Immer mehr Menschen verlassen sich im Alltag auf Chatbots und künstliche Intelligenz. Die Lahrer Suchtberatung und Drogenhilfe ordnen ein, wie gefährlich dieses Phänomen ist.
Sie kann Hausaufgaben machen, Liebesbriefe schreiben, den Urlaub planen, und hat auf jede Frage immer eine Antwort – die Rede ist von künstlicher Intelligenz. Für viele Menschen sind sogenannte Large Language Models, also sprachbasierte KI-Modelle, mit denen man per Text kommuniziert, nicht mehr aus ihrem Leben wegzudenken.
Die vielen alltagsrelevanten Nutzungsmöglichkeiten der Programme bergen aber auch die Gefahr, Nutzer in eine Abhängigkeit zu ziehen, so Lena Hargesheimer von der Lahrer Drogenhilfe. Zwar sei dort in Lahr bisher niemand mit einem konkreten KI-Suchtproblem vorstellig geworden, aber das bedeute nicht, dass dies kein reales Problem sei.
„Insbesondere an den Stellen, an denen mediale Veränderungen dieser Größenordnung Einfluss auf unser aller Leben haben, ist es schwierig, eine scharfe Trennlinie zu einer Suchterkrankung zu ziehen“, so Hargesheimer. Grundsätzlich sei es schwer zu beurteilen, ab welchem Punkt das Konsumverhalten einer Sucht nahekomme, denn die Grenzen zwischen harmloser Nutzung und Sucht würden verschwimmen.
„Eine KI weiß nicht, was menschliches Leid ist“
Um zu erkennen, ab wann das eigene Konsumverhalten kritisch wird, sei nicht allein die Nutzungsdauer ausschlaggebend, erklärt Hargesheimer. Wer viel Zeit mit Chatbots verbringt, sie aber vor allem beruflich nutze, laufe weniger Gefahr, in eine Abhängigkeit zu geraten.
„Im Bereich der psychosozialen Unterstützung stehen wir am Anfang einer Reihe von Fragen, auf die wir gesellschaftliche Antworten finden müssen. Natürlich kann ich KI nutzen, um meine Gedanken zu reflektieren oder um mitten in der Nacht, zu einer Zeit, in der ich sonst alleine wäre, einen Ansprechpartner zu haben. Gleichzeitig können Datensätze nicht leiden.“
Das bedeute, dass eine KI zwar in der Lage sei, Emotionen zu simulieren, sie aber niemals real mitfühlen könne und einen unter anderem nicht „einfach mal in den Arm nimmt.“ Eine KI wisse nicht, was Leid für uns Menschen tatsächlich bedeute. „Eine übermäßige oder ausschließliche Nutzung der KI als Gesprächsgegenüber birgt dazu auch die Gefahr von Einsamkeit und Isolation.“
In den vergangenen Monaten berichteten unterschiedlichen Medien immer wieder über „KI-Girlfriends“, also Fälle, in denen Menschen angeben, in einer romantischen Beziehung mit einem Chatbot zu sein. Miriam Taeger von der AGJ-Suchtberatung Lahr betrachtet die Thematik differenziert: „Verliebtheitsgefühle schaden erst einmal niemandem. Eine Sucht oder Beziehungsabhängigkeit ist etwas ganz anderes. Hier bestimmt das Konsumverhalten immer mehr das Leben und es gelingt den Betroffenen immer weniger, es zu kontrollieren.“
Manche kriegen eine Sucht schnell in den Griff, andere brauchen länger
Bisher seien der Beratungsstelle in Lahr keine Fälle einer solch immensen emotionalen Abhängigkeit bekannt. „Sobald ich mehr konsumiere, als es mir gut tut, meine sozialen Kontakte, meine Arbeit oder Hobbys vernachlässige, mir gesundheitlich oder finanziell schade, sprechen wir von einer Sucht.“ Dies könne auch in der Kommunikation mit einem Chatbot passieren, da die Kommunikation mit einer solchen künstlichen Intelligenz stark auf das Belohnungszentrum im Gehirn wirke.
Einsame Menschen sind besonders gefährdet
Teager erklärt, die KI werde in solchen Fällen von den Betroffenen als ständig verfügbare, emotional unterstützende Bezugsperson wahrgenommen. „Besonders suchtgefährdet sind hier Kinder und Jugendliche, aber oft auch Menschen, die sich einsam fühlen oder die etwas belastet und die auf diesem Weg emotionale Entlastung suchen.“
Wenn sich jemand mit einer Abhängigkeit von KI an die Lahrer Suchtberatung wendet, reflektieren die Sozialarbeiter dort gemeinsam mit dem Betroffenen das eigene Konsumverhalten, um Auslöser und mögliche Zusammenhänge zu verstehen. Daraus werden im Gespräch individuelle Ziele und Strategien erarbeitet, um das Verhalten zu kontrollieren, einzuschränken oder gegebenenfalls zu beenden, so Taeger.
„Manchen Menschen gelingt es – gerade wenn sie frühzeitig dagegenwirken – schnell, ein Suchtverhalten in den Griff zu bekommen. Manche brauchen mehr Zeit und Unterstützung, auch eine stationäre Behandlung ist möglich.“
Auch bei der Drogenhilfe finden die Menschen Unterstützung in einer solchen Situation. Eine der möglichen Maßnahmen, die Hargesheimer und ihre Kollegen im Austausch mit den Betroffenen anwenden, ist das Führen eines Nutzungstagebuchs.
Hargesheimer erklärt: „Wenn Menschen verstehen, wieso sie etwas tun, wird es einfacher, eine Alternative zu suchen. Wir unterstützen sie, solche Alternativen zu erarbeiten, auf ihre Alltagstauglichkeit zu prüfen und anzuwenden. Dieser Prozess ist vielschichtig und häufig nicht gradlinig.“
Hier erhält man Hilfe
Wer das Gefühl hat, selbst von einem ungesundes Suchtverhalten betroffen zu sein, findet Unterstützung bei der Lahrer Drogenhilfe unter Telefon 07821/9 23 89 90 oder bei der Lahrer Suchtberatung unter Telefon 07821/2 66 50.