Ein 88-Jähriger tötet beim Ausparken eine Frau und verletzt zwei Kinder. Lag es am Alter? Aus Expertensicht geht von Senioren im Straßenverkehr keine besonders hohe Gefahr aus.
Stuttgart/Bretten - Nachdem ein 88 Jahre alter Autofahrer beim Ausparken einen schweren Unfall verursacht hat, warnen Experten vor pauschaler Kritik gegen Senioren am Steuer. Der Mann hatte am Montag auf einem Supermarktparkplatz in Bretten (Kreis Karlsruhe) eine 34-Jährige angefahren, die mit ihren beiden Töchtern zu Fuß unterwegs war. Sie konnte sich zwar zunächst wieder aufrichten - der Fahrer setzte aber ein zweites Mal zurück und klemmte sie zwischen seinem Auto und einem parkenden Wagen ein. Sie starb wenig später. Die Ermittler überprüfen derzeit die Fahrtüchtigkeit des Mannes.
Aus Sicht des Landesseniorenrates handelt es sich bei dem Unfall um einen dramatischen Einzelfall. „Die meisten älteren Menschen können ihre Fahrtüchtigkeit gut einschätzen“, sagte die Geschäftsführerin Birgit Faigle am Mittwoch. Ihrer Einschätzung nach sind Senioren nur in Einzelfällen für derart schwere Unfälle verantwortlich.
Der Automobilclub ADAC bestätigt das. Autofahrer über 65 Jahre seien bundesweit lediglich in 13 Prozent aller Fälle Verursacher eines Autounfalls mit Personenschaden - obwohl ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung deutlich höher liege, sagte ein ADAC-Sprecher in München. In Hinblick auf Bretten betonte er: „Wegen solcher Unfälle - so schrecklich sie sind - sehen wir keinen Anlass, eine ganze Gruppe zu diskriminieren.“ Er sprach sich auch gegen immer wieder diskutierte verpflichtende Gesundheits-Checks für ältere Autofahrer aus: „Es wäre ein bürokratischer Wahnsinn und nur eine Momentaufnahme.“
Sing empfiehlt regelmäßiges Fahrsicherheitstraining für Senioren
Der Vorsitzende des Landesseniorenrates, Roland Sing, empfiehlt älteren Autofahrern, regelmäßig an Fahrsicherheitstrainings teilzunehmen. „Alle zwei Jahre wäre sicher sinnvoll“, sagte er der Nachrichtenagentur dpa. „Wenn das verpflichtend kommt, habe ich nichts dagegen, obwohl mir Freiwilligkeit immer lieber ist.“
Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sollte Sings Ansicht nach bei Senioren mehr für solche Trainings werben. Viele ältere Autofahrer wüssten nichts von der Möglichkeit. Nach Einschätzung von Geschäftsführerin Faigle haben viele Ältere auch Angst, an einem Training teilzunehmen - sie befürchteten, Fehler zu machen und ihren Führerschein zu verlieren.
Bei dem Unfall in Bretten wurden auch die beiden Töchter der 34-Jährigen verletzt. Eines der Mädchen schwebt inzwischen nicht mehr in Lebensgefahr, wie ein Polizeisprecher sagte. Ein Säugling wurde leicht verletzt, liegt aber noch im Krankenhaus. „So einen Säugling möchte man lieber länger dabehalten. Er kann ja nicht artikulieren, ob ihm etwas wehtut“, sagte ein Sprecher der Klinik. Es sei unermesslich, was der Vater und die Angehörigen jetzt durchmachten. Die Frau war Mutter von fünf Kindern.