SPD-Landrat Hendrik Bednarz. Foto: Steffen Schlueter

Landrat Hendrik Bednarz (SPD) spricht über Reformbedarf in der Verwaltung, gesellschaftliche Polarisierung und darüber, warum er die kommunale Ebene für unverzichtbar hält.

Seit wenigen Monaten ist Hendrik Bednarz Landrat des Landkreises Tübingen. Im Interview spricht er über Reformbedarf in der Verwaltung, gesellschaftliche Polarisierung und darüber, warum er die kommunale Ebene für unverzichtbar hält.

 

Herr Bednarz, Sie sind seit einigen Monaten im Amt. Wie fällt Ihre erste Bilanz aus?

Ich bin gut angekommen und habe eine engagierte Verwaltung vorgefunden. Der Einstieg über die Haushaltsberatungen war intensiv, aber hilfreich, um schnell in zentrale Themen hineinzukommen. Dass wir den Haushalt konstruktiv verabschieden konnten, war ein wichtiges Signal. Der finanzielle Druck macht aber deutlich, dass wir Strukturen prüfen und Prioritäten setzen müssen.

Wo sehen Sie Ihre Rolle zwischen Gemeinden, Kreistag und Landespolitik?

Der Landkreis hat eine Doppelfunktion: Wir sind staatliche Verwaltungsbehörde und setzen Bundes- und Landesgesetze um, zugleich sind wir kommunale Selbstverwaltung. Als Landrat leite ich die Verwaltung und arbeite eng mit dem Kreistag zusammen. Mir ist wichtig, dass wir nicht nur sparen, sondern Leistungen auf ihre Wirksamkeit überprüfen: Was hilft wirklich? Wo können Mittel zielgerichteter eingesetzt werden? Das ist keine reine Kürzungsdebatte, sondern eine strukturelle.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Ja, die Eingliederungshilfe. Diese ist stark gesetzlich geregelt, etwa durch das Bundesteilhabegesetz und den Landesrahmenvertrag. Der Anspruch, den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen, ist richtig. Gleichzeitig sind Verfahren sehr komplex. Die Bedarfsermittlung erfolgt über umfangreiche, standardisierte Instrumente. Das ist fachlich nachvollziehbar, aber für Betroffene oft schwer verständlich. Wir müssen uns fragen: Trägt jede Maßnahme tatsächlich dazu bei, Teilhabe zu verbessern? Wenn nicht, sollten wir nachjustieren. Dabei bewegen wir uns im gesetzlichen Rahmen, haben aber Spielräume in der Ausgestaltung. Wichtig ist, transparent zu entscheiden und Prioritäten offen zu benennen.

Sie kritisieren die Bürokratie. Wo wird sie konkret problematisch?

Dafür eignet sich ein weiteres Beispiel. Die Landeswohnraumförderung. Der Landkreis ist verpflichtet, eine Beratungsstelle vorzuhalten, die Bauherren bei Förderanträgen unterstützt und diese prüft – bevor die L-Bank nochmals prüft. Das führt zu doppelten Strukturen. Wenn ein Förderprogramm so komplex ist, dass umfangreiche Hilfestellung nötig wird, stellt sich die Frage, ob es nicht einfacher gestaltet werden sollte. Kontrolle ist wichtig. Aber wir dürfen Verfahren nicht überfrachten. Sonst binden wir Ressourcen, die an anderer Stelle fehlen. Verwaltung braucht auch Ermessensspielräume und Vertrauen.

Wie nehmen Sie die Zusammenarbeit mit der Landesebene wahr?

Teilweise gut, teilweise ausbaufähig. Kommunen und Landkreise sind nah an den Menschen. Hier werden staatliche Entscheidungen konkret spürbar – und hier entsteht auch Unmut, wenn Regelungen als unverständlich empfunden werden. Deshalb sollten Rückmeldungen aus der kommunalen Praxis stärker berücksichtigt werden. Kommunale Selbstverwaltung ist ein zentraler Pfeiler unserer Demokratie.

Viele Bürger empfinden politische Prozesse dennoch als distanziert. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich nehme diese Wahrnehmung ernst. Gleichzeitig erleben wir bei Projekten wie der Windkraftplanung oder der Regionalstadtbahn sehr umfangreiche Beteiligungsverfahren. Demokratie heißt aber nicht, dass sich jede Position durchsetzt. Wir leben in einer repräsentativen Ordnung: Gewählte Gremien wägen ab und treffen Entscheidungen. Demokratie bedeutet auch, auszuhalten, wenn man nicht zur Mehrheit gehört. Wichtig ist, dass Entscheidungen transparent und nachvollziehbar sind.

Ist unser Staat aus Ihrer Sicht leistungsfähig genug?

Ja, grundsätzlich schon. Wir sind vergleichsweise gut durch Krisen wie die Pandemie oder die Energiekrise gekommen. Das war nicht fehlerfrei, aber insgesamt stabil. Ich warne davor, unser System schlechtzureden. Kritik ist wichtig – sie muss aber konstruktiv bleiben. Wenn Vertrauen schwindet, leidet die Demokratie.

Wo ziehen Sie im politischen Diskurs klare Grenzen?

Die Grenze ist unser Grundgesetz. Menschenwürde, Rechtsstaatlichkeit und Gleichheit aller Menschen sind nicht verhandelbar. Unser Staat muss diese Prinzipien verteidigen. Gerade international sehen wir, wie fragil demokratische Standards sein können. Das verpflichtet uns, unsere Institutionen zu stärken.

Wie bleiben Sie persönlich im Austausch mit den Bürgerinnen und Bürgern?

Ich setze auf Präsenz: bei Vereinen, Unternehmen, Veranstaltungen. Ein Landkreis ist groß, aber Nähe entsteht durch Begegnung. Zusätzlich nutze ich soziale Medien, um Themen verständlich zu erklären. Das schafft Transparenz – ersetzt aber nicht das direkte Gespräch.

Blicken Sie optimistisch in die Zukunft der Demokratie?

Ja, ich bin optimistisch – aber nicht naiv. Unsere Demokratie ist stabil und wehrhaft. Sie bietet enorme Chancen und Freiheiten. Gleichzeitig verlangt sie Engagement und Verantwortungsbewusstsein. Demokratie lebt vom Mitmachen, vom Mitdenken – und vom Aushalten unterschiedlicher Positionen. Wenn wir akzeptieren, dass nicht jede Entscheidung der eigenen Überzeugung entspricht, und wenn wir bereit sind, Kompromisse zu schließen, dann bleibt unser Gemeinwesen tragfähig. Ich bin überzeugt: Unser Staat ist besser als sein Ruf – und es liegt an uns allen, ihn weiterzuentwickeln.