Im Nagolder Steinhaus-Museum wurden menschliche Knochen gefunden. (Symbolbild) Foto: Marian Suppo - stock.adobe.com

Als die Museumsleiterin Lena Hauser ihre Bestände durchgeht, findet sie 13 Kisten mit verschimmelten Knochen. Damit beginnt die Spurensuche: Woher kommen die Gebeine? Wie sind sie ins Steinhaus gelangt? Uns hat sie erzählt, wie sie der Geschichte der „Leichen im Keller“ auf die Spur gekommen ist.

Als Museumsleiterin Lena Hauser im Sommer 2023 die Kartons im Steinhaus durchging, staunte sie nicht schlecht. Ein Pappkarton und zwölf weitere mandarinenkistengroße Behälter waren voller Knochen. „Ich habe nicht damit gerechnet“, erklärt sie im Gespräch mit unserer Redaktion. Denn eines war ihr schnell klar: Hier hatte sie menschliche Überreste vor sich.

 

Unterkieferknochen, Schädelteile, Arm- und Oberschenkelknochen sind erkennbar. Kein komplettes Skelett, aber sieben bis neun Menschen hatten ihre vorläufig letzte Ruhe im Museumskeller gefunden. Allerdings waren viele verschimmelt und „in einem schlechten Zustand“, berichtet Hauser.

Knochen in Museen sind an sich nicht ungewöhnlich, aber im kleinen Steinhaus hatte Hauser nicht damit gerechnet. „Ich wusste gar nicht, woher die sein könnten“, meint Hauser. Möglich wären etwa NS-Zwangsarbeiter gewesen. „Ich hatte Hemmungen, das anzufassen, das sind Menschenknochen. Man hat ja auch Respekt vor den Toten“, berichtet sie.

Rätsellösung in der Turmstraße

Schließlich fand sie heraus: Es handelt sich um Körper aus der Liebfrauenkirche in Nagold. Als in den 80er-Jahren in der Turmstraße gebaut wurde, wurden die Fundamente der Kirche gefunden. Diese, geweiht 1360 bis 1876, hatte auch Gräber. Für die tiefgläubigen Menschen der damaligen Zeit war ein Grabplatz in einer Kirche, nahe dem Altar, eine Investition in ihr Seelenheil.

Die Stadt wollte damals wohl eine offizielle Grabung durch das Landesamt für Denkmalpflege vermeiden, um den Bau nicht zu verzögern und informierte dieses nicht. Stattdessen wurde der lokale Historiker und Theologe Hans Peter Köpf beauftragt, die Gebeine zu bergen. Sein Grabungstagebuch zeigt die widrigen Umstände: Wenig Zeit und schlechte Ausrüstung, dazu ungünstiges Wetter.

So landeten die Knochen im Museum, undokumentiert und nur notdürftig beschriftet. Das half Hauser bei der Recherche. Kleine Zettel mit Grabnummern – insgesamt muss es mindestens zwölf Gräber gegeben haben – wiesen darauf hin, dass die Knochen bereits bestattet gewesen waren.

Schmierzettel legt falsche Fährte

Einer der Zettel führte Hauser aber auch erst auf eine falsche Fährte: Auf einem stand „Emilie Zeller“ – die Gattin von Gottlieb Heinrich Zeller und Gründerin der Zellerstiftung. Nach einigen Recherchen fand sie heraus: Emilie Zeller liegt im Familiengrab und der Zettel war ein Schmierzettel gewesen, der zufällig Zellers Namen enthielt.

Wer die Menschen waren, wie sie hießen oder wann sie genau lebten, bleibt ungeklärt. Nur, dass sie nach 1360 starben, einige Überreste stammten wohl von einem Kind. Wahrscheinlich ist, dass die Kirchenstifter, Fritz von Wihingen und seine Frau Katharina Wetzelin, sich einen Grabplatz in der Kirche gesichert hatten. Als Museumsbestand sind die Knochen „Eigentum der Stadt Nagold“, erklärt Hauser. Das würde die Überreste auch entmenschlichen.

Da die Knochen nicht forschungsrelevant sind, wurden sie im Oktober erneut bestattet. Ungewöhnlich tief, in 2,20 Meter Tiefe – normal sind etwa 1,60 Meter bis 1,80 Meter, auf dem Stadtfriedhof. Die Liegezeit beträgt 20 Jahre, ein Grabstein wurde für die Toten aufgestellt. Hauser war wichtig, die Glaubenspraxis der Toten herauszufinden und zu berücksichtigen. Sicher ist: Sie waren Christen. Wie damals wurden die Knochen wieder in einem Leintuch beigesetzt.

Lena Hauser vor dem Grab mit der Steinaufschrift „Ehemalige Grablege der Nagolder Liebfrauenkirche“ Foto: Jansen

Im Ausschuss für Kultur, Umwelt und Soziales berichtete Hauser erstmals von ihrem Fund und kündigte einen Text unter dem Titel „Leichen im Keller“ in „Einst und Heute“ 2024 an. „Das sind aber die einzigen Leichen im Keller, die wir haben“, beruhigt Oberbürgermeister Jürgen Großmann in der Sitzung.