Die Konzernleitung des Automobil- und Industriezulieferers Schaeffler hat am Dienstag einen Stellenabbau an zehn deutschen Standorten angekündigt. Das Lahrer Werk wird nicht darunter sein – obwohl es hier zuletzt Kurzarbeit in größerem Umfang gab.
Beim Lahrer Schaeffler-Werk ist an diesem Mittwoch eine Betriebsversammlung anberaumt. Die Mitarbeiter sollen erfahren, wie es bei dem Unternehmen weitergeht, das in Deutschland 33 Standorte betreibt und weltweit 120 000 Menschen beschäftigt. Denn vor einem Monat hat Schaeffler den Regensburger Technologiekonzern Vitesco übernommen, eine Abspaltung von Continental, wodurch Arbeitsplätze in der Verwaltung wegfallen. Vor allem aber machen das schwächelnde Industriegeschäft und die Flaute bei Elektroautos Schaeffler zu schaffen.
Der Konzern kündigte am Dienstag herbe Einschnitte an: 4700 Arbeitsplätze sollen in Europa gestrichen werden, 2800 davon allein in Deutschland. Diese Nachricht aus der Zentrale dürfte auch viele Lahrer Schaeffler-Beschäftigte verunsichert haben. Doch bei der Betriebsversammlung an diesem Mittwoch können die größten Sorgen entkräftet werden: Am Lahrer Standort, mit 1300 Mitarbeitern größter Arbeitgeber der Stadt, wird der Stellenabbau vorbeigehen. Das hat der Betriebsratsvorsitzende Jürgen Hunte unserer Redaktion bestätigt.
Betroffen von den Stellenstreichungen sind in Deutschland zehn andere Schaeffler-Standorte, laut IG Metall: Berlin, Hameln, Herzogenaurach, Homburg, Karben, Regensburg, Schwalbach, Schweinfurt, Nürnberg und Steinhagen. Die Werke Hameln und Steinhagen seien sogar insgesamt in Frage gestellt. Weitere Details dazu will Schaeffler bis Ende des Jahres bekannt geben. Der Stellenabbau solle größtenteils bis 2027 umgesetzt werden.
Hunte hatte am Montag an einer Sitzung des Schaeffler-Wirtschaftsausschusses am Konzernsitz in Herzogenaurach teilgenommen. Die strukturellen Maßnahmen seien im aktuell schwierigen Umfeld nötig, um die Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern, wurde dort mitgeteilt. Der Stellenabbau solle dabei im Wesentlichen über Fluktuation, Freiwilligenprogramme sowie Aufhebungsverträge und Altersteilzeit erreicht werden. Von den Kürzungen verspricht sich die Schaeffler-Gruppe Einsparungen von jährlich etwa 290 Millionen Euro bis 2029.
Bis zu 400 Mitarbeiter waren zuletzt in Kurzarbeit
Bei der Schaeffler-Gruppe ist es in den vergangenen Monaten nicht nur im Autogeschäft abwärts gegangen, wo bei Elektroauto-Teilen das Wachstum hinter früheren Erwartungen zurückbleibt, sondern auch in der Industriesparte. Sie leidet unter der schwachen Nachfrage in Europa und verzeichnete laut der Unternehmensmitteilung im dritten Quartal einen Rückgang bei Umsatz und Gewinn.
Die Probleme in der Industriesparte bestehen auch im Lahrer Werk, wo im September Kurzarbeit eingeführt wurde, und zwar in einem Bereich, der intern unter der Bezeichnung „Industrie alt“ läuft (wir haben berichtet). Zeitweise waren bis zu 400 Mitarbeiter in Kurzarbeit und mussten auf einen Teil ihres Gehalts verzichten. Die Nachfrage schwächelte vor allem bei Stütz- und Kurvenrollen, die zum Beispiel bei Förderanlagen und Automatisierungssystemen eingesetzt werden. Nicht betroffen von den Einbrüchen ist dagegen laut Hunte die Automotive-Sparte des Lahrer Werks. Die Aufträge von Herstellern von Autos mit Verbrennermotor seien zuletzt teils sogar „durch die Decke gegangen“.
Auf Auftragsschwankungen habe das Lahrer Werk mit dem Instrument der Kurzarbeit flexibel reagiert, so Hunte. Zeitweise seien Mitarbeiter, die in Lahr gerade nicht gebraucht wurden, auch an das Schaeffler-Werk in Bühl „verliehen“ worden. Die Kurzarbeit am Standort Lahr sei jetzt im November ausgesetzt, es sei aber möglich, dass man im Dezember wieder zu ihr zurückkehre. Die wirtschaftlichen Prognosen, auch für das neue Jahr, seien nicht die besten, so Hunte, der seit 2021 Vorsitzender des Betriebsrats ist.
Auf die Frage unserer Redaktion nach der Stimmung im Lahrer Werk äußert Jürgen Hunte sich vorsichtig. Er freue sich, dass hier keine Arbeitsplätze verloren gehen sollen. Aber er kenne Betriebsratsmitglieder aus anderen deutschen Schaeffler-Standorten, die vom Stellenabbau nicht verschont werden und mit denen er nun mitleide.
Die Mitarbeiter des Werks in Lahr hätten gute Arbeit geleistet, stellt Hunte im Gespräch mit unserer Redaktion fest. Natürlich würden sie sich Sorgen machen, wie es weitergeht. Sie wüssten aber auch, dass Schaeffler in einem „schwierigen Prozess“ stecke, nämlich der Transformation zur E-Mobilität, die man gemeinsam bewältigen wolle.
Große Probleme bei Zulieferern der Automobilbranche
Schaeffler ist nicht der erste Autozulieferer, der einen größeren Stellenabbau bekannt macht. Erst kürzlich hatte der hoch verschuldete Zulieferkonzern ZF aus Friedrichshafen angekündigt, 14 000 Stellen zu streichen. Vor vier Wochen hat New Albea in Seelbach Insolvenz angemeldet. Die High-End-Produkte von New Albea finden sich vor allem im Fahrzeuginterieur und Fahrassistenzsystemen von namhaften Autoherstellern wieder.