Marco Kern links) beim Dornstetter Adventslauf im Formationsflug mit Timo Benitz (Nr. 1) und Philip Kiptoo Rutto (Nr. 33). Foto: Rahm

Man soll abtreten wenns am besten ist – das dachte sich wohl auch Marco Kern von der LG farbtex Nordschwarzwald in den vergangenen Wochen. Der in Schaffhausen lebende Kern hatte jüngst seinen Rücktritt vom Hochleistungssport erklärt, sich aber ein Hintertürchen offengelassen.

Kern, der viele seiner großen Erfolge im Crosslauf feierte, ruderte bereits bei seinem Rücktritt insofern etwas zurück, dass er zwar seine Bahnspikes an den Nagel hängen wolle, aber im Cross sicher noch das ein oder andere Rennen für die LG farbtex Nordschwarzwald bestreiten wird. Dennoch für uns Grund genug, die Läuferkarriere des sympathischen Eidgenossen Revue passieren zu lassen.

Kerns Laufkarriere begann 2001. Damals gewann der Schweizer 800-Meter-Läufer André Bucher den WM-Titel im kanadischen Edmonton und dominierte diese Distanz fast nach Belieben. In der Schweiz löste Bucher damit einen regelrechten Laufboom aus, dem auch Kern verfallen ist. Das große Talent schloss sich damals der Laufgruppe des LC Schauffhausen an, die von Daniel Rahm betreut wurde. Bis heute arbeiten Kern und Rahm zusammen und beide verbindet eine tiefe Freundschaft.

Premiere im Straßenlauf

Der erste Kontakt zwischen Kern und der LG farbtex Nordschwarzwald fand Ende 2004 statt. Der Dornstetter Trainer Jörg Müller hatte den jungen Emporkömmling bei einigen Rennen in der Schweiz gesehen und ihm war zu Ohren gekommen, dass jener einen Deutschen Vater hat. Müller nahm also Kontakt auf. Es dauerte auch nicht lange, bis Kern sein erstes Rennen im Nordschwarzwälder Trikot bestritt. Für den Athleten des Jahrgangs 1987 gleich eine dreifache Premiere. Der erste Start für einen deutschen Verein und dann auch gleich noch bei einer Deutschen Meisterschaft über zehn Kilometer Straßenlauf im thüringischen Ohrdruf und eben auch sein erster wirklicher Zehn-Kilometer-Lauf unter Elitebedingungen.

Gemeinsam mit Rico Loy, David Wenzelburger und weiteren Nachwuchsathleten stellte die LG farbtex damals eines der stärksten Jugendteams auf nationaler Ebene. Kern war die große Unbekannte in dem Quartett. Er hatte sich damals die Zwischenzeiten pro Kilometer, die er sich für eine etwaige Endzeit von 35 Minuten vorgenommen hatte, mit Edding auf den Unterarm geschrieben. Müller hatte das bemerkt und meinte schelmisch kurz vor dem Start: "Also komm mir nur nicht mit 35 Minuten ins Ziel." Müllers Ansage hat damals wohl beim Nordschwarzwälder Neuling gefruchtet und mit 33:48 Minuten war er über eine Minute schneller und lief als drittschnellster des schnellen Quintetts ins Ziel. Rico Loy hatte den Titel im Einzel gewonnen und zusammen mit David Wenzelburger und Kern holte das Team die Silbermedaille mit der Mannschaft. Dabei verpasste dass Silber-Trio den Titel um gerade einmal acht Sekunden. Ein Einstand im neuen Verein, der besser hätte kaum laufen können. Im gleichen Jahr, Kerns erstem LG-Jahr, kamen noch zwei weitere Mannschafts-Silbermedaillen bei deutschen Meisterschaften hinzu.

Seitdem gehört Marco Kern quasi zum Inventar bei der LG farbtex Nordschwarzwald und entwickelte sich zum echten Topathleten. Insgesamt sechs Schweizer Meistertitel, dazu Deutscher Meister mit der Cross-Mannschaft und mit der Dreimal-1000-Meter-Staffel.

Auch international kann Kern auf eine tolle Karriere zurückblicken. Acht Einsätze im schweizer Nationaltrikot, vier Mal Cross-EM, dazu zwei Starts bei der Team-EM, Platz 13 bei den Militärweltspielen über 1500 Meter und mit Platz sechs bei der Studenten-WM 2013 im russischen Kazan über 3000 Meter Hindernis sein größter internationaler Erfolg. "Allein der Finaleinzug war schon ein Riesenerfolg und doch ziemlich überraschend. Dann noch Sechster zu werden war schon etwas ganz Besonderes. Jene Saison war wohl rückblickend auch die beste Phase meiner Karriere."

Doch zu jedem Erfolg gehören eben neben taktischem Geschick und Platzierungen auch die Jagd nach Zeiten. Mit 1:50,61 Minuten über 800 Meter bis zu seinen jüngsten Bestzeiten mit 1:05:56 Stunden im Halbmarathon und 2:23:20 Stunden im Marathon zählte der Schaffhauser auf allen Mittel- und Langstrecken zur Schweizer Elite und auch zur erweiterten Deutschen Spitze.

Es sind aber vor allem auch die vielen Erlebnisse neben den Wettkämpfen, an die sich der 34-Jährige immer gerne zurückerinnert. "Ich weiß noch als wäre es gestern, wie wir damals nach Ohrdruf gefahren sind zu meinem ersten Wettkampf in Diensten der LG farbtex Nordschwarzwald. Ich war ein absolutes Greenhorn, kannte keinen der starken LG-Athleten persönlich, und vor Jack (Jörg Müller) hatte ich schon großen Respekt. Und dann der Wintereinbruch auf der Fahrt dorthin. In Ohrdruf bei dem Tiefschnee sah ich uns schon im Straßengraben mitten im Wald – diese Fahrt war legendär. Oder mein erstes Trainingslager in Vittel mit der LG. Am zweiten Tag hatte ich schon so harte Waden, dass ich kaum die Hoteltreppe in den Frühstückssaal hinunterkam. Oder auch die Trainingslager in Cervia. Wenn Jack für den Sieg im letzten Lauf eines sehr harten Tempolaufprogrammes eine Flasche Wein auslobte, da gab jeder noch mal 110 Prozent für diese Weinflasche, die am Ende doch allen zugute kam. Der Spaß kam trotz all den unglaublich harten Trainingseinheiten nie zu kurz."

Sportlich blickt Kern vor allem auf seine Deutschen Meistertitel mit der Mannschaft und der Staffel zurück. "Highlights waren immer die Starts im Nationaltrikot. Aber mit so starken Athleten wie Timo Benitz, Benedikt Karus, Dennis Bäuerle, Tobias Giering in einer Mannschaft zu laufen, das waren wirklich großartige Momente. Mir gefällt es sehr, dass bei der LG farbtex Nordschwarzwald die Mannschaft so einen hohen Stellenwert hat. Wir sind zwar als Läufer immer Individualisten, aber dadurch wächst man als Team zusammen und es sind eben auch ganz viele tolle Freundschaften entstanden. Besonders war für mich auch mein Sieg beim Dornstetter Adventslauf, denn der Blick in die Siegerliste zeigt, dass man, um den zu gewinnen, schon ein richtig Guter sein muss. Der Wanderpokal steht übrigens immer noch bei mir daheim."

Nachdem aber auch an Kern die Zeit nicht spurlos vorbeigeht, ist nun der Moment gekommen, zumindest auf der Tartanbahn kürzer zu treten. Am Freitag ist Kern über 3000 Meter Hinderniss seinen letzten Bahnwettkampf bei der Schweizer Meisterschaft gelaufen und Vierter geworden. Dem Sport und der Leichtathletik wird er trotzdem weiterhin erhalten bleiben. Mit "Runaissance" hat Kern zusammen mit Daniel Rahm eine Laufschule aufgebaut, die er nun weiter voranbringen möchte. Zudem kehrt der leidenschaftliche Fußballer nach 20 Jahren zum schweizer Drittligisten FC Büsingen zurück. Dort übernimmt er als Co-Trainer die Betreuung der Mannschaft im athletischen und mentalen Bereich.

Ära geht langsam zu Ende

Mit dem Rücktritt von Marco Kern geht aber dennoch eine Ära langsam zu Ende. Kern ist der letzte Aktive der jungen Wilden der LG farbtex Nordschwarzwald. Markus Giering, David Wenzelburger, Rico Loy und eben Kern waren allesamt Athleten, die in den baden-württembergischen Jugendklassen dominierten und auch später für Furore sorgten. Doch ob es so ganz still wird um Marco Kern? Auch Dennis Bäuerle erklärte vor drei Jahren seinen Rücktritt und holte im gleichen Sommer nochmals die deutsche Meisterschaft mit der Dreimal-1000-Meter-Staffel nach Dornstetten. Mit Kerns Ankündigung, im Cross schon noch mal mit Timo Benitz und den anderen LG-Jungs antreten zu wollen, könnte der Erfolgsgeschichte trotz Ruhestand noch das ein oder andere Kapitel hinzugefügt werden. Und seinen Wanderpokal vom Dornstetter Adventslauf will Kern auch nicht kampflos abgeben.

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