung. Corona ist eine Gefahr und muss bekämpft werden", so Rückert. Allerdings kommen ihm in der politischen Diskussion andere Aspekte zu kurz: die stillen Opfer des "Lockdowns" und Langzeitschäden, die in der politischen Diskussion kaum eine Rolle spielen.

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So sei die Zahl der Anfragen bei der Familienberatungsstelle des Landratsamts "massiv" gestiegen. Ängste machten sich breit. Kurzarbeit, Heimbüro und Heimbeschulung – für Eltern bedeute Corona seit Monaten einen "Wahnsinns-Stress". Der Landrat mache sich deshalb Sorgen um Kinder und Jugendlichen im Kreis. Die Vermutung liege nahe, dass die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt zunehme. "Das Kreisjugendamt leistet trotz Corona Großartiges", so der Landrat. Die Familien, mit denen die Behörde schon länger in Kontakt stehe, würden trotz erschwerter Bedingungen unverändert weiterbetreut. "Aber wenn Schulen, Kitas und Kindergärten geschlossen sind, hat das Jugendamt keine Chance mitzubekommen, wenn die Situation in einer anderen Familie kippt", so Klaus Michael Rückert. "Wir sind schließlich keine Hellseher."

Betroffen seien aber nicht nur Familien mit Problemen. Fast alle Kinder litten, weil fast alles wegfalle, vom Kinderschwimmen bis zum Unterricht. Und was passiere derzeit mit psychisch Kranken sowie Menschen, die unter Ängsten, Süchten oder Depressionen litten? Über sie werde kaum gesprochen.

Bleiben viel mehr Erkrankungen unentdeckt?

Alleine die neuen Zahlen aus dem Kreiskrankenhaus schreckten ihn auf. Zwischen Januar und November sei die Zahl der Krebspatienten, die dort behandelt würden, um 26,2 Prozent gesunken. Wenn es weniger Krebskranke gäbe, dann "wäre das natürlich großartig". Die Erfahrung zeige jedoch, dass deren Zahl kaum großen Schwankungen unterworfen sei. So sei die Wahrscheinlichkeit höher, dass viele Erkrankungen einfach unentdeckt blieben, weil weniger Menschen zur Vorsorge gegangen seien und sich vielleicht gesagt hätten: Der Knoten da am Bein werde schon von alleine wieder verschwinden. Dabei sei es für den Erfolg einer Behandlung wichtig, den Krebs so früh wie möglich zu erkennen.

Auch die Zahl der Herz-Kreislauf-Patienten im Klinikum sei zuletzt um zehn Prozent rückläufig gewesen. Weniger Herzinfarkte? "Kann ich mir kaum vorstellen. Mir macht das Sorgen", so der Landrat. Menschen mit Beschwerden sollten unbedingt ins Krankenhaus gehen. Verschoben würden einzig Behandlungen und Operationen, die "problemlos für den Patienten auch noch in einem Vierteljahr vorgenommen werden können". Alle anderen würden umfassend versorgt. Rückert hofft, dass auch solche Überlegungen in die Entscheidungen miteinbezogen würden. "Denn das wird massiver, je länger sich der Lockdown hinzieht."

Beraterstäbe dürften sich seiner Ansicht nach nicht nur aus Virologen und Epidemiologen zusammensetzen. Andere Aspekte über mögliche Schäden müssten zumindest mit in die Betrachtung einfließen, um zu einer "vernünftigen Abwägung" zu kommen. "Wenn am Ende die Entscheidung steht, dass der härtere Lockdown kommen muss, dann soll es auch recht sein", so Rückert. Aber über andere mögliche körperliche und geistige Langzeitfolgen müsse wenigstens nachgedacht werden.

Eine kritischere Einstellung zu den Entscheidungen sei nicht als Aufforderung zum Rechtsbruch zu verstehen. Er appelliert an die Einwohner des Kreises, sich an die Regeln zu halten. "Wir müssen was tun. Corona ist schlimm", so Rückert. Dabei sollten "unnötige Schäden" für die Gesellschaft" jedoch vermieden werden. Das gelte auch für die Wirtschaft, etwa Einzelhandel und Gastronomie.

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