Die Headbangers in Balingen – viele von ihnen begleitet die Leidenschaft fürs Tipp-Kick bereits seit der Kindheit. Foto: Markus Sense

Am 21. Juni gibt es bei den Street Games in VS Deutschland gegen die Schweiz im Tipp-Kick. Organisator Markus Sense erklärt die Regeln und was vom Länderspiel zu erwarten ist.

Markus Sense von den Headbangers in Balingen spricht über das Tipp-Kick-Länderspiel am 21. Juni, mentale Stärke statt Joystick und warum ein Fan für so ein Event sogar einmal aus Istanbul anreisen kann.

 

Herr Sense, Sie sind Vorsitzender der Headbangers Balingen, eines Tipp-Kick-Vereins. Wie viele Mitglieder zählt denn ein Verein, der sich einem so seltenen Hobby widmet?

Wir sind zur Zeit 15 Aktive Headbanger, die wöchentlich die „Beine kreuzen“. Tipp-Kick war vor dem digitalen Zeitalter ein „Gassenfeger“. In jedem Kinderzimmer fand man dieses Spiel – und das ist oft auch heute noch der Fall. Unsere Gründung war 1980. Nach Ehe, Karriere, Kind und Scheidung fanden wir uns 2012 wieder zusammen. Unser Gründungsmitglied Lukas Homscheidt lud zum „Alte Säcke Cup“ ein. Es fanden sich viele alte Haudegen unter den Teilnehmern ein, das gemeinsame Hobby wurde „reanimiert“. Inzwischen sind wir einer der mitgliederstärksten Clubs in Deutschland und als einer der Turnierausrichter bestens bekannt.

Unser erstes Freundschaftsspiel hatten wir 1980 übrigens gegen den TKC Schwenningen, der zu dieer Zeit ein angesehener und erfolgreicher Club war und den es heute leider nicht mehr gibt. Lange Rede kurzer Sinn: Unser erstes Spiel gegen einen Proficlub haben wir 31:1 verloren. Lukas Homscheidt konnte den einzigen Punkt für die Balinger ergattern.

Und wie viele solcher Vereine gibt es überhaupt? Klingt nach absoluter Rarität...

Zur Zeit sind etwa 45 Clubs in der Profi-Liga aktiv. Ja, die Tipp Kicker sind im digitalen Zeitalter rar geworden.1980 hatten wir im Umkreis von 100 Kilometern cirka zehn Clubs, die wir aktiv bespielen konnten, heute ist es einer. Der Spaß leidet aber nicht, die die verblieben sind, haben alle wirklich was drauf und entwickelten die Spieltechnik rasant weiter. Hier wird wenig dem Zufall überlassen. Früher war das wie ein 50:50-Joker, heute knallhartes Kalkül bei den Besten.

Wie muss ich mir so ein Tipp-Kick-Länderspiel vorstellen – leise und konzentriert? Laut und stimmungsgeladen? Lang und zäh? Kurzweilig auch für Zuschauer?

Nun, so eine Veranstaltung ist etwas ganz Besonderes. Je mehr Emotionen dabei sind, je lauter wird es. Im Fall des Länderspiels am 21. Juni in Schwenningen könnte es laut werden. Wir versuchen, unter normalen Spielbedingungen ruhig und konzentriert zu sein. Das ist die Regel, aber wenn es um die Wurst geht, brechen die Dämme der Emotionen... Ansonsten wie beim Tennis: „Quiet please.“ Natürlich haben wir hier sowohl Schweizer als auch deutsche Fans dabei, wir freuen uns, wenn etwas Leben in der Bude ist. Das Spiel wird übrigens live von Lukas Homscheidt moderiert. Einer der Gründungsväter der Balinger Tipp-Kicker und Urgestein in der Szene.

Worauf kommt es beim Tipp-Kick an? Ruhige Hand? Mathematische/Geometrische Kenntnisse?

Mentale Stärke, Konzentration und Fingerfertigkeit, etwas Abgeschlagenheit und ein bisschen Coolness und viel, viel Übung.

Pro Team treten am 21. Juni in VS vier Spieler an – wie lang dauert so ein Spiel? Und wie viele Spieler können bei einem Spiel überhaupt mitmachen? „Klicken“ die dann nacheinander auf den Knopf ihrer Spieler, oder werden die Figuren gleichzeitig bedient?

Der Modus bei Mannschaftsspielen lautet vier Spieler je Mannschaft und jeder gegen jeden. Ergibt nach Adam Riese 16 Paarungen mit insgesamt 32 möglichen Punkten. Zwei Punkte für einen Sieg, einen für ein Unentschieden. Wer 17 Punkte erreicht, hat gewonnen. Es sind maximal zwei Spieler aktiv pro Team im Spiel erlaubt. Es gibt aber noch Spezialisten im Team, die für Lupfer, Bretter und Aufsetzer verantwortlich sind, diese sitzen aber auf der Ersatzbank und es können so insgesamt fünf verschiedene Feldspieler eingesetzt werden. Gespielt wird zweimal fünf Minuten.

Erzählen Sie mal: Wie alt sind Sie, wie kamen Sie selbst zum Tipp-Kick und wie lange machen Sie das schon?

Ich selbst bin Baujahr 1963 so wie einige anderen Gründungsmitglieder auch – unser Altersspektrum reicht von 14 bis 63. Meine erste Weltmeisterschaft habe ich 1970 mit meinem Brüdern und den Nachbarskindern gespielt, da es zu irgendeinem Geburtstag von mir oder einem meiner Brüder ein Tipp-Kick-Spiel als Geschenk gab. Seitdem brennt das Feuer.

Hat Ihr Verein Nachwuchssorgen?

Wir sind in der glücklichen Lage, auf eine starke Basis von 15 Spielern zurückgreifen zu können. Wir haben auch mehrere Mannschaften in unterschiedlichen Ligen am Start. Bei anderen Clubs darf niemand krank werden, sonst ist das Spiel gefährdet. Wir kämpfen gegen die digitale Wirklichkeit, in der die Kids ihr „Können“ in Spielen durch Kaufen von Sternchen und Goldtalern verbessern können. Das geht bei uns nicht! Bei uns heißt es üben, üben, üben – sonst gibt es was auf die Mütze. Die Fingerfertigkeit muss erlernt werden, die kann man nicht kaufen. Damit stehen wir in Konkurrenz, so wie viele andere Vereine oder Clubs auch.

Wer ist der Favorit am 21. Juni – die Schweiz oder wir?

Wir hoffen doch sehr, dass wir unser Freundschaftsländerspiel für uns entscheiden können. Das wird aber sicher spannend. Das Team Schweiz besteht aus Teilnehmern unterschiedlicher Clubs aus unterschiedlichen Ligen. So wird es auch bei unserem, dem deutschen Team sein. Wir werden mit Spielern aus der Regionalliga antreten, gegebenenfalls auch mit Spielern aus unserem ersten Kader in der Zweiten Bundesliga. Und zur Frage, wer wird gewinnen: Wir hoffen Tipp-Kick, wenn wir dieses wunderbare Spiel an Kinder und Jugendliche weitergeben können, die Spaß daran haben, die Kameradschaft leben möchten, andere Leute aus anderen Bundesländern oder auch Frankreich und der Schweiz kennenlernen möchten. Sie alles sind bei uns richtig. Tipp-Kick hat was... in einem unserem letzen Turniere in Augsburg hatten wir einen Gast, der extra aus Istanbul angereist ist, um an dieser Veranstaltung teilzunehmen. Wir können also gespannt sein – wer weiß, vielleicht werden das nächste Länderspiel dann die Türkei und Deutschland gegeneinander bestreiten.

Zur Person

Der Interviewte
Markus Sense ist 62 Jahre alt, Gründer der Headbangers in Balingen und professioneller Tipp-Kicker. Beim Länderspiel am 21. Juni in VS obliegt ihm die Organisation.