Die US-Notenbank leitet den Ausstieg aus der Billiggeldpolitik ein. Auch die Europäische Zentralbank muss sich bewegen, meint Wirtschaftsredakteurin Barbara Schäder.
Frankfurt - Bei Ausbruch der Coronapandemie vor eineinhalb Jahren haben alle großen Notenbanken die Geldschleusen weit geöffnet. Nun verabschieden sich die ersten aus dem Krisenmodus: Die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) drosselt ihre Anleihekäufe, mit denen sie bisher 120 Milliarden Dollar monatlich in die Märkte pumpte. Mit einer Erhöhung des Leitzinses rechnen Beobachter nun im zweiten Halbjahr 2022.
Die Bank of England plant einen ersten Zinsschritt schon in den nächsten Monaten. Zwar lag die Inflationsrate in Großbritannien zuletzt niedriger als in den USA oder in der Eurozone. Doch das Risiko, dass kräftige Lohnsteigerungen zu weiteren Preiserhöhungen führen, ist im Vereinigten Königreich besonders groß: Während der Coronapandemie haben viele Arbeitskräfte aus der EU die Insel verlassen, und nach dem Brexit können sie nicht so leicht zurückkehren. Das zeigt der Mangel an Lkw-Fahrern, der in Großbritannien weit dramatischer ist als auf dem Kontinent.
Auch hierzulande fordern die Gewerkschaften allerdings satte Entgelterhöhungen als Ausgleich für die Inflation. Da irritiert es, dass die Europäische Zentralbank (EZB) eine Zinserhöhung im nächsten Jahr schon jetzt für unwahrscheinlich erklärt. Zwar spricht alles dafür, dass die Inflationsrate 2022 nach dem Wegfall einiger Sondereffekte sinkt – wie stark der Rückgang ausfällt, ist aber ungewiss.
Jetzt ist die Europäische Zentralbank am Zug
Die EZB will im Dezember darüber beraten, wie sie künftig mit dem Kauf von Staatsanleihen und anderen Wertpapieren verfährt. Ein in der Coronakrise aufgelegtes Kaufprogramm soll Ende März auslaufen. Theoretisch könnte die Notenbank danach aber über ein anderes Programm genauso viel Geld in den Markt pumpen.
Das wäre das falsche Signal. Schließlich wächst die Wirtschaft seit Monaten wieder, auch wenn der Aufschwung zuletzt gebremst wurde: Die Probleme bei der Lieferung von Bauteilen und Rohstoffen behindern die Industrieproduktion. Deutschland droht im laufenden Quartal deshalb eine Stagnation. Aber: Die defekten Lieferketten kann billiges Notenbankgeld nicht kitten.
Sehr wohl könnte es aber die Bereitschaft von Unternehmen und Verbrauchern beflügeln, für knappe Waren immer höhere Preise zu zahlen. Die EZB sollte daher wie die Fed die Weichen für eine Reduzierung ihrer Anleihekäufe stellen. Die Kurssprünge an den Börsen nach dem Fed-Entscheid zeigen: Wenn eine Straffung der Geldpolitik frühzeitig angekündigt und behutsam umgesetzt wird, wird niemand überfordert. Die EZB würde mit einem Weiter-so dagegen riskieren, dass sie eine Vollbremsung einlegen muss, falls die Inflation doch aus dem Ruder läuft. Und bei Vollbremsungen besteht bekanntlich ein erhebliches Verletzungsrisiko.