Landesarchiv-Präsident Gerald Maier arbeitet „gegen schwarze Löcher der Geschichte“ Foto: Landesarchiv

Archive sind für Gerald Maier, Präsident des Landesarchivs Baden-Württemberg, „ein Baustein unserer Demokratie“. Wie sieht die Zukunft dieses Bausteins aus? Die „Stuttgarter Nachrichten“ haben nachgefragt.

Stuttgart - Regelrecht ins Scheinwerferlicht katapultiert hat sich das Landesarchiv Baden-Württemberg mit seinen jüngsten Anstrengungen, das weitere Erforschen des Nachkriegsthemas „Verschickungskinder“ in größtmöglichem Umfang zu sichern. Präsident Gerald Maier sagt hierzu, es gehe grundsätzlich darum, „schwarze Löcher der Geschichte“ zu verhindern. Für Maier sind Archive „ein Baustein unserer Demokratie“.

Digitalisierung ist nicht alles

Welche Rolle aber können Archive wirklich spielen? Wo liegen ihre Chancen – und wo ihre Grenzen? Diese und andere Fragen hat Gerald Maier den „Stuttgarter Nachrichten“ beantwortet. Wie realistisch ist etwa die Idee eines nurmehr digitalen Archivs?

„Eine Komplettdigitalisierung aller Unterlagen des Landesarchivs mit über 320 Regalkilometern Pergament und Papier ist wohl auf lange Zeit nicht finanzierbar“, sagt Maier – „denn wir sprechen hier von über einer Milliarde Digitalisate. Selbst bei einer Volldigitalisierung mit einer automatischen Texterkennung für handschriftliches Material – die es derzeit ohnehin nur für einen ganz kleinen Bruchteil der Unterlagen gibt – würden sich wie bei Internetrecherchen ellenlange Trefferlisten ergeben, in denen das Gesuchte untergeht“.

Heutige Archive sind „unverzichtbar“

Was ist die Alternative? „Digitization on Demand“ nennen die Archivfachleute die Sicherung der Originale mit einer ausgewählten Digitalisierung. „ Die uns heute vertrauten Formen der Archive“, sagt Landesarchivpräsident Maier, „sind die Voraussetzung einer solchen nutzungsorientierten Strategie und daher unverzichtbar“.

Teil unserer Geschichte

„Archivgut ist Kulturgut“ propagiert man nicht nur im Landesarchiv. Was das bedeutet? „Wenn die Menschen ins Museum gehen“, sagt Gerald Maier, „wollen sie auch die Aura der Originale spüren, sei es ein keltisches Schmuckstück oder ein berühmtes Bild wie die Mona Lisa – und genauso ist es auch mit Archivgut“.

Für Maier ist da noch mehr: „In den Archiven kommt hinzu“, sagt er, „dass es Stücke sind, die zur Geschichte der Besucherinnen und Besucher gehören, über ihre heutige Lebenswelt informieren – Auskunft geben über das Wollen, das Leiden und das Gestalten der Menschen in diesem Raum“.

Baustein unserer Demokratie

Wie weit greift dieser Gedanke aus? „Archive“, sagt Gerald Maier, „sind das zu Recht viel zitierte Gedächtnis der Gesellschaft; sie sind als Ort der Transparenz von historischen Entwicklungen und politischen Verantwortlichkeiten ein Baustein unserer Demokratie.“

Ein Archiv gänzlich als Cloud-Lösung organisiert, ist für Maier entsprechend keine Option. „Es darf für die Nutzung von Archivgut keine Bezahlschranke geben“, sagt er. Und skizziert für das Landesarchiv: „Wir legen im Sinne des Open-Access-Gedankens großen Wert auf eine kostenlose Einsicht in das Material in unseren Lesesälen und im Netz.“

Archive müssen wachsen

Wenn aber für Archive Originale jedweder Art so wichtig sind – besteht nicht die Gefahr, dass Archive sich nahezu selbst überdecken? „Wir suchen schon heute aus der Masse des entstehenden Materials das ,Archivwürdige’ heraus“, sagt Gerald Maier.

So würden nur fünf Prozent aller Unterlagen archiviert, gesichert und für die Nutzung aufbereitet. „Wenn hier weiter reduziert würde – aus welchen Gründen auch immer –, warnt Maier, „entständen Lücken in der Erinnerung, ,schwarze Löcher der Geschichte’, zu denen uns und künftigen Generationen wichtige Informationen fehlen würden.“

Und er fügt hinzu: „Der Zeitraum der Geschichte wird mit jedem erlebten Tag länger; Archive mit ihrem Auftrag der Dokumentation der Geschichte müssen notwendigerweise immer weiter wachsen.“

Treffpunkt der Stadtgesellschaft?

Ist das Archiv also ein gedankenschwerer und nur sich selbst verpflichteter Ort? Gerald Maier verneint: „Unser Ziel ist es“, sagt er, „als Gedächtnis- und Kultureinrichtung für alle Menschen offen zu sein und Hemmschwellen gegenüber der Institution ,Archiv’ abzubauen.“ Und: „Archive sollten nicht nur Orte des Recherchierens und des Forschens sein.“ Gerald Maier sieht sie als „Treffpunkte für die Stadtgesellschaft“.

Und speziell das Landesarchiv Baden-Württemberg? „Für allgemein historisch Interessierte und für Bildungseinrichtungen“, beginnt Gerald Maier seine kleine Reise durch das Aufgabenpanorama, „sind wir vor allem Landeskundliches Kompetenzzentrum mit historisch-politischer Bildungsarbeit. Für diejenigen, die selber Geschichte erforschen wollen, bieten wir als Forschungsinfrastruktur grundlegende Informationen. Und für Verwaltung, Justiz und Landtag sind wir Dienstleister, wenn archivierte Dokumente gebraucht werden.“

Forschung trifft Bildung

Nicht von ungefähr als Parallele zur politisch stark geförderten Vermittlungsarbeit in Museen könnte man sehen, wenn der Landesarchivpräsident vor allem in der Skizze Landeskundliches Kompetenzzentrum „noch viele Möglichkeiten der Weiterentwicklung“ sieht – „auch in Kombination von historisch-politischer Bildung und Forschung“. Das Thema „Verschickungskinder“ steht hierfür ebenso wie die unter dem Dach des Landesarchivs am Standort Karlsruhe neu eingerichtete Dokumentationsstelle „(Rechts-)Extremismus“.

„Wir müssen uns bewegen“, sagt der Landesarchivpräsident. Durch die Vergangenheit zurück in die Zukunft? Warum nicht!?

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