Wie er Druck auf den Bund machen will, was er sich vom Ministerpräsidenten wünscht und wo der Kreis sparen kann, verrät der Freudenstädter Landrat Andreas Junt im Interview.
Landrat Andreas Junt spricht über den Start in sein Amt, die Finanznot des Landkreises und seine Wünsche an Bund und Land.
Herr Junt, war Ihnen eigentlich bewusst, was für eine Mammutaufgabe Sie da übernehmen?
Ja, ein Großteil war mir bekannt – dadurch, dass ich als Stabsstellenleiter ein enges Verhältnis zu meinem Vorgänger Klaus Michael Rückert hatte. Als ich mit meiner Frau über meine Kandidatur gesprochen habe, war uns klar: Das erste Jahr wird extrem arbeitsreich, weil wir als Kreis da vor den größten Herausforderungen stehen. Aber es ist auch Arbeit, die einfach Spaß macht.
Gab es trotzdem etwas, das Sie in den ersten Monaten überrascht hat?
Überrascht hat mich das Verhalten von Bund und Land. Wenn ich einen Wunsch äußern dürfte an den zukünftigen Ministerpräsidenten, wäre es, dass er sich einmal im Quartal oder zumindest einmal im Halbjahr mit den Landräten zusammensetzt. Er sollte aber nicht nur zuhören, sondern dann auch umsetzen. Es hat mich auch ein Stück weit überrascht, wie wenig Veränderung auf Bundesebene kam. Die neue Regierung macht sicherlich viel, aber bei den großen Themen wie Sozialausgaben oder Krankenhausfinanzierung hätte ich mehr erwartet.
Zu den Überraschungen zählte vermutlich auch, dass die Sozialausgaben 2026 um zwölf Millionen Euro ansteigen…
Ja, wir haben bei den Sozialausgaben die Situation, dass der Bund einen Standard geschaffen hat, den wir dann umsetzen müssen. Diese zwölf Millionen Euro fehlen uns, um im Kreis zu gestalten. Eigentlich ist es ein einfaches Prinzip: Wer bestellt, bezahlt. Und die Einnahmen sollten größer sein als die Ausgaben. In diesem Fall hat der Bund meines Erachtens beide Prinzipien verletzt. Was mir noch mehr Sorgen als der Haushalt 2026 macht, ist, dass diese Entwicklung ja nicht einfach endet. Das können wir uns auf Dauer definitiv nicht leisten. Und wenn ich uns sage, meine ich nicht nur den Landkreis Freudenstadt, sondern ganz Deutschland.
Was muss der Bund aus Ihrer Sicht tun?
Auf Kreisebene haben wir zwei große Brocken: Zum einen die Krankenhausfinanzierung. Hier waren wir 2025 bei einem Defizit von geplant 20,2 Millionen Euro, jetzt sind wir bei 16 Millionen. Davon kommen circa 1,7 Millionen Euro aus einem einmaligen Rechnungsaufschlag des Bundes. Der Rest sind Einsparungen. Das Personal gibt sich Mühe, kämpft aber gegen Windmühlen, weil im Gegenzug nicht mehr vom Bund kommt. Im Sozialhaushalt ist es ähnlich – wir sparen zwei Millionen, und dann kommen wieder zwölf Millionen obendrauf. Wir freuen uns über Fördermittel. Aber ein Fördertopf bringt immer Bürokratie mit sich. Der Bund sollte das Geld nicht in Fördertöpfe, sondern uns in die Hand geben – zum Beispiel indem er unseren Anteil an der Umsatzsteuer erhöht. Drei Prozent mehr, dann haben wir das Geld, mit dem wir planen können. Aktuell gilt das „Taschengeldprinzip“: Wir gehen zu Land und Bund, sagen, wir brauchen Geld, und dann heißt es: „Da kriegt Ihr wieder ein paar Euro.“
Hoffnung setzt der Kreis in die Krankenhausreform. Ist hier Entlastung in Sicht?
Die Hoffnung ist da. Das Problem ist: Es fehlt noch das Preisschild. Was kriegen wir wirklich? Wie viel Personal müssen wir vorhalten? Im Detail fehlen uns hier noch die finanziellen Auswirkungen.
Aber das ist ja der entscheidende Punkt.
Genau. Bei anderen Reformen war es auch schon so, dass der Name geändert wurde, aber nichts beim Geld. Das darf nicht passieren. Wir brauchen in einem Krankenhaus wie in Freudenstadt eine Vorhaltepauschale, die den Namen auch verdient. Bis die Finanzierung kommt, muss aber noch mal Übergangsgeld fließen. Sonst schaffen wir das einfach nicht. Wenn wir die Kreisumlagesätze vergleichen: Acht Prozentpunkte des Kreisumlagehebesatzes gehen in Richtung Krankenhaus. Wenn wir die abziehen, sind wir bei der Kreisumlage in einem Rahmen, in dem viele andere Landkreise auch sind.
Eine weitere Erhöhung der Kreisumlage möchten Sie um jeden Preis vermeiden...
Definitiv. Unsere Gemeinden sind kurz davor, erdrückt zu werden. Die Ausgaben gibt uns der Bund vor, und bei den Einnahmen können wir nicht mehr holen. In diesem Spannungsfeld hängen wir.
Bedeutet, dass sich bei den Ausgaben was tun muss...
Ja. Ich bin der Meinung, die Lösung für die aktuelle Situation in Deutschland – auch in der Wirtschaft – ist es, an die Ausgaben heranzugehen. Wenn wir sehen, wie viele Steuereinnahmen mittlerweile für den Verwaltungsapparat ausgegeben werden – das können wir nicht weiter steigern. Die Wirtschaft sagt, dass sie Entlastungen braucht. Bund und Land müssen insgesamt an die Ausgaben ran, weil sie die Einnahmen nicht verändern können. Bei uns ist es das gleiche Prinzip.
Wo kann der Kreis überhaupt noch sparen?
Zwölf Millionen Euro können wir gar nicht reinholen. Trotzdem versuchen wir, unsere Prozesse zu optimieren. Wenn wir gezwungen sind, die Ausgaben zu verringern, müssen wir bei Themen ansetzen, bei denen wir nicht sparen wollen. Wir haben keine „Nice-to-haves“ mehr. Es gibt kein großes Opernhaus in Freudenstadt, bei dem wir sagen könnten: Dann finden halt weniger Opern statt. Wir sind auf einem sehr bodenständigen Standard.
Der Frust Richtung Bund und Land war auch schon bei ihrem Vorgänger groß. Damals wurde über drastische Schritte gesprochen. Wie viel Druck möchten Sie machen?
In diesem Jahr muss sich etwas tun. Dass die Entwicklung 2027, 2028 und 2029 so weitergeht, ist nicht machbar. Der Unterschied zu meinem Vorgänger ist, dass der Druck vergangenes Jahr in anderen Landkreisen noch nicht so hoch war. Jetzt sind wir in der Situation, dass vermutlich 31 von 35 Landkreisen ihren Haushalt nicht mehr ausgleichen können. Dadurch treten wir als Landkreistag massiver und geschlossener auf. Wir setzen daran an, den Anteil an der Umsatzsteuer hochzubekommen.
Also gehen Sie davon aus, dass der Bund 2026 handelt?
Die Umsetzung muss kommen. Wenn wir nächstes Jahr noch mal zwölf Millionen Euro draufpacken, kriegen wir das nicht mehr gestemmt. Es braucht eine große Reform.
Aber glauben Sie, dass die auch kommt?
Ich bin der Meinung, der Druck wird dieses Jahr so hoch sein, dass sie kommen muss.
Schafft es der Kreis, einen genehmigungsfähigen Haushalt 2026 vorzulegen?
Es wird richtig eng. Das Ziel ist, dass wir es hinbekommen. Die Frage ist aber: zu welchem Preis? Klar ist, dass wir keine großen Projekte einpreisen werden können. Es wird schon sehr anspruchsvoll, den Status quo zu halten.
Wo gibt es trotz der schwierigen Finanzlage positive Aussichten im Landkreis?
Ich bin dankbar, dass unsere Tourismusregion ein großes Standbein für uns ist. Da geht es nicht nur um die Übernachtungszahlen – es hängen auch Handwerker daran, die Baumaßnahmen umsetzen, und, und, und. Unsere Industrie ist breit aufgestellt. Ja, der Maschinenbau tut sich gerade im Weltmarkt schwer. Aber wenn man hört, wie viele Stellen in Pforzheim bei Automobilzulieferern wegfallen, sind wir froh, dass wir da breiter aufgestellt sind. Unsere Vereine sind sehr engagiert. Gerade durch Corona haben die jüngeren Generationen gelernt, sich selbst zu organisieren und Dinge auf die Beine zu stellen. Das ist die Stärke des Landkreises: Wir packen an. An der einen oder anderen Stelle braucht es noch Geld vom Bund – und wenn wir das Geld kriegen, können wir richtig was bewegen.