Bürgermeister müssen täglich ein pralles Arbeitspensum absolvieren. Experte Jörg Röber erklärt im Gespräch, wie sich das Aufgabenspektrum der Rathauschefs auch verändert.
Ein Bürgermeister schmeißt hin, Gemeinderäte suchen den öffentlichen Schlagabtausch, Kommunen finden keine Kandidaten mehr, ein OB will sich künftig mehr auf die Familie konzentrieren und tritt nicht noch mal an: Kommunalpolitisch hat sich in der Ortenau in den vergangenen Jahren einiges getan. Der Kehler Hochschullehrer Jörg Röber berichtet im Gespräch vom herausfordernden Amt des Bürgermeisters.
Herr Röber, ist der Bürgermeister, der auf jedem Fest und jeder Vereinsversammlung mit dabei ist, noch zeitgemäß?
Es kommt darauf an. Wir haben viele kleine und kleinste Gemeinden in Baden-Württemberg. Da ist es nach wie vor so, dass der Bürgermeister die erste Ansprechperson ist und seine Sichtbarkeit im Gemeinde- und Vereinsleben wichtig ist. In größeren Kommunen hat sich das sicher verändert.
Inwiefern hat sich das verändert?
Das Aufgabenspektrum ist komplexer geworden – etwa vor dem Hintergrund einer Mehr-Ebenen-Politik, europäischen Rechts, gestiegener Erwartungen der Bürgerinnen und Bürger sowie einer volatileren Wirtschaft. Der Bürgermeister nach alter Väter Sitte funktioniert in diesem Umfeld nicht mehr. Mittlere und größere Städte müssen zunehmend geführt werden wie ein Unternehmen.
Bürgermeister müssen Manager werden?
Ja, um eine markige Formulierung zu verwenden: Neue Managerinnen und Manager braucht das Land. Deren Aufgabe ist es weniger, operativ ins Geschäft einzusteigen. Es geht vielmehr darum, einen Verwaltungsapparat strategisch zu führen. Bürgermeister und Bürgermeisterinnen größerer Gemeinden sind vor allem als Kommunikatoren gefragt, die auch Führungskräfte führen. In den kleineren Gemeinden machen die Bürgermeister vieles handwerklich noch selbst.
Ist das neu?
Bei mittelgroßen und größeren Städten gab es schon immer Unterschiede zum Aufgabenprofil eines Dorfbürgermeisters. So liegt für kleine Gemeinden die Bauaufsicht etwa beim Landratsamt, das Dienstleistungsspektrum ist bei kleineren Gemeinden weniger umfangreich, man ist nicht Träger ganz vieler Schulen, sondern vielleicht nur weniger Kindergärten und einer Grundschule. Als Oberbürgermeister einer Stadt sind Sie nicht nur damit konfrontiert, eine öffentliche Verwaltung zu leiten, sondern Sie beaufsichtigen beispielsweise auch eine Sparkasse oder Volksbank, Stadtwerke oder eine Wohnungsbaugesellschaft. Das fordert andere Kompetenzen.
Welche Kompetenzen sind dann gefragt?
Es geht häufig darum, dass man in der Position eine Vielzahl von Informationen gut verarbeitet und auf das Wesentliche reduziert. Man steckt viel Arbeit in Abstimmungsgespräche. Es geht darum, vorgearbeitete Planungen mit politischen, gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Interessen abzugleichen, dies zu kommunizieren und zu entscheiden – und weniger tatsächlich operativ Verwaltungstätigkeiten auszuführen. Da sind analytische sowie methodische Fähigkeiten im hohen Maße gefragt. Neben den Führungsaspekten ist man aber auch oberster Verkäufer seiner Stadt nach außen.
Hat sich der Umgang mit den Bürgern oder dem Gemeinderat verschärft?
Bürger tun – vielleicht auch auf zunehmend anstrengende Art und Weise – ihre Meinung kund. Man ist heute anspruchsvoller als es in der Vergangenheit der Fall war. Hier ist wieder die Kommunikationsfähigkeit der Bürgermeister gefragt. Politik muss nicht neu gemacht werden, sie muss aber zunehmend mehr erklärt werden. Was das Miteinander mit dem Gemeinderat angeht: Das ist keine fachliche Frage, sondern Einstellungssache. In den meisten unserer 1100 Gemeinden haben wir nach wie vor funktionierende Verhältnisse zwischen Bürgermeister und Rat. Die Negativbeispiele stechen halt immer besonders heraus.
Wenn Sie Studenten dieses Anforderungsprofil aufzeigen – will da noch wer Bürgermeister werden?
Nach wie vor haben wir hier Studierende, die das wollen und es sich zutrauen. Es ist nicht so, dass alle Hurra schreien, wenn ich sage, da ist eine Bürgermeisterstelle frei. Meine Studierenden sind aber durch ihre Ausbildung befähigt, dieses Aufgabenprofil zu erfüllen. Nicht unbedingt in einer Großstadt, aber für die kleineren und mittleren Gemeinden in Baden-Württemberg definitiv. Hier ist es unsere Aufgabe, das richtige Werkzeug an die Hand zu geben. Da müssen auch wir als Hochschule an manchen Stellen nachschärfen.
Inwiefern nachschärfen?
Wir haben in der Vergangenheit sehr auf Fachlichkeit gesetzt. Wir haben quasi baden-württembergische Allzwecktaschenmesser ausgebildet – die sind gut, auch heute noch. Sie funktionieren in einer Welt, die ein stabiles Organisationsumfeld bietet. Das stimmt für viele kleinere und mittlere Gemeinden, weil dort Vieles nach wie vor weniger komplex und planbarer ist. Wenn ich mich aber der Herausforderung stelle, auch in einer größeren Gemeinde Bürgermeister werden zu wollen, dann zehre ich nicht nur von Fachlichkeit, sondern benötige methodische und analytische Fähigkeiten, die deutlich über gute Grundlagen hinausgehen.
Was bedeutet das für den Lehrplan?
Seit 2023 versuchen wir, Aspekte der Führung stärker zu betonen. Im sogenannten Vertiefungsbereich Kommunalpolitik spielen nun Führung und Selbstführung eine stärkere Rolle. Wir haben den Bereich Kommunikation aufgewertet. Wir wollen junge Leute auch resilienter machen gegen die widrigen Seiten des Jobs. Da können wir vielleicht an der einen oder anderen Stelle auch im grundständigen Programm nachjustieren.