Ein 45-jähriger Ukrainer, steht wegen versuchten Mordes vor der Großen Strafkammer des Hechinger Landgerichts. Vor Gericht entschuldigt sich der Mann.
Der 45-jährige Angeklagte, der in Fußfesseln vorgeführt wird, sitzt seit November 2024 in Untersuchungshaft. Warum wollte er einen 39-jährigen Landsmann töten?
Laut der Anklage, die die Staatsanwältin verlas, war er am 9. November 2024 unter Alkohol- und Drogeneinfluss mit einem 18 Zentimeter langen Küchenmesser vor dem Haus in der Wilhelm-Kraut-Straße in Balingen erschienen und auf seinen Landsmann losgegangen. Als Motiv vermutet die Staatsanwaltschaft Polizistenhass.
Tatsache ist, dass der Mann, dem die Attacke galt, davor in der Ukraine als Polizist gearbeitet hatte – zufällig im gleichen Bezirk, in dem der jetzt Angeklagte mit seiner Familie wohnte.
Der Angeklagte wirkt ruhig, fast schon apathisch
Als Polizist hatte der 39-Jährige gelernt, in einer solchen Situation richtig zu reagieren: Er brachte den Angreifer zu Boden und hielt dessen Messerarm fest, bis die Polizei kam. Nicht so einfach sei das gewesen, sagt der Ex-Polizist im Zeugenstand.
Denn der Angeklagte sei ein kräftiger Mann. Das bekamen auch die Polizeibeamten zu spüren, die Minuten später mit zwei Streifenwagen vor Ort waren und Schwierigkeiten hatten, dem randalierenden Angreifer das Messer abzunehmen.
Dass er ungewöhnlich kräftig ist und unter Alkohol aggressiv werden kann, erkennt man nicht sofort: Der Angeklagte wirkt ruhig, fast schon apathisch, hageres Gesicht, Kurzhaarschnitt, weißes Hemd, dunkle Weste.
Angeklagter entschuldigt sich
Er entschuldige sich für sein Verhalten, heißt es in der schriftlichen Erklärung, die sein Verteidiger verlas. Er entschuldige sich bei seinem Landsmann und bei den Balinger Polizeibeamten, die er beleidigt habe. Er sei betrunken gewesen, habe nur lückenhafte Erinnerungen. Er wisse, dass er mit dem Messer zur Wohnung des Landsmanns gegangen sei, „um ihn zu erschrecken“. Warum es zur Attacke gekommen sei, könne er nicht sagen. Und dass er einen Hass auf die Polizei habe, treffe nicht zu.
Bereitwillig macht er Angaben zu seiner Person: Er sei in Kiew geboren und aufgewachsen, habe bis zu seinem 19. Lebensjahr bei seinen Eltern gelebt. Er habe einen Lkw-Führerschein und habe in der Möbelmontage gearbeitet.
Nach dem russischen Angriff habe er mit seiner Familie die Ukraine verlassen. Er selbst habe „als Vater einer kinderreichen Familie“ nicht an die Front gehen müssen und habe seine Frau und die vier Kinder in Sicherheit bringen wollen.
Richter fragt nach Alkoholproblem
Bereits im März 2022 habe er eine Ausbildungsstelle als Schreiner bekommen. Von dem, was er verdiene, müsse er monatlich Geld für das Haus in Kiew überweisen, „aber das ist nicht so viel“.
Bei dem Vorfall im November sei der jetzt Angeklagte massiv alkoholisiert gewesen, habe auch THC im Blut gehabt, sagt der Richter und erkundigte sich, ob der Mann ein Alkoholproblem habe. Habe er nicht, erklärt der Angeklagte mit Hilfe seiner Dolmetscherin. „Aber ich trinke.“ Vor allem an den Wochenenden. Warum? Vielleicht, weil er hier in Deutschland mit niemandem Kontakt habe.
Den 39-jährigen Landsmann habe er ein paar Monate vor dem „Vorfall“ kennengelernt. Man habe ein „normales Verhältnis wie zu einem Landsmann“ gehabt. Der 39-jährige Ex-Polizist erklärte, dass sein Bekannter ihn zuweilen beschimpft und in einem Fall auch erklärt habe, dass man „alle Bullen abstechen“ müsse. An jenem Abend sei der Angeklagte vor seinem Haus in der Wilhelm-Kraut-Straße erschienen und habe ihn telefonisch gebeten, herauszukommen.
Verhandlung wird am Donnerstag fortgesetzt
Draußen habe er das Messer gezückt mit den Worten: „Ich stech dich ab, und die Leute sagen Danke dafür!“ Seither habe er Probleme beim Einschlafen und habe Angst, abends aus dem Haus zu gehen, schaue sich immer genau um.
Er habe auch Angst, dass seiner seiner Familie etwas zustoßen könnte. Dabei sei er ja nur nach Deutschland gekommen, um mit seiner Familie in Sicherheit zu leben. „Ich wollte dich nicht umbringen, ich war nicht bei mir“, sagt der Angeklagte. „Ich schäme mich sehr!“
Die Verhandlung wird am Donnerstag, 17. April, um 9 Uhr fortgesetzt.