Im Prozess gegen den rasenden Autodieb von Sulz vor dem Landgericht Rottweil ergeht am Freitag voraussichtlich das Urteil. Foto: Günther

Im Prozess gegen den Autodieb, der sich mit der Polizei bei Sulz eine Verfolgungsjagd geliefert hatte, sieht die Staatsanwältin nur noch versuchten Totschlag.

Kreis Rottweil - Staatsanwältin Sama Martina hat bereits ihren Schlussvortrag gehalten. Darin änderte sie den bisherigen Vorwurf an den Beschuldigten ab, einen versuchten Mord begangen zu haben und erkannte die Tat nun als versuchten Totschlag. Sie forderte jedoch nach wie vor die Unterbringung des Mannes in einer psychiatrischen Klinik. "Er ist eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit."

Ganz knapp an Polizistin vorbeigerast

Die Geschehnisse, die zu diesem Prozess führten, in Kurzfassung: Der Beschuldigte, ein 36-Jähriger aus dem Kreis Freudenstadt, hatte Anfang Februar kurz nacheinander zwei Autos gestohlen. Mit dem zweiten geriet er in Oberndorf in eine Verkehrskontrolle, ergriff die Flucht und raste, von drei Streifenwagen verfolgt, mit halsbrecherischer Geschwindigkeit in ein Gewerbegebiet von Sulz.

Dort versperrte ihm eine Polizistin den Weg. Mit nur wenigen Zentimetern Abstand fuhr er Beschuldigte laut Zeugenaussagen in hohem Tempo an ihr vorbei, um seine Flucht fortzusetzen.

Den Tod billigend in Kauf genommen

Das interpretierte die Staatsanwaltschaft in ihrem Antrag zunächst als versuchten Mord, änderte den Vorwurf jetzt jedoch in versuchten Totschlag. Der Beschuldigte habe den möglichen Tod der Polizeibeamtin bei seinem gefährlichen Manöver billigend in Kauf genommen und damit seine Freiheit über das Leben anderer gestellt, erklärte Staatsanwältin Martina in ihrem Plädoyer.

Gute Argumente gegen den Vorwurf des Mordes legte am vierten Prozesstag der Gutachter Ralph-Michael Schulte aus Gemmrigheim vor. Der Facharzt für Neurologie, Psychiatrie und Psychotherapie kam zu dem Schluss: "Auf seiner Flucht hatte der Beschuldigte wahrscheinlich gar keinen klaren Gedanken." Der 36-Jährige habe vermutlich nur noch gedacht "ich muss hier weg!", erläuterte der Mediziner vor Gericht.

Mehr als 20 Mal in stationärer Behandlung

Der Mann war nach Darstellung Schultes seit 2009 weit mehr als 20 Mal in psychiatrischer stationärer Behandlung gewesen, zuletzt von November bis Dezember 2021. Laut Schultes Diagnose leidet der 36-Jährige an einer schizo-affektiven Psychose mit manischen und depressiven Phasen. Bei seinen bisherigen Aufenthalten in der Psychiatrie habe es sich im Wesentlichen um Krisenintervention gehandelt, befand der Gutachter.

Anfang Februar habe der Beschuldigte erneut unter einem manischen Schub gelitten, stellte Schulte fest. Bei der Verfolgungsjagd mit der Polizei und der lebensgefährlichen Episode mit der Polizeibeamtin am Ende spreche sehr viel für seine Schuldunfähigkeit. Die wilde Flucht sei ausschließlich psychotisch motiviert gewesen. Ob das auch für die anderen Taten des 36-Jährigen galt, etwa für die Autodiebstähle, ließ der Gutachter offen.

Schulte legte die Unterbringung des Mannes in einer psychiatrischen Klinik nahe. "Er steht jetzt ganz am Anfang einer Therapie", betonte er. Diese könne drei bis vier Jahre dauern, wenn es optimal laufe. Der Beschuldigte werde allerdings zeitlebens mit manischen Schüben zu rechnen haben, erläuterte der Arzt. Für einen Hauch Optimismus ließ er aber noch Raum. "Er kann lernen, damit umzugehen."

Unfallanalyst spricht von gefährlichen Situationen

Vor dem Psychiater gab als Gutachter der Ingenieur Frank Rauland seine Expertise vor der Strafkammer ab. Der Leiter der Abteilung Unfallanalyse bei der Dekra in Reutlingen legte dar, dass der Beschuldigte auf seiner Flucht von Oberndorf nach Sulz zahlreiche gefährliche Situationen hervorgerufen hatte. Insbesondere seine knapp Vorbeifahrt an der Polizistin sei "sehr risikobehaftet" gewesen.

Reifen am Fahrzeug geplatzt

Denn zu diesem Zeitpunkt war bereits ein Reifen des Fluchtfahrzeugs geplatzt, das Fahrverhalten dementsprechend schwammig gewesen. Der schlechte Untergrund an der betroffenen Stelle habe die Situation auch nicht verbessert. Das Tempo, mit dem der Beschuldigte an der Polizistin vorbeigefahren sei, habe laut Rauland bis zu 73 Stundenkilometer betragen können.

Neben den beiden Gutachten sagte am vierten Prozesstag auch die amtliche Betreuerin des Beschuldigten aus. Sie berichtete, dass es mit ihrem Patienten bis Oktober 2021 relativ gut lief, aber dann seien Probleme aufgetreten. Nach dem ersten Autodiebstahl im Februar hatte die Polizei die Betreuerin angerufen. Doch das hatte sie keineswegs alarmiert. "Dass die Polizei anrief wegen ihm", berichtete sie, "das war nichts Besonderes."

Das Urteil in dem Prozess ergeht voraussichtlich am Freitag, 12. August.