Längst hätte es eine Entscheidung über eine Geschwindigkeitsreduzierung in der Lahrer Weststadt geben sollen. Doch das Rathaus zögert – obschon es definitiv zu laut ist.
„Tempo 30 könnte im Herbst kommen“, titelte die LZ am 2. April 2025. In dem Bericht stellte Guido Schöneboom als zuständiger Bürgermeister den Zeitplan für eine mögliche Geschwindigkeitsreduzierung in der Lahrer Weststadt vor. Die Kurzfassung: Mitte des Jahres sollte das Ergebnis der laufenden Lärmuntersuchungen vorliegen, nach dem Sommer die Umsetzung der entsprechenden Maßnahmen erfolgen. Tatsächlich passiert ist seitdem: nichts. Warum? Weil der OB bei dem Thema offenbar auf die sprichwörtliche Bremse tritt.
Der Grund für Markus Iberts Zögern ist keine Überraschung: die Erfahrungen mit der B 415. Im November 2024 drosselte die Stadtverwaltung bekanntlich das Tempo in der Kernstadt sowie den Ortsteilen Kuhbach und Reichenbach von 40 auf 30 Stundenkilometer – und erntete dafür lauten Protest vor allem von Pendlern. Entgegen der Einschätzung der Fachleute, hieß es, fließe der Verkehr noch zäher und verursache dadurch mehr Lärm und Gestank als bisher. Der wiederholte Verweis auf Vorgaben von EU und Land, die keinen Ermessensspielraum böten, wenn es entlang einer Straße zu laut ist, ließen die Kritik – wenn überhaupt – nur langsam verhallen.
Ibert: „Kein Freund von Tempo 30“
Das weiß auch Ibert. „Bis heute sind Zustimmung und Akzeptanz in der Bürgerschaft gering“, bilanziert das Stadtoberhaupt auf Nachfrage der LZ und räumt ein, dass er selbst „grundsätzlich kein Freund von Tempo 30 auf Bundesstraßen“ sei. Demgegenüber freilich stünden der Gesundheitsschutz und das Recht auf körperliche Unversehrtheit der Anwohner: „Das hat mehr Gewicht als der Wunsch, ein bisschen schneller fahren zu dürfen – und das muss auch ich als Oberbürgermeister akzeptieren.“
Seit Jahren 75 Dezibel und mehr
Dass die Situation auf der B 3, konkret: in der Freiburger und Offenburger Straße nicht minder alarmierend ist wie einst auf der B 415, ist schon lange bekannt: Laut öffentlich einsehbaren Aufzeichnungen der Landesanstalt für Umwelt liegen die Höchstwerte auf der etwa ein Kilometer langen Strecke zwischen dem Restaurant Schlemmertreff und dem Hochhaus in der Schwarzwaldstraße seit Jahren bei 75 Dezibel und mehr. Nach gängiger Expertenmeinung bilden 70 Dezibel am Tag respektive 60 Dezibel in der Nacht die Schwelle zu einer „unmittelbaren Gefährdung der Gesundheit“.
Ob auf der Suche nach einer Alternative
Dennoch bittet Ibert weiter um Geduld: „Mir ist es wichtig, dass wir uns die Zeit nehmen, die es für eine gute und richtige Entscheidung braucht – gerade bei Themen, die kontrovers und emotional diskutiert werden, wie wir es auch im Falle der B3 wieder erwarten.“ Man sei nach wie vor in Abstimmung mit dem Fachbüro, das mit der gesamtstädtischen Lärmaktionsplanung beauftragt ist, und dem übergeordneten Regierungspräsidium in Freiburg: „Viele Informationen liegen schon vor, doch es sind noch nicht alle Fragen geklärt.“ Er selbst habe auch eine, erklärt der Rathauschef – und er sehe es „angesichts der Stimmung in unserer Stadt und im Umland“ als seine Pflicht an, diese in alle Richtungen zu stellen: „Gibt es zu Tempo 30 auch auf der B3 keine Alternative?“
Regierungspräsidium hält sich zurück
Der Blick Richtung Norden und Süden gibt kaum Hoffnung: In Friesenheim und Kippenheim wurde der Verkehr auf der Bundesstraße schon vor Jahren auf Ansage „von oben“ heruntergebremst. Im Falle Lahrs zeigt sich das Regierungspräsidium (noch) zurückhaltend. Man stehe zwar im Austausch mit der Stadt Lahr. Doch lägen „verkehrsbeschränkende Maßnahmen aus Lärmschutzgründen“ allein in deren Zuständigkeit. „Als Fachaufsicht haben wir hier nur eine beratende Rolle“, heißt es auf LZ-Nachfrage aus Freiburg.
Bei der B415 war das Ministerium involviert
Auf der B 415 in Lahr sei vor einigen Jahren auf Initiative des Verkehrsministeriums Baden-Württemberg gehandelt worden. Die Tiergartenstraße habe zu den gravierendsten Lärmschwerpunkten im Land gehört. „Als höhere Verkehrsbehörde sind wir deshalb auf die Stadt zugegangen mit dem Ergebnis, dass diese an der B 415 Tempo 30 aus Lärmschutzgründen angeordnet hat“, ist aus Freiburg zu hören.
Anwohner haben schon nachgefragt
Was im Sinne der Anwohner von Freiburger und Offenburger Straße ist, dürfte derweil klar sein. Schon im Dezember 2024 – drei Wochen nach Einführung von Tempo 30 auf der B 415 – berichtete Guido Schöneboom der LZ von einem Dutzend Weststädter, das im Rathaus nachgefragt habe, „ob sie Bürger zweiter Klasse seien“. Seine Antwort damals: natürlich nicht.
Zeitplan ist Geschichte
Bis zum tatsächlichen Beweis könnte es, Stand heute, noch eine Weile dauern. Hatte sein Erster Beigeordneter vor exakt einem Jahr noch einen klaren (Zeit-)Plan, will sich Markus Ibert nun nicht mehr festlegen: „Sobald das Gesamtbild klar ist, werden wir die politischen Gremien und die Öffentlichkeit darüber informieren.“
Die Lage andernorts
Der Lärmaktionsplan, an dem in Lahr seit Jahren gearbeitet wird, beleuchtet das gesamte Stadtgebiet. Das bedeutet, dass es auch auf anderen als den Bundesstraßen künftig zu Temporeduzierungen kommen könnte. Eine erhöhte Lärmbelastung gibt es etwa in der Schwarzwaldstraße in der Kernstadt sowie in den Ortsdurchfahrten der Stadtteile Hugsweier und Sulz.