Axel Reitz sprach über seine Zeit in der rechtsextremen Szene. Foto: Jansen

Von seinem Weg in die rechtsextreme Szene und wieder hinaus berichtet Axel Reitz. Organisiert hatte den Vortrag mit anschließender Fragerunde die KZ-Gedenkstätte Hailfingen-Tailfingen als Auftakt des Seminartags zu Rechtsextremismus.

Rottenburg - Sein Weg in die Szene sei schleichend gewesen, so Reitz. Er ist in einem dörflichen Umfeld groß geworden, in einem gutbürgerlichen Elternhaus, wie er es ausdrückt.

Erster Kontakt: Schule

Erstmals in Kontakt mit rechtem Gedankengut kam er im Alter von 13 Jahren. Damals hatte er für die Schule Parteiprogramme zusammengestellt. Darunter waren auch extrem rechte Parteien gewesen. Seine Lehrerin nahm das Plakat über diese Parteien ab. "Und sie hat dann den Fehler gemacht, nicht mit mir darüber zu diskutieren", meint Reitz. Sie habe lediglich gesagt: "Dem bieten wir hier keine Plattform."

Zu wenig Diskussionen

Er möchte nicht die Schuld auf diese Lehrerin schieben, es seien mehrere Faktoren zusammengekommen. Jedenfalls verstand er das Verhalten seiner Lehrerin damals nicht. Im Anschluss informierte er sich weiter über die Programme. Die Inhalte erschienen ihm als 13-Jährigem logisch. Er habe damals nur gesehen, dass da etwas nicht gesagt werden durfte. Provoziert habe er schon damals gern. Daraus habe er dann ein Selbstbild gebildet. "Ich habe mich dann sehr schnell in der Rolle des Revoluzzers, des Rebellen gesehen."

Am Stammtisch der NPD

Bestätigung fand er bei Stammtischen, veranstaltet unter anderem von der NPD. Die rechtsextreme Szene würde nach außen hin Kameradschaft hochhalten, erklärt er später im Vortrag. Das sei eine Illusion. "Es gibt weder Freundschaft noch wirklichen Zusammenhalt in dieser Szene."

Immer weiter rutschte Reitz in die rechte Szene. Der damalige Teenager sah sich selbst als "Erkennenden" und grenzte sich von seinem Umfeld ab – und das Umfeld sich von seiner zunehmenden Radikalisierung. Nach Angriffen auf sein Elternhaus von linker Seite zog er mit 15 aus. Überall sah er Bestätigung für seine Meinung. "Feindbilder spielen in der rechten Szene eine große Rolle", erklärt Reitz. Und der Feind, so wird behauptet, ist überall. Dahinter stehe auch Selbstaufwertung. "Je mehr mächtige Feinde man hatte, umso wichtiger wurde man ja selbst."

Als Redner unterwegs

Als Redner war er in Deutschland unterwegs. "Ich war ein verbaler Totschläger", erklärt er. Auch zu Gewalt habe er angestachelt. Eine WDR-Dokumentation nannte ihn "Der Hitler von Köln".

Sein Ausstieg begann, als er wegen Mittäterschaft im Aktionsbüro Mittelrhein in Untersuchungshaft saß. Doch der Ausstieg geht nicht von einem Tag auf den anderen, betont er. Er selbst war 15 Jahre in der Szene aktiv. Daran hänge eine Weltanschauung, von der man sich erst lösen müsse. Anfangs habe er die Inhalte auch noch nicht in Frage gestellt.

Zum Verräter geworden

In Untersuchungshaft kooperierte er mit den Behörden. Damit war er in den rechtsextremen Kreisen zum Verräter geworden. Doch erst später löste er sich auch vom rechten Gedankengut. "Das sind kleine Mosaikstücke, die zusammenkommen und dazu führen, dass man das in Frage stellt." Außerdem halfen ihm ein Aussteigerprogramm und Unterstützung durch die evangelische Sektenberatung.

Heute betreibt Reitz einen Youtube-Kanal, den "Reitz-Effekt". Auf diesem beschäftigt er sich mit Themen rund um die rechte Szene. Außerdem engagiert er sich im Netzwerk "Extremislos".

Kein Zeigefinger-Denken

Wichtig sei, auch über politisch rechte Standpunkte in Dialog zu treten. Auch diese haben ihre Berechtigung, solange sie sich auf dem Boden der Verfassung bewegen. Extremistische Tendenzen in der Bekanntschaft sollte man nicht mit erhobenem Zeigefinger begegnen, das würde nur eine Trotzreaktion hervorrufen. "Hasse den Extremismus, aber nicht den Extremisten", betont Reitz.

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