Gemeinden wie Böhmenkirch sind im Wandel Foto: Bock

Die Landflucht in Baden-Württemberg hat begonnen. Experten sagen deutliche Einwohnerrückgänge in den nächsten Jahren voraus. Viele kleine Gemeinden müssen sich dem Wandel stellen – und tun sich dabei unterschiedlich schwer.

Die Landflucht in Baden-Württemberg hat begonnen. Experten sagen deutliche Einwohnerrückgänge in den nächsten Jahren voraus. Viele kleine Gemeinden müssen sich dem Wandel stellen – und tun sich dabei unterschiedlich schwer.

Stuttgart - Manchmal nutzen auch die ­besten Prognosen nichts. Es ist noch gar nicht so lange her, da sprach man von der Stadtflucht. Hinaus ins Grüne wollten viele Menschen. Eine Kehrtwende war nicht abzusehen. Und doch ist sie gekommen. Seit ­einigen Jahren erfreuen sich die Städte immer größerer Beliebtheit. Trotz Wohnungsmangels, trotz hoher Preise. Und das Land wird immer mehr zum Sorgenkind.

Die Postkartenidylle kämpft vielerorts ums Überleben. Schulen und Geschäfte schließen, Ärzte machen ihre Praxen dicht. Das Statistische Landesamt verzeichnet eine immer länger werdende Liste an Gemeinden, die schrumpfen. Fast immer liegen sie im ländlichen Raum. Dem Schwarzwald, aber auch der Schwäbischen Alb, dem ­Neckar-Odenwald-Kreis oder der Region Hohenlohe laufen mancherorts die Einwohner davon. Was also tun?

Grundlage für viele Überlegungen bildet eine Studie der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2011. Sie untersucht ausführlich die Veränderungen in Baden-Württemberg. Der ländliche Raum, so die Schlussfolgerung, steht im bundesweiten Vergleich zwar gut da. Praktisch menschenleere Landstriche wie etwa in Brandenburg gibt es im Südwesten noch nicht. Aber: Seit einigen Jahren ist die Entwicklung negativ und bereitet den Experten Sorge.

Seit 2002 verläuft die Bevölkerungsentwicklung auf dem Land schlechter als in den Städten. Seit 2006 verliert der ländliche Raum sogar Einwohner. Und er wird das nach Meinung der Fachleute künftig noch stärker tun. Die Studie prophezeit bis 2030 einen Einwohnerverlust auf dem Land von sieben bis 17 Prozent. Bei den Menschen im erwerbsfähigen Alter sieht sie sogar mögliche Rückgänge von bis zu 20 Prozent, während sich die Zahlen in den Städten deutlich besser entwickeln. Junge Menschen, so die Schlussfolgerung, verlassen für Studium und Ausbildung die Dörfer – und kommen danach kaum noch zurück.

Zangengriff von natürlicher Schrumpfung und Abwanderung

„Immer mehr Gemeinden im ländlichen Raum werden sich zukünftig einem Zangengriff von natürlicher Schrumpfung und Abwanderung ausgesetzt sehen“, heißt es in der Studie. Und: Der demografische Wandel treffe vor allem kleinere Gemeinden ohne leistungsfähige Infrastruktur. Die Folgen wären verheerend: immer weitere Wege für die Menschen, egal ob es um den Arztbesuch, die Schule oder das Einkaufen geht.

Auch die Wirtschaft, die derzeit auf dem Land noch stark ist, muss sich deshalb Sorgen machen. Ohne eine junge, gut ausgebildete Bevölkerung wird es schwer, die richtigen Mitarbeiter zu bekommen. „Der Fachkräftemangel ist bei den Unternehmen bereits angekommen“, sagt Karl Burgmaier. Er ist im Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz für das Entwicklungsprogramm Ländlicher Raum (ELR) zuständig. Damit unterstützt die Landesregierung Gemeinden, aber auch Firmen und ­Privatpersonen auf dem Land, etwa bei der Sanierung von Ortskernen und Wohnhäusern oder dem Ausbau von Unternehmen.

Die Nachfrage ist enorm. Gut 60 Millionen Euro fließen in diesem Jahr in 704 Projekte quer durch Baden-Württemberg. Die Zahl der Anträge ist deutlich höher gewesen. „Wir haben noch nie so viele Mittel zur Verfügung gestellt“, sagt Burgmaier. Man wolle damit in erster Linie Arbeitsplätze und Lebensqualität sichern. Derzeit wird das ­Programm überarbeitet, um das Geld ­künftig noch flexibler einsetzen zu können.

Das klingt ein wenig nach dem Gießkannenprinzip. Die Studie der Universität Stuttgart empfiehlt, auf dem Land wirtschaftliche Schwerpunkte zu bilden und die interkommunale Zusammenarbeit zu verbessern. Doch die Vertreter der kleineren Gemeinden sind mit der Förderung zufrieden. „Das Programm ist notwendig und hilfreich“, sagt Dietmar Ruf vom Gemeindetag Baden-Württemberg. Man müsse aber über dessen finanzielle Ausstattung sprechen, denn mit den neuen Richtlinien, glaubt er, wird die Zahl der Antragsteller noch weiter steigen. Der Bedarf wachse ständig: „Es gibt bereits diverse Gemeinden mit Einwohnerverlusten und erheblichen Leerständen.“

„Die anstehenden Herausforderungen lassen sich nur mit Weitblick und Kooperation meistern“, sagt Alexander Bonde (Grüne), der Minister für den ländlichen Raum. Es sei wichtig, dass Baden-Württemberg in der Fläche stark bleibe. Deshalb wolle das Land auch mit Finanzmitteln möglichst gut helfen. Viele kleine Gemeinden tun das Ihre – etwa mit kostenlosen Dienstwohnungen für Ärzte oder Sanierungsprogrammen. Ob das reicht, um die Postkartenidylle zu erhalten, muss aber erst die Zukunft zeigen.

Unsere Zeitung wird sich in den nächsten Wochen intensiv mit der Entwicklung des ländlichen Raums befassen und dabei für die Leser einzelne Problemfelder genauer unter die Lupe nehmen. Hintergrund: Was ist der ländliche Raum?

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