Halbseitig gesperrt, verschalt und mit Beton bedeckt: Die Landesstraße 1188 (Leonberger Straße) im Norden der Stadt Sindelfingen. Klicken Sie sich durch die Bildergalerie. Foto: Peter Petsch

Fahrbahn bei Sindelfingen in Beton gegossen – Autobauer plant in Immendingen Prüf- und Technologiezentrum.

Sindelfingen - Die Landesstraße mit der Nummer 1188 ist bei Sindelfingen seit Anfang April halbseitig gesperrt. Autofahrer kommen auf der körnigen Asphaltstrecke zwar noch aus der Stadt in Richtung Leonberg und Stuttgart, aber nicht mehr zurück. „Wir haben eine Handvoll Protestanrufe bekommen“, sagt Günther Biermann, Leiter der Straßenverkehr- und Bußgeldbehörde im Sindelfinger Rathaus. Tenor der Anrufer: Ist es denn wirklich nötig, wegen der Daimler AG den Verkehr so massiv zu behindern?

Für die Mercedes-Bauer, deren größtes Werk in Sindelfingen steht, ist der Zugriff auf die Straße wichtig. „Es geht um den kundenrelevanten Fahrkomfort“, sagt Entwicklungsingenieur Christian Olfens. Und der Eigentümer der Straße hatte nichts dagegen: „Das Land hat’s genehmigt“, so Biermann am Mittwoch. Dort zählt offenbar ein weiteres Argument der Automobilfirma für die noch eine Woche dauernde Straßensperrung: „Wir machen es wegen der Verkehrsentlastung“, sagt Daimler-Sprecher Markus Mainka. Das Unternehmen will die Erprobungsfahrten auf öffentlichen Straßen reduzieren und verstärkt auf eigenem Gelände testen.

Vibration von Fahrzeugen wird getestet

Doch was genau macht Daimler jetzt bei Sindelfingen? „Wir kopieren die Strecke“, erklärt Olfens. Die typische Straße – „nicht besonders schlecht, nicht besonders gut“ (Olfens) – soll dann zunächst auf dem Testgelände im niedersächsischen Papenburg (Kreis Emsland) nachgebildet werden. Später soll die L 1188 mit ihrer körnigen Oberfläche und ihren Rissen auch in Immendingen (Kreis Tuttlingen) nachgebaut werden. Die Daimler AG plant dort auf einem heutigen Bundeswehrgelände ein Prüf- und Technologiezentrum. Firmensprecher Mainka geht davon aus, dass das Zentrum mit Teststrecken in den Jahren 2015/16 fertig sein kann.

Geprüft werden sollen auf der nachgebauten Straße vor allem die Vibrationen von Fahrzeugen. Die unerwünschten Schwingungen ließen sich auf einer immer gleichen Strecke besser bewerten, so Entwicklungsingenieur Olfens. Die eigene Teststrecke kann Daimler zudem mehrfach hintereinander abfahren. „Wir haben immer exakt die gleichen Bedingungen und unterliegen nicht den Einflüssen des sonstigen Verkehrs“, nennt Mainka weitere Vorteile. Bereits im November 2011 hatte Daimler 800 Meter der L 1175 bei Friolzheim (Enzkreis) kopiert. Diese Piste mit Schlaglöchern und Bodenwellen soll ebenfalls in diesem Jahr in Papenburg, später in Immendingen nachgebaut werden.  Sie soll dem Test von Stoßdämpfern und Fahrgestellen dienen. Weitere Fahrbahnkopien sind laut Mainka nicht vorgesehen.

In Sindelfingen hat sich Daimler für die künftigen Teststrecken 500 Meter Straße in zwei Abschnitten ausgeguckt. Um das Streckenprofil zu kopieren, wird die Fahrbahn in Beton gegossen. Bauleiter Thomas Löschke vom Ingenieurbüro Aquasoil in Westheim bei Nürnberg erklärt, wie es geht: Die Straße wird zunächst gereinigt und zu ihrem Schutz eine dünne Plastikfolie verlegt. Dann werden Holzverschalungen gebaut, in die etwa 20 Zentimeter hoch Beton geschüttet wird. So entstehen Betonplatten, die 70 oder 120 Zentimeter breit und 1,60 bis vier Meter lang sind. Das sind die Negative für den Straßennachbau. Die Positive werden später in einem Fertigteilwerk gegossen. Sie können dann mehrfach verwendet werden.

Die Arbeiten an der L 1188 (Leonberger Straße) in Sindelfingen sollen am Donnerstag, 26. April, abgeschlossen sein. Dann ist die Daimler-Stadt aus Richtung Leonberg und Stuttgart wieder auf direktem Weg zu erreichen. Während der am 4. April begonnenen Arbeiten war die Straße viermal nachts, zuletzt in der Nacht zum heutigen Donnerstag, komplett gesperrt.

Zu den Kosten der Streckenkopie macht Daimler-Sprecher Mainka keine Angaben.

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