Die Missstände im Kunstturnforum in Stuttgart wurden zuletzt von zahlreichen ehemaligen und aktuellen Turnerinnen kritisiert. Foto: Pressefoto Baumann/Julia Rahn

Der Deutsche Turner-Bund (DTB) hat mittlerweile eine Anwaltskanzlei für die Aufarbeitung der Missstände am Stuttgarter Kunstturnforum engagiert. Nun äußert sich erstmals auch der Geschäftsführer des Schwäbischen Turnerbundes (STB).

Es ist still im Kunstturnforum (KTF) an diesem Dienstagmittag. Keine Turnerinnen, die Leben in die Halle bringen, kaum Turner, vereinzelt nur Trainer und Mitarbeiter. Aber: Es ist ja auch Mittagspause. Ansonsten läuft der Betrieb am Stützpunkt in Stuttgart-Bad Cannstatt recht normal. Wobei sich das „normal“ derzeit deutlich anders anfühlt als noch vor wenigen Wochen.

 

„Die Stimmung“, sagt Matthias Ranke, „ist angespannt.“ Der Geschäftsführer des Schwäbischen Turnerbundes (STB) berichtet zudem von einer für ihn persönlich arbeitsreichen Zeit, vom verpassten Urlaub – und er betont: „Es war traurig, schwer, ich spüre auch große Betroffenheit.“

Rund um die Weihnachtstage war massiv offenbar geworden, was frühere Turnerinnen während ihrer aktiven Zeit erdulden mussten. Und was sich auch in Meldungen aktueller Athletinnen widerspiegelte. Psychischer Druck, Demütigungen, Training unter Schmerzen und trotz Verletzungen, Erniedrigungen, Drohungen – das alles gehörte offenbar zum System Leistungsturnen bei den Mädchen und jungen Frauen. Nicht irgendwo, sondern in Stuttgart. Am Kunstturnforum, das der STB seit 1999 als Bundesstützpunkt und Landesleistungszentrum betreibt.

Der Verband hat sich bislang in zwei gemeinsamen Statements mit dem Deutschen Turner-Bund (DTB) zu den Fällen geäußert, nun tritt Matthias Ranke einen Schritt nach vorn und erklärt gegenüber unserer Zeitung, der STB sei erstmals im September vom DTB auf eine damals noch anonyme Meldung einer Turnerin hingewiesen worden. In der Folge hätten sich zwei Turnerinnen an die entsprechenden Stellen des STB gewandt. Die Meldungen konzentrierten sich inhaltlich auf die Verhaltensweise von zwei Personen, die mit den Topathletinnen trainierten. An externe Meldestellen sind nach Informationen unserer Redaktion zudem einige Meldungen eingegangen.

Matthias Ranke ist der Geschäftsführer des Schwäbischen Turnerbundes (STB). Foto: Pressefoto Baumann/Hansjürgen Britsch

Eine Trainerin und ein Trainer sind daraufhin noch vor Weihnachten vorläufig suspendiert worden, inzwischen ist klar: Beide werden nicht mehr an das KTF zurückkehren. Das alles kann und will Matthias Ranke zwar nicht bestätigen, der STB-Geschäftsführer erklärt aber: „Es sind dauerhafte personelle Maßnahmen getroffen worden.“ Ob es weitere gibt, müsse nun die Aufarbeitung der Geschehnisse zeigen.

Der DTB hat am Montag mitgeteilt, die Kanzlei Rettenmaier aus Frankfurt sei beauftragt worden, die Untersuchungen zu den Vorfällen in Stuttgart durchzuführen. „Zum anderen“, heißt es in der Mitteilung des Verbandes, „sollen die Vorkommnisse mit Blick auf mögliche organisatorische und systemische Mängel betrachtet werden.“ Die dahinter liegende Frage beschäftigt auch den STB – und alle, die im KTF verkehren: Wie konnte es so weit kommen?

Alarmsignale hatte es immer wieder gegeben. Die Vorwürfe von Pauline Schäfer-Betz zu den Zuständen am Stützpunkt in Chemnitz. Das Buch von Kim Bui. Und: Einen Brief von Tabea Alt im Frühjahr 2021, in dem die Ex-Weltklasseturnerin schon das beschrieb, was nun zahlreiche ehemalige und aktive Sportlerinnen berichteten.

Der STB habe schon in den Jahren 2021 und 2022 mit Maßnahmen reagiert, versichert Ranke und widerspricht damit dem Eindruck, der Verband habe die Vorwürfe von Tabea Alt nicht ernst genommen. Nach drei Jahren und den neuerlichen Vorwürfen muss er aber zugeben: „Es hat offensichtlich nicht gereicht.“ Und so muss nun einerseits aufgearbeitet werden, was seitdem geschah. Und: Warum niemand früher Veränderungen erwirkt hat.

Die Kampagne „Leistung mit Respekt“ des Deutschen Turner-Bundes hat diese Lücken im System auf jeden Fall nicht geschlossen. Zu einem angestrebten Kulturwandel, ergänzt Ranke, gehöre auch „eine Kultur des Hinschauens“. Zumal von Trainerinnen und Trainern unterzeichnete Ethik-Codes und Verhaltensrichtlinien offenbar keine vollkommene Sicherheit bringen. Dennoch müsse man diese Schriftstücke „überarbeiten“, fordert Matthias Ranke: „Unsere Haltung, wie Leistung erzeugt werden soll, muss deutlicher werden.“

Die Eltern haben viele Fragen gestellt

Vor allem Eltern, die ihre Kinder in die Obhut der Betreuerinnen und Betreuer geben, wollen sich keine Sorgen machen müssen, dass das Wohlbefinden ihrer Sprösslinge unter dem Deckmantel der Leistungsentwicklung bewusst aufs Spiel gesetzt wird. Die Eltern seien „aufgeschreckt“ gewesen nach den Berichten der vergangenen Wochen, sagt Ranke und berichtet von einer Familie, die ihr Kind vorerst nicht mehr am KTF trainieren lässt. Doch sei das Meinungsbild durfchaus „heterogen“.

Es seien „viele Fragen“ gestellt worden, weshalb man Gespräche mit Eltern, aber auch mit den Trainerinnen und Trainern geführt habe. Im KTF seien zudem Anlaufstellen im Bereich Kinderrechte und Kinderschutz präsent gewesen. Neben noch mehr Präventionsarbeit bei den Trainerinnen und Trainern sei es nun wichtig, nachhaltig Möglichkeiten zu finden, wie Athletinnen „sanktionsfrei“ Kritik oder Vorfälle äußern können.

Für die anwaltlichen Untersuchungen verspricht Matthias Ranke offene Türen, Transparenz und volle Unterstützung: „Wir werden alles offenlegen, was wir wissen.“ Wohl auch schon an diesem Donnerstag. Dann findet ein Gespräch mit dem Landessportverband (LSVBW) und Vertretern des baden-württembergischen Kultusministeriums statt. Der DTB hat zudem angekündigt, im Anschluss an die Aufarbeitung einen unabhängigen Expertenrat einzusetzen. Auch Betroffene sollen eingebunden werden.

Mit dem Ziel, dass es künftig keine mehr gibt.