Annette Krupka zeigt ihre handgefärbten Garne. Foto: Andreas Straub

Die Eutingerin Annette Krupka färbt hauptberuflich Garne. Als Solo-Selbständige kommt sie über die Runden, muss aber derzeit kämpfen.

In einer Zeit, in der viele Produkte industriell gefertigt und weltweit standardisiert sind, wächst zugleich die Sehnsucht nach Individualität, Handwerk und Authentizität. Genau hier setzt die Handfärberei Locoporella aus Eutingen-Rohrdorf an – ein Name, der in der Strick- und Häkelwelt für außergewöhnliche Farben, hochwertige Fasern und liebevolle Handarbeit steht.

 

„Ich habe schon als Kind selbst mit handgefärbter Wolle gestrickt“, erzählt Gründerin Annette Krupka. Gelernt hat sie es von ihrer Mutter. Vor gut zwei Jahren ist die 53-Jährige selbst und mit ihrem kleinen Betrieb von Stuttgart nach Eutingen umgezogen. „Ich habe hier viel mehr Platz.“ Krupka ist gelernte Industriekauffrau. Schon während ihrer Tätigkeit als Angestellte war sie in der IT selbstständig. Doch ihre Leidenschaft galt schon immer den Garnen. Zwei Jahre arbeitete sie noch in Teilzeit, seit acht Jahren lebt Krupka komplett von der Handfärberei. „Ich bin langsam eingestiegen und gewachsen, ohne Schulden“, sagt die Selbstständige.

Locoporella ist eine Manufaktur im besten Sinne

Locoporella ist keine Massenproduktion, sondern eine Manufaktur im besten Sinne. Jedes Garn entsteht in kleinen Chargen, wird von Hand gefärbt und trägt die unverwechselbare Handschrift seiner Entstehung. Die Philosophie dahinter ist klar: Wolle soll nicht nur Material sein, sondern Inspiration. „Ich habe mich selbst in das Produkt handgefärbte Wolle verliebt“, sagt Krupka. Kleine Unregelmäßigkeiten in der Wolle sind dabei gewollt – gestrickt sehen die Produkte durch einen lecht melierten Effekt wertiger aus. „Beim Industriegarn sieht man außerdem jeden Fehler“, sagt Krupka. Allerdings: ihre Produkte sind in der Regel auch mindestens doppelt so teuer.

In der Eutinger Werkstatt färbt Annette Krupka selbst von Hand. Foto: Andreas Straub

Der Name „Locoporella“ stammt aus dem Spanischen und lässt sich sinngemäß mit „verrückt nach ihr“ übersetzen – eine Anspielung auf die Leidenschaft für Farben, Garne und kreative Prozesse. „Der Name ist gut aussprechbar und ich habe ihn mir als Marke registrieren lassen“, sagt Krupka.

Was Locoporella auszeichnet, ist der bewusste Verzicht auf perfekte Gleichförmigkeit. Die Farben verlaufen, changieren, überraschen. Mal sind sie kräftig und kontrastreich, mal leise und tonal. Jeder Strang ist ein Unikat, kleine Abweichungen sind nicht nur unvermeidbar, sondern ausdrücklich gewollt. „Sie machen den Reiz handgefärbter Garne aus und sorgen dafür, dass jedes daraus entstehende Strickstück eine eigene Persönlichkeit entwickelt“, sagt Krupka.

Wie im Chemielabor werden die Farben genau abgewogen und gemischt. Foto: Andreas Straub

Die Färbungen reichen von sanften Naturtönen über komplexe Melangen bis hin zu ausdrucksstarken Farbexplosionen. „Am meisten werden aber Schwarz-, Grau- und Blautöne gekauft“, sagt Krupka. „Bunte Farben sind eher als Akzent gefragt.“

Neben der Farbgestaltung spielt die Qualität der Basismaterialien eine zentrale Rolle. Locoporella verarbeitet eine breite von Naturfasern und achtet auf die Herstellungsbedingungen. Merinowolle bildet dabei häufig die Grundlage, ergänzt durch Beimischungen wie Seide, Yak, Alpaka oder Mohair.

Garne sind der Ausgangspunkt für Kreativität

„Diese Kombinationen sorgen nicht nur für besondere Haptik, sondern auch für unterschiedliche Einsatzmöglichkeiten: von robusten Pullovern über fließende Tücher bis hin zu federleichten Lace-Projekten“, sagt Krupka. Sie versteht ihre Garne nicht als fertiges Produkt mit festgelegtem Zweck, sondern als Ausgangspunkt für Kreativität. Entsprechend richtet sich das Angebot an Menschen, die gerne eigene Ideen umsetzen.

Viel Aufwand im Hintergrund

Locoporella
ist eng mit der Handarbeits-Community verbunden und Krupka besucht zum Beispiel regelmäßig Messen. „Meistens gibt es 70 bis 80 Aussteller. Das ist eine kleine Branche“, so Krupka. Die meisten verkaufen wie sie über einen Onlineshop direkt an ihre Kundinnen. „Es gibt nur wenige Männer, die stricken und häkeln“, sagt Krupka. Verwenden die Kunden ausschließlich handgefärbte Garne, ist das Hobby nicht ganz billig: Alleine für ein Paar Socken brauchen sie mindestens Garn für 25 Euro.

Würde man die Arbeitszeit
von acht Stunden nur mit dem Mindestlohn ansetzen, käme man schnell auf einen Verkaufspreis von 100 Euro. Für einen größeren Pullover kostet nur das benötigte Material 100 bis 150 Euro. „Das sind Liebhaberinnen, die nicht mit Industriegarn arbeiten wollen“, so Krupka.

Zur Corona-Zeit
erlebte ihr Unternehmen ein „Wirtschaftswunder“. Plötzlich entdeckten viele Leute die Handarbeit und kauften Material. Krupka stellte einige Aushilfen ein. „Das war ein richtiger Hype“, sagt Krupka. Seit knapp zwei Jahren läuft es hingegen schleppender. Sie arbeitet wieder alleine. „Der Markt liegt brach“, sagt Krupka.

Gerade vor Weihnachten
lief es wieder gut, doch insgesamt muss sie sehen, wie sie über die Runden kommt. Am liebsten mischt sie ihre Farben, gibt die Stränge in die Töpfe und trocknet und wickelt sie.

Doch die Bürokratie
frisst viel Zeit. „Ich verbringe mehr Zeit am Schreibtisch, als mir lieb ist“, sagt Krupka. Wenn sie beispielsweise auf eine Messe in die Schweiz fährt, muss sie komplizierte Zoll-Dokumente für eine temporäre Ein- und Ausfuhr ihrer Produkte ausfüllen.

Sie schreibt viele E-Mails
mit Kundinnen, die Rückfragen und Spezialwünsche haben. Hinzu kommen Buchhaltung, Steuern, Krankenkasse, Ämter. „Die Selbstständigkeit ist mein Herzblut“, sagt Krupka. Sie arbeite mehr als früher und verdiene nicht unbedingt mehr, sei aber glücklicher.