Was für andere die reinste Qual ist, machte sie zu ihrem Beruf. Angela Keller aus Freudenstadt ist Aufräumcoach. Wie sie dazu kam und was sie in ihren Coachings schon alles erlebt hat, erzählt sie im Interview.
Aufräumen, sortieren, ordnen – für andere Folter, für sie Hobby und Beruf. Die Freudenstädterin Angela Keller ist Aufräum- und Minimalismuscoach. Im Gespräch mit unserer Redaktion erklärt sie, was so ein Aufräumcoach eigentlich genau macht und was Sie dabei schon alles erlebt hat.
Vorab, was sollten unsere Leser zu ihrer Person wissen, in wenigen Sätzen?
Okay, also mein Name ist Angela Keller. Ich hab Hotelfachfrau gelernt und Fitnesstrainer, bin fünffache Mama und hab mittlerweile vier Enkelkinder, das fünfte ist schon unterwegs. Das ist so mein Background.
Und Sie sind Aufräumcoach – nicht gerade der gewöhnlichste Beruf. Wie sind Sie denn dazu gekommen?
Das fing vor vier Jahren an. Bei mir sind einige Bekannte gestorben, die mir sehr am Herzen lagen und die immer fit waren. Das kam ganz plötzlich. Und dann kam mir der Gedanke: Es kann ja schnell gehen, was willst du eigentlich noch? Was machst du denn gerne? Und was sich schon immer mein ganzes Leben durchgezogen hat ist: Ich räume immer auf und sortiere und ordne – und dabei vergesse ich die Zeit. Deswegen hab ich mir gedacht: Jetzt machst du das.
Wie läuft so ein Aufräumcoaching bei Ihnen dann genau ab?
Also die meisten rufen mich erstmal an oder schreiben. Dann folgen oft irgendwelche Bilder oder ich bin vor Ort und schaue mir die Sache an. Und das ist dann immer der gleiche Vorgang: Es muss aus dem bestimmten Bereich erstmal alles raus und dann muss man durchschauen. Also es wird immer minimalisiert und dann kommt erst das Ordnen. Wenn dann alles so seinen Patz hat, dann ist eigentlich die größte Herausforderung, dass derjenige, auch mit meiner Anleitung, dann neue Gewohnheiten entwickelt, um das dann zu halten. Weil das bringt ja sonst nichts. Ich kann kommen und aufräumen für Leute – mach ich auch manchmal, für Leute, die keine Zeit haben und die das nicht mit mir machen wollen – aber da ist dann das Problem, dass das schnell wiederkommt.
Was sind denn so die typische Probleme, mit denen Menschen zu ihnen kommen?
Also typisch sind zu viele Dinge. Putzmittel ist oft zu viel, oder Kosmetika ist oft viel zu viel. Also das ist typisch. Und dass die Leute sich nicht wohlfühlen und nicht wissen, wie und wo anfangen. Und meistens fängt man da an, wo man emotional nicht so verbunden mit ist.
Haben Sie denn auch schon richtige Extremfälle erlebt – Stichwort Messies?
Ja, also ich habe mich mit dem Thema Messie auch sehr beschäftigt. Da gibts ein ganz tolles Buch, das heißt „Der Messie in uns“, wo ich gedacht habe: Hoppla, ein kleiner Messie steckt tatsächlich in jedem von uns. Kann gut gehen, ist also in gewissen Sinne in Ordnung, aber wenns dann so weit Überhand nimmt, dass du dich von keinem Papierschnipselchen mehr trennen kannst oder es nicht mehr sauber halten kannst. Einmal musste ich abbrechen, weil ich gesagt habe, wir kommen hier nicht weiter. Dann brauchen wir nebenher einen Psychologen.
Weil das, was man immer im Fernsehen sieht, die Sendungen wo die ganzen Häuser leer geräumt werden, das tut uns gut, als Zuschauer, aber für den Menschen selber ist das richtig Folter. Und das ist auch nicht die Lösung, weil der fängt genauso wieder an. Und von daher bin ich da sehr vorsichtig. Also ich hatte schon so Extremfälle, aber die meisten sind eher einfach.
Heißt, es gibt gar keinen „klassischen Fall“?
Ne. Auch bei Messis nicht. Es gibt Leute, da gehst du in die Wohnung und du siehst das nicht. Du machst die Schränke auf und dir kommt alles entgegen. Aber es gibt so viele Unterschiede. Und was einfach Fakt ist, die sind nicht so wie die, die man auf RTL sieht, die so richtig dumm dargestellt werden. Es sind oft sehr intelligente Menschen. Messie heißt im Grunde ja auch nur anhäufen. Dieser Schmuddelfaktor ist da nicht immer gegeben.
Sind Sie denn privat genauso ordentlich?
Jein. Dadurch, dass ich auch viel draußen mache, guck ich, dass ich bei mir wenig da hab, um das ich mich kümmern muss. Ich hab gern mal nen frischen Blumenstrauß hier aber bei Deko bin ich sehr sparsam. Wenn, dann sind es so Gebrauchsgegenstände. Um je weniger ich mich kümmern muss, desto entspannter bin ich Zuhause. Von daher hab ich wahrscheinlich auch gerne wenig Sachen um mich rum. Aber ich hab auch meine „Krustelschublade“ (lacht). Aber ich geh da immer wieder dran. Ich hab eigentlich täglich irgendwas, wo ich mal reinschaue und durchgehe, brauch ich das oder nicht.
Ein bisschen was haben Sie natürlich schon verraten, aber hätten Sie vielleicht noch ein paar Tipps und Tricks für unsere Leser, wie man denn erstmal so eine Grundordnung erhält?
Also ich glaube einer meiner besten Tipps ist: kleine Ziele setzten. Räum also nicht direkt das ganze Zimmer auf, sondern fang mit einer Schublade an. Also mit Kleinigkeiten. Oder der 15 Minuten-Wecker. 15 Minuten am Tag bringen dir mehr als alle zwei Wochen einen riesen Aufwand machen. Aber du musst das halt in deine Gewohnheiten reinbekommen. Und was auch immer ordentlich wirkt ist: Ablagen frei machen. Dann kann auch mal was auf dem Boden rumliegen.
Solche Ordnungskonzepte und Minimalismus im Generellen, erfreuen sich ja auch immer größer werdender Bekanntheit und Beliebtheit. Woran liegt das Ihrer Meinung nach?
Ich glaube, das liegt wirklich daran, dass die Zeit so schnell ist, dass alles so rast und jeder was sucht für sich um runterzukommen. Und die äußere Ordnung überträgt sich aufs Innere. Andersrum natürlich auch, also ist das schon so ein Kreislauf. Und ich denk einfach, weniger Dinge bringen mehr Zeit. Du musst dich um weniger kümmern und hast mehr Zeit für das, was dir wirklich wichtig ist. Das ist schon so ein Trend, der mittlerweile aber von dem Extrem auch wegkommt.
Es gibt ja die japanische Aufräumexpertin Marie Kondo, die mit Ihrem Konzept „Behalte nur, was dir Freude macht. Besitze nur, was du brauchst.“ bekannt geworden ist. Kennen Sie sie und ihr Konzept? Und was halten Sie von ihrem Ansatz?
Sie hat viel erreicht dadurch. Es ist nicht ganz so meins, weil ich bin nicht so ein spiritueller Mensch. Die hat die Sachen ja immer so ans Herz gedrückt. Und was bei ihr auch immer war: Schmeiß die Sachen weg. Die hat immer weggeschmissen. Da geht sie mittlerweile glaub auch ein bisschen von weg, weil das ist gar nicht meins. Ich hab hier unten auch oft in der Straße einen „Zu-Verschenken-Tisch“ stehen, und das läuft super und ich denke alles, was noch so im Umlauf bleibt, ist toll.