Eine Delegation aus Lahr war in der ukrainischen Stadt Kalusch zu Gast. Ein Besuch auf dem Friedhof machte deutlich: Es herrscht Schmerz, Trauer – und dennoch Kampfgeist.
Der Friedhof am Stadtrand von Kalusch, leichter Schneefall. Eine Frau mittleren Alters steht an einem Grab. Sie legt Blumen ab – und weint. Der Grabstein zeigt ein Porträt eines jungen Mannes in Uniform vor einer ukrainischen Flagge. Es wird deutlich: Es muss ihr Sohn sein, der hier liegt. Geburts- und Todesdatum zeigen: Er ist kurz nach Kriegsbeginn gestorben. Mit gerade einmal 19 Jahren.
Kaluschs Bürgermeister Andrii Naida nähert sich der Frau. Er spendet Trost. Zwei Mitglieder der Lahrer Delegation – Gabi Rauch vom Ukrainehilfsverein und OB Markus Ibert – machen es ihm nach. Sie umarmen die Mutter und versuchen, den Schmerz zumindest ein wenig zu lindern.
Die Art, wie die letzten Ruhestätten gestaltet sind, macht auf den ersten Blick deutlich, wer sein Leben für sein Land gelassen hat. Das große Kreuz, das Porträt mit der Flagge – und ein QR-Code. Der verweist auf ein Youtube-Video, das auf Ukrainisch die tragische Geschichte des Soldaten erzählt. Das Beklemmende: In den vorderen Reihen sind alle Gräber so aufgebaut. Und einige Meter weiter auf der anderen Seite der Zufahrtsstraße stehen noch mehr. Und auch dieses neue Feld wurde erweitert. All diese Gräber würde es ohne den russischen Angriffskrieg nicht geben. 280 Menschen allein aus Kalusch haben an der Front ihr Leben gelassen.
Mitgefühl kennt keine Sprachbarriere
Die Delegationsmitglieder durchstreifen den Friedhof, spenden Trost, wenn sie Trauernde sehen. Mitgefühl kennt keine Sprachbarriere. Hier und da bleiben sie stehen, um die Gräber genauer zu betrachten – und entdecken ein Doppelgrab. Zwei Brüder. Der eine wurde 24, der andere 21 Jahre alt. Beide sind im Krieg gestorben – am gleichen Tag. Die Lahrer begreifen in diesen Momenten die Worte, die Kaluschs Bürgermeister Andrii Naida zuvor geäußert hatte. Für die Ukrainer geht es nicht einfach um Frieden um jeden Preis. Es geht darum, den Krieg zu gewinnen. Ohne Gebietsverluste. Denn „wofür“, so Naida, „wofür sind diese Menschen sonst gestorben?“
Die Gruppe verlässt den Friedhof. Jeder ist mit seinen Gedanken beschäftigt, es wird kaum gesprochen. Die nächste Station nennt sich „Allee der Hoffnung“. Doch treffender wäre der Name „Allee der Verzweiflung“. Hier sind die Gesichter jener Kaluscher aufgeführt, deren Aufenthaltsort unbekannt ist. 180 Menschen aus der Stadt werden aktuell vermisst, mehr als 100 davon sind in der Allee abgebildet. Einige Plätze sind frei. Doch nicht alle wurden aus der Allee entfernt, weil sie zurückgekehrt sind. Bei einigen kehrte die Gewissheit ein: Sie sind tot.
In jeder Stadt gibt es ähnliche Gedenkstätten
Fotografieren darf man die Porträts nicht – aus Sicherheitsgründen. Was, wenn einer im von Russland besetzten Gebiet untergetaucht ist und nicht als ukrainischer Soldat erkannt werden will? Er müsste um sein Leben fürchten.
Einige Hundert Meter weiter im Stadtzentrum steht die „Allee der Helden“. Hier sind in mehreren Reihen gefallene Soldaten auf großen Plakaten zu sehen – ebenfalls mit Todesdaten wie auf dem Friedhof. Naida schildert, dass die Organisation dieser Gedenkplätze der Stadt unterliegt. „Jede Stadt in der Ukraine hat wohl so einen Platz“, sagt er. Und tatsächlich: Im Laufe des Besuchs der Lahrer Delegation kommen wir an einigen solcher Orten vorbei. Alle sind ähnlich aufgebaut, zeigen die Gesichter Gefallener oder Vermisster. Und bei allen stellt sich immer wieder das Gefühl ein: Ohne den Krieg gäbe es diese Plätze nicht.
Drei Trauertage
Kurz vor dem Besuch der Lahrer in der Ukraine wurde der Tod zweier seit 2024 vermisster Kaluscher per DNA-Test bestätigt. Ein weiterer war an der Front gefallen. Um den drei Soldaten zu gedenken, wurden drei Ehrentage angesetzt. Es waren keine öffentlichen Feierlichkeiten erlaubt, keine Musik, kein Tanz. Ein eigentlich für die Lahrer angesetztes Konzert wurde abgesagt.