Schwere Erkältung, starke Bauchschmerzen oder kleine Schnittwunde: Wenn Patienten außerhalb der Hausarzt-Sprechstunden Hilfe brauchen, ist die Notfallpraxis ihre Anlaufstelle. Für viele Ortenauer werden die Wege aber wohl bald deutlich länger werden.
In Sachen Notfallpraxen könnte im mittleren Schwarzwald künftig eine große Lücke klaffen. Rund 17 Standorte des „ärztlichen Bereitschaftsdienstes“ der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Baden-Württemberg im Südwesten sollen geschlossen werden – auch ein Standort im oberen Kinzigtal ist davon betroffen.
Das legt zumindest eine an die Medien durchgesickerte Streichliste der Kassenärztlichen Vereinigung nahe.
Demnach müssten Patienten mit weniger schlimmen Beschwerden, die am Wochenende und an Feiertagen bislang in Wolfach Hilfe suchten, wohl künftig nach Offenburg (39 Kilometer entfernt), Lahr (33 Kilometer) oder Freudenstadt (40 Kilometer) ausweichen. Denn die „Allgemeine Notfallpraxis Wolfach“ steht offenbar vor dem Aus. Künftig stattdessen nach Oberndorf zu fahren ist keine Option – auch die dortige Notfallpraxis soll dicht gemacht werden.
Patienten sollen bis zu 45 Minuten mit dem Auto fahren
Für die Patienten bedeuteten die Veränderungen eine Autofahrt von bis zu 45 Minuten. Das passt durchaus zu dem, was vom Plan der KV Baden-Württemberg bislang bekannt wurde. Laut Informationen der Deutschen Presseagentur soll künftig die Regelung gelten, dass mindestens 95 Prozent der Menschen im Südwesten innerhalb von 30 Fahrminuten eine Notfallpraxis erreichen können. Alle anderen sollen maximal 45 Minuten fahren müssen. Betroffen wäre augenscheinlich vor allem die Landbevölkerung.
Sollten die Pläne wie nun bekannt geworden umgesetzt werden, entstünde zwischen Offenburg und Baden-Baden eine weitere Versorgungslücke: Die KV-Notfallpraxis Achern steht demnach ebenfalls auf der Kippe.
In der nördlichen Ortenau könnte dort allerdings die vom Ortenau MVZ betriebene „Hausärztliche Notfallsprechstunde“ im ehemaligen Oberkircher Krankenhaus bieten. Die war als Teil der Nachnutzung des ehemaligen Klinikstandorts jedoch eigentlich für die Versorgung der Patienten aus dem Renchtal gedacht.
Ärzte-Vereinigung will sich noch nicht offiziell äußern
Wie konkret die Pläne der Kassenärztlichen Vereinigung sind, bleibt vorerst noch offen. Die KV wollte sich zu den geplanten Schließungen am Montag nicht äußern. Man werde die Pläne demnächst vorlegen, sagte ein Sprecher. Er verwies auf eine Pressekonferenz, die für den 21. Oktober geplant ist. Vorher werde man keine konkreten Angaben machen. Eine Sprecherin des Gesundheitsministeriums teilte derweil mit, man stehe mit der Kassenärztlichen Vereinigung im Austausch.
Ob jeder Patient im Falle einer Praxen-Schließung die dann deutlich längeren Wege auf sich nimmt, scheint fraglich. Es ist wohl davon auszugehen, dass viele – auch mit nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen – stattdessen die Notaufnahmen in Wolfach oder Achern in Anspruch nehmen werden. Dabei sollen die ärztlichen Bereitschaftspraxen eher für Entlastung in den ohnehin überlaufenen Notaufnahmen des Ortenau-Klinikums sorgen.
Ortenau-Klinikum sieht mögliche Schließung kritisch
Das treibt offenbar auch den Ortenauer Klinikverbund um: „Zu befürchten ist, dass noch mehr Menschen in die Notaufnahmen der Kliniken kommen, obwohl sie bei einem niedergelassenen Arzt versorgt werden könnten“, erklärte Kliniksprecher Christian Eggersglüß auf die möglichen Pläne der Kassenärztlichen Vereinigung angesprochen. „In den schon jetzt sehr stark belasteten Notaufnahmen der Kliniken würden die Wartezeiten weiter zunehmen, ohne dass wir als Kliniken gegensteuern könnten.“
Setze die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg ihre Pläne wie in den Medien berichtet tatsächlich um, sei das ein Schlag gegen die ärztliche Notfallversorgung, erklärt Kliniksprecher Eggersglüß. Die KV Baden-Württemberg zöge sich damit weiter aus der Fläche zurück.
Keine „Poolärzte“ mehr
Wegen eines Gerichtsurteils hatte die KV im Oktober 2023 angekündigt, keine „Poolärzte“ in den Notfallpraxen mehr einzusetzen. Das sind Ärzte, die keine Kassenzulassung haben, also unter anderem Mediziner, die im Krankenhaus arbeiten oder die bereits im Ruhestand sind. Nach Angaben der KV hatten diese etwa 40 Prozent der Dienste in den Notfallpraxen freiwillig übernommen. Mit dem Argument, dass deren Wegfall nicht kompensiert werden könne, schränkte die KV das Angebot der Notfallpraxen zunächst deutlich ein. Nun sollen in Baden-Württemberg offenbar 17 Notfallpraxen komplett gestrichen werden.