Der erste Bauabschnitt der Neckarrevitalisierung neigt sich dem Ende zu. Wir haben uns dazu mit Landschaftsarchitekt Peter Geitz mal auf Entdeckungsreise begeben.
Schon von Weitem ist es zu hören: Er plätschert wieder. Dort, wo einst bei der ENRW das Wehr für Stillstand im Neckar sorgte, ist Leben eingezogen. Die ersten Pflanzen sprießen.
Die Revitalisierung des Neckars, eine Maßnahme des Landes, ist ein zentrales Projekt im Vorfeld der Landesgartenschau. Auf knapp zwei Kilometern wird der bislang dort kanalisierte, technisch verbaute Fluss naturnah umgestaltet. Seit eineinhalb Jahren laufen die Arbeiten.
Man gerät ins Staunen, wenn man sieht, was sich seit den Führungen im vergangenen Jahr alles verändert hat. Und man staunt, was man mit natürlichen Baustoffen alles herstellen kann. Landschaftsarchitekt Peter Geitz aus Stuttgart gibt auf der gut zweieinhalbstündigen Tour vielfältige Einblicke in diesen ganz neuen Lebensraum am Neckar.
Pflanzen bilden Triebe aus
Auf der gegenüberliegenden Seite der einstigen ENRW-Gebäude ist die Uferbefestigung fertig, und die ersten Pflanzen, wie Erlen, Weiden, Bergahorne, Pfaffenhütchen, Weißdorn, Hasel und wilde Rose – alle von Hand gepflanzt – bilden zarte Triebe aus.
Dazwischen finden sich nicht austriebsfähiges Reisig aus Zweigen aller Art, auch Nadelgehölze (von den Rottweiler Weihnachtsbäumen), Thuja, und anderes „Füllmaterial“, wie Peter Geitz erklärt. Diese Zweige dienen bei Hochwasser als Schutz vor Erosion, bis die lebenden Pflanzen Wurzeln getrieben haben. „Reisig bremst das Wasser hervorragend dort, wo es sonst Erosion verursacht“, weiß Peter Geitz.
Schutz vor dem Biber
Zwischen Wasseroberfläche und Anpflanzungen sind weiße „Leinen“ gespannt. „Ein Elektrozaun, um den Biber abzuwehren“, erklärt der Experte. Denn der sei momentan der größte Feind für die jungen Triebe. „Die müssen erst mal drei Jahre wachsen dürfen, dann sind sie gegen Verbiss stabil genug entwickelt“, so Geitz weiter.
Wie schnell die Natur sich Räume wieder erobert ist auf beeindruckende Weise auf der gesamten Länge flussaufwärts zu sehen. „Sobald es wärmer wird, wird das Grün hier wahrhaft explodieren. Am Wasser wächst alles noch viel schneller“, freut sich Geitz.
Beim ENRW-Gebäude, in dem Gastronomie Einzug halten soll, ragt noch eine Betonmauer in den Fluss. Aber auch sie wird demnächst zugunsten einer großen Ufertreppe größtenteils weichen.
„Hindernisse“ im Flussbett
Wir gehen weiter in Richtung Primmündung. An der Wasserkante dominieren Weide, Erle und Eschen. Und auch die echte Neckar-Schwarzpappel wird hier wieder angesiedelt. Schon gepflanzt wurden Zitterpappeln. Im Flussbett finden sich allerlei „Hindernisse“, wie große Steine, oder in U-Form angelegte Steininseln, „in denen sich die Fische liebend gern aufhalten“, wie Peter Geitz weiß.
Apropos Fische: Die wurden auch schon gesichtet. „Ein riesiger Schwarm von Elritzen-Jungfischen hat sich schon im neuen, ruhigen Altarm eingefunden“, weiß Geitz. Und auch einige Entenpaare schwimmen munter durch den Neckar.
Tierparadies am Schwarzen Felsen
Ein wahres Paradies für Vögel, Reptilien, Schmetterlinge und Co. ist am Schwarzen Felsen entstanden. Ganz unterschiedliche Vogelarten wie Bach- oder Gebirgsstelze und Zaunkönig sind anzutreffen. Auch die Wasseramsel und der hübsch blaue Eisvogel sind unterwegs.
Die kleinen Buhnen im Wasser, ebenso das Totholz, das hier vom Ufer hineinragt, sorgen für mehr „Lebendigkeit und Lebensräume“ des Neckars. Je rauer das neue Ufer gestaltet wird, umso geringer sind Fließgeschwindigkeit und Erosionsgefahr. „Das ist die große Dienstleistung der Pflanzen an naturnah bewachsenen Ufern“, erklärt Geitz.
„Neue“ Insel beeindruckt
Die „neue“ Neckarinsel kurz vor der Primmündung beeindruckt. Im hinteren Bereich ist der Neckar wieder in seinem ganz ursprünglichen Bett und wird sein Ufer selbst „gestalten“. Es gebe nur wenige Möglichkeiten, den Fluss sich selbst zu überlassen. Aber hier sei dies möglich, und man dürfe gespannt sein, wie sich der Prallhang verändere.
Der zweite Neckararm bei der Insel ist nur von unten her eingestaut und heute nahezu wasserlos. Aber das ist gewollt. Bei höheren Wasserständen fülle sich der von allein, und diene jetzt beispielsweise Jungfischen als ruhige Ausweichfläche und Fischkinderstube. Für den neuen Fuß- und Radweg musste auf der Bahnseite eine sieben Meter hohe Böschung aufgeschüttet und ingenieurbiologisch befestigt werden.
Die Primmündung ist zwischenzeitlich ebenfalls umgestaltet und geöffnet. Man kann herrlich beobachten, wie hier Neckar- und Primwasser zusammenfließen. Und wenn dann erst die verschiedenen Wege am Wasser, über den Weinberg, oder oben parallel zu den Bahngleisen, fertiggestellt sind, dann dürfte dies ein wunderbares Ausflugsparadies in die Natur werden, das Staunen und Entdecken lässt. Der Vorgeschmack ist bereits jetzt grandios.