Diese Postkarte war eine heiße Spur. Foto: Silke Thiercy

Der Schulausflug startet in Balingen. Wenige Tage später schreibt die Lehrerin eine Postkarte nach Balingen. Die geht an eine Frau, die sie gar nicht kennt. Das ist die Geschichte.

„Was für ein lustiger Zufall“, steht in akkurater Schrift auf der Karte. „Ich bin gerade von einer zweitägigen Radtour mit Schülern zurückgekehrt. Unser Start war in Balingen.“ Die Vorderseite der Karte ziert ein Comicmotiv, die Briefmarke der „Ritter Kokosnuss“ auf einem Fahrrad. Unterzeichnet ist die Karte mit „Carmen“.

 

Zu etwas Besonderem macht das die Karte nicht. Da kommt folgende Nummer ins Spiel: „DE-15442354“. Das ist die Kennung für die Online-Plattform „Postcrossing“. Dort finden Menschen Adressen aus der ganzen Welt, um den Empfängern eine Postkarte zu schicken – klassisch analog. Dort ist auch die Verfasserin dieser Zeilen registriert.

Hunderte Postkarten verschickt

Wer eine Karte bekommt, egal aus Thailand, den USA oder Schweden, registriert diese auf der Plattform und kann eine Nachricht an den Absender hinterlassen. „In Balingen mussten wir für einen Teilnehmer erst noch einen Helm kaufen“ – dieser Satz hat die Autorin neugierig gemacht. Sie hakte bei „Carmen“ nach.

Wenige Tage später meldete sich Carmen Tillmann per Telefon. Seit 2022, erzählt sie, ist sie bei „Postcrossing“ registriert. 149 Postkarten hat sie in den vergangenen drei Jahren geschrieben und geschickt bekommen. „Aber ich mache das nur phasenweise“, erklärt Tillmann. Es könnten nämlich deutlich mehr Grüße aus aller Herren Länder gewesen sein, denn pro registrierter Karte erlaubt die Plattform, eine Karte zu senden und so kann sich das rasch potenzieren.

Eine Karte verändert ihr Leben

Durch Zufall stolperte sie im Internet über das Projekt. „Das hat mich an meine Jugend erinnert“, berichtet Tillmann. Damals habe man für zwei Mark Adressen von Brieffreunden kaufen können. Nach Indien habe sie viel geschrieben.

Eine Postkarte aus der Schweiz hat das Leben der Lehrerin verändert. „Das war ein wichtiger Schubser“, erinnert sie sich. Und der Impuls, mit mehr als 50 Jahren noch einmal die Stelle zu wechseln. Warum?

„Die nette Dame war in meinem Alter, hat nach einem schweren Unfall ihre Karriere als Buchhändlerin beendet und ist rauf auf die Berge gezogen“, erzählt Tillmann den Inhalt der damaligen Postkarte. Tillmann habe das als Impuls genommen, ihr eigenes Leben zu überdenken – seit einem Jahr unterrichtet sie nun am Gymnasium Bad Waldsee.

Carmen Tillmann staunte nicht schlecht

Der Schule wurde im Frühjahr der Titel „Europaschule“ verliehen. Das heißt, dass die Schüler sich viel mit Europa beschäftigen. Die Achtklässler forschten im Donautal bei Beuron zur europäischen Wasserscheide. Balingen war ein Umsteigepunkt.

Als Carmen Tillmann am Samstag vor dem Muttertag auf der Plattform vorbeischaute, staunte sie nicht schlecht: Eine Karte sollte genau in die Stadt gehen, in der sie drei Tage zuvor auf den Zug gewartet hatte.

„Zum Glück war das Wetter besser als vorhergesagt, so dass wir unsere Regenkleidung nicht brauchten“, schrieb Tillmann. Und weiter: „Mir zwickt es noch immer in den Oberschenkeln.“ Die Hälfte der Schüler habe E-Bikes gehabt – sie nicht.

Karte bekommt einen Ehrenplatz

Wer weiß, vielleicht begegnen unsere Autorin und die Postkarten-Schreiberin sich ja mal persönlich – entweder, wenn die eine durch Balingen reist, oder wenn beide zu einem Community-Treffen gehen. Das gibt es nämlich auch: Postcrosser kommen in einem Café zusammen und schreiben, schreiben und schreiben Postkarten. Die nach Balingen kam jedenfalls bestens an und bekommt einen Ehrenplatz in der Redaktion.