Kurt Krömer kennt auch die Schattenseiten des Alltags Foto: Urban Zintel

Kurt Krömer hat im Theaterhaus bewiesen, dass man sogar über Winnetou und Russen im Keller lachen kann.

Das saphirblaue Sakko spannt überm Wohlstandsbauch, das Haar am Hinterkopf wird langsam schütter, trotzdem ist Kurt Krömer bester Laune, als er am Samstagabend die Bühne im Theaterhaus erobert mit seiner Show „Die Gönnung steigt“. „Wat is’n los hier, Wandertag oder wat?“ herrscht er die auf den allerletzten Drücker eintrudelnden Zuschauer an, die im stockdunklen Saal auf die Klappsitze zu hechten versuchen. Nicht mit Krömer!

 

Der ist von der Bühne geklettert und passt die vom Verkehrschaos aufgehaltenen Gäste an der Tür ab. „Na, haste zu lange nach was Ordentlichem zum Anziehen gesucht? Wär besser gewesen, du hättstet gefunden!“, gibt er einer Dame mit, die Krömers rustikalen Charme mit einem strahlenden Lächeln quittiert. Danach widmet sich der Komödiant im mehr schlecht als recht sitzenden Businessanzug noch der Dame von der Security: „Haben Sie ’ne Kampfsportausbildung? Zeigen Se mal was!“

2021 hat Krömer seine Depression öffentlich gemacht

„So, det Ekligste ham wa hinter uns! Volksnähe ham wa“, sagt er zufrieden, als hake er eine Checkliste ab, und schüttet sich Desinfektionsmittel über die Hände. Nachdem er die Finger ordentlich mit dem Zeug eingerieben hat, massiert er noch die Reste ins sauber gestutzte Barthaar. Die Pandemie ist eben auch an einem Stehaufmännchen wie Krömer nicht spurlos vorbeigegangen, der 1974 in Berlin als Alexander Bojcan geboren wurde.

Trotz mehrerer Grimme- und Fernsehpreise, die Krömer eingeheimst hat, kennt der Spaßmacher mit der großen Klappe auch die Schattenseiten des Alltags. So machte Krömer im März 2021 im Gespräch mit seinem Kollegen Torsten Sträter vor laufender Kamera seine Depressionserkrankung öffentlich und sprach auch bei Sandra Maischberger über die Herausforderung, als alleinerziehender Vater mit der Krankheit zu leben.

Er entlarvt vermeintliche Redeverbote

Für’s Comedy-Geschäft ist eine Depression mindestens so brauchbar wie eine Kuh als Astronautin, doch Krömer steht mit der Erkrankung nicht alleine da in seiner Branche. Auch Torsten Sträter spricht offen über sein Leben mit Depressionen, Harald Schmidt setzt sich als Schirmherr der Deutschen Depressionshilfe für deren Enttabuisierung ein. Über die gefährliche Niedergeschlagenheit können heute also sogar Comedians reden.

Am Samstagabend macht sich Krömer nun über Leute lustig, die behaupten, man dürfe heutzutage gar nichts mehr sagen. Die meinten eigentlich: „Scheiße, man darf sich gar nicht mehr rassistisch äußern!“, sagt Krömer. „Wat darf man nicht sagen? – Heil Hitler? Na, det hab ich jetzt auch nicht vermisst, das ich det nicht sagen darf.“ Direkt im Anschluss bekommt Wladimir Putin sein Fett weg, der sich mit blanker Brust auf einem „Pony“ ablichten ließ; „Putin ist verklemmt“, findet Krömer. „Meine Oma hat immer gesagt, wenn sie ihre Tage hatte: Leute, ich glaub, ich hab die Russen im Keller!“

Beim Fernsehprogramm vom Regen in die Traufe

Die Verwerfungen der letzten Monate – die Pandemie, die harten gesellschaftlichen Debatten über Meinungsfreiheit und vermeintliche Cancel-Culture, der Krieg, die Gaskrise, der ganze Wahnsinn ist in der ersten Hälfte des Abends zwar präsent – übermannen lässt sich Krömer von all der Düsternis aber nicht.

Die Aufregung um Winnetou in der aktuellen Rassismus-Debatte kontert er mit einem Achselzucken: „Winnetou – wer hat denn det wirklich gelesen?“ Auch „diese Billigfilme aus den 60ern“ kann Krömer nicht ausstehen, und garniert die Seherfahrung mit Kindheitserinnerungen. „Mein Vater hat nur Western geguckt. Als unsere Mutter sich hat scheiden lassen, dachte ich, geil, jetzt kann ich wat anderes gucken.“ Bei der Mutter habe es aber immer nur „Die Dornenvögel“ und „Fackeln im Sturm“ gegeben.

Krömer plaudert, meckert, albert

Neben Politik und aktuellen Debatten geht es bei Krömer öfter auch um physische Themen. Für das männliche Geschlechtsteil hat er mannigfaltige Synonyme auf Lager, die Bandbreite reicht von „Puller“ über „Pimmel“, „Nudel“ und „Nacktmull“ bis hin zu „walisischer Stahl“ oder „Axolotl ohne Beine“. Es geht auch um die Wurstfinger von König Charles III., den Krömer zu „King Bratmaxe der Dritte“ kürt. Später erörtert er noch Erziehungsfragen: Man dürfe es auch mal „Scheiße“ finden, Vater zu sein. Und dann geht es auch noch kurz um Krömers Depressionen: „Einmal die Woche fünfzehn Minuten darfste auch mal durchdrehn. Wenn es fünfzehn Jahre dauert, sollteste mal zum Arzt gehen!“

Krömers nicht ganz zweistündige Show ist nicht tiefschürfend, aber kurzweilig und im Nu herum. Da plaudert, meckert, albert einer, der wie wir selbst dem täglichen Wahnwitz dieser Welt ausgesetzt ist und bloß versucht, mit heiler Haut wieder herauszukommen. Die komischste Geschichte dieses Abends ist zugleich die traurigste. Da erzählt Krömer, wie er in seinem Freiwilligen Ökologischen Jahr erlebte, wie Meerschweinchen zu Schlangenleckerbissen verarbeitet wurden. Zum Heulen!