Randsportarten wie das Kunstradfahren erhalten oft wenig Aufmerksamkeit, obwohl der Aufwand enorm ist, wie die Empfinger Trainerin Sandra Bantle weiß. Übungen müssen monatelang trainiert werden, oft fehlt dafür aber der nötige Platz in der Halle.
Eine bekannter Leuchtturmverein in Sachen Kunstradsport ist der RV Adler Empfingen. Die Sportlerinnen bewegen sich dabei zum Teil auf Bundes- und Landesebene. Auch im Talentsichtungskader arbeiten die Kinder und Jugendlichen daran, immer besser zu werden. Die Randsportart leidet aber immer wieder darunter, dass man belächelt wird. Trainerin Sandra Bantle kritisiert, dass oft nicht mal der Platz für das Training vorhanden ist. Im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt sie von ihrer Arbeit und dem ungebrochenen Fleiß der acht jungen Sportlerinnen, die derzeit im Verein trainieren.
Wie hat sich Ihrer Meinung nach der Kunstradsport in den vergangenen Jahren gewandelt?
Durch die Präsenz in sozialen Medien hat die Sportart meiner Meinung nach tatsächlich an Interesse gewonnen. Trotzdem wird sie, da nicht olympisch, nie einen höheren Stellenwert erreichen – immer eine Randsportart bleiben. Mit Kunstradsport kann nichts verdient werden und für die Spitzensportler ist der Aufwand, alleine schon um das sportliche Können zu erhalten, enorm. Das steht leider in keiner Relation, da alle einen Vollzeitjob ausüben.
Kooperation mit Schule wäre ein Wunsch
Wie begeistern Sie Interessierte für die Sportart?
Der RV Adler Empfingen richtet jährlich einen Wettkampf aus. Ich versuche hier etwas abzuwechseln – mit Wettkämpfen auf Bezirksebene und auf Landesebene. Bei Bezirkswettkämpfen sind alle Sportler aus dem Verein und den Nachbarvereinen vertreten, auf Landesebene gibt es eine Qualifikationspunktzahl, was den Wettkampf anspruchsvoller macht. Wir versuchen mit Flyern, den sozialen Medien und der Zeitung Werbung zu machen und somit interessierte Eltern und Kinder als Zuschauer zu gewinnen. Auch nehmen wir mit unserer Kunstradabteilung jährlich beim Empfinger Ferienprogramm teil, wo sich die Kinder spielerisch mit dem Kunstrad vertraut machen können. Was ich aus zeitlichen Gründen nicht machen kann, ist eine Kooperation mit der Schule. Aber vielleicht kann dies in Zukunft von einem Elternteil übernommen werden. Dies steht immer wieder im Raum, wurde aber bisher nicht priorisiert.
Welche Ziele habe Sie sich für die aktuelle Saison gesteckt?
Die gleichen wie in jedem Jahr. Verletzungsfrei durch die Saison kommen und mit Bestleistungen glänzen. Im Schülerbereich agieren wir nicht unbedingt wettkampforientiert – da liegt der Fokus auf dem Erlernen neuer und langwieriger Übungen.
Wie muss man sich das Training für die Wettbewerbe vorstellen?
An vielen Übungen trainieren die Kinder über mehrere Jahre, bis diese alleine gefahren werden können. Im Schülerbereich ist unsere Wettkampfvorbereitung eher im Hintergrund, was dann in den zwei bis drei Wochen vor einem Wettkampf für ein bisschen Stress sorgen kann, die Mädels aber prima meistern. Aktuell haben die Schülerinnen vier Wochen bis zum nächsten Wettbewerb, das heißt, wir pausieren mit der Wettkampfvorbereitung für zwei Wochen und widmen uns nur dem Training.
Echte Kunstradfamilie
Was macht den Kunstradsport für Sie persönlich besonders?
Kunstradfahren vereint Ästethik und Kraft und Ausdauer. Es ist toll zu sehen, wie sich die Kinder entwickeln und Ehrgeiz zeigen. Wie sie zu Hause Übungen trainieren, um sich zu verbessern. Auch ist es immer wieder schön zu sehen, wie die Begeisterung der Kinder für diesen Sport mit jeder neu erlernten Übung wächst und der Trainingsfleiß zunimmt und sie von selbst mehrmals die Woche zum Training kommen möchten. Das Besondere an diesem Sport ist tatsächlich auch die Kunstradfamilie. Da wir eine Randsportart betreiben, kennt man sich auch auf Bundesebene gut. Hier entwickeln sich bei Sportlern und Trainern langjährige Freundschaften.
Wie lange sind Sie schon Trainerin und warum haben Sie sich für das Trainerinnenamt entschlossen?
Tatsächlich weiß ich nicht mehr, wann ich beim RV Adler als Trainerin eingestiegen bin. Mit meiner ältesten Tochter Anne begann alles. Hier fing ich vor 15 Jahren an, die anderen Trainerinnen zu unterstützen und aufgrund der sportlichen Erfolge von Anne wurde dies immer mehr. Ich habe mich dann auch ziemlich schnell dazu entschlossen, die Trainerausbildung zu absolvieren, da ich bis dato von dieser Sportart noch nicht viel gehört hatte und nicht wusste, auf was zu achten ist. Somit obliegt mir nicht nur die sportliche Leitung des Trainings, sondern mit Hilfe der Landestrainer auch die Perspektivplanung und Wettkampfplanung.
Wo liegen die Hürden?
Eine der größten Hürde sind die Trainingsbedingungen. Wir können mit unseren Kunsträdern nicht im Freien und auch nicht auf Weichböden trainieren. Hinzu kommt der Platzbedarf. Eine Kunstradfläche ist mindestens 9 x 12 Meter groß. Um effektiv zu trainieren, sollten auf dieser Fläche maximal zwei Sportler sein. Das heißt, dass für leistungsorientiertes Training mindestens dreimal die Woche für sieben bis acht Sportlerinnen dieser Platz vorhanden sein muss. Leider haben wir nicht die erforderlichen Trainingszeiten zur Verfügung. Unsere Haupttrainingshalle ist die Täleseehalle, welche sehr oft mit Veranstaltungen über Wochen für den allgemeinen Sportbetrieb gesperrt ist. Als Ausweichort steht uns für ein paar Stunden die Schulturnhalle zur Verfügung, welche aber den Platzbedarf nicht hergibt. Das bremst uns leider immer wieder aus.
Was sind die Besonderheiten in dieser Sportart?
Besonders bei diesem Sport ist auch die Intensität. Mehr als zwei Sportler sollte ein Trainer während des Trainings nicht betreuen müssen. Wer unsere Sportart kennt, weiß, dass die Sportlerinnen bei so gut wie allen Übungen lange gesichert werden müssen, bis das Element alleine gezeigt werden kann. Ich bin dankbar über alle Eltern, die beim Training mithelfen, für einen alleine ist das gar nicht möglich.
„Nicht für voll genommen“
Gibt es etwas, das Sie stört?
Was mich immer wieder wurmt, ist, dass der Erfolg unserer Sportler nicht gewürdigt wird. Wir sind seit dem letzten Jahr mit Madeleine Milz sehr gut auf Landesebene unterwegs – wenn ein Fußballverein Landesliga spielt, wird er bejubelt. Mit Charlotte Bantle sind wir seit vielen Jahren auf Bundesebene erfolgreich – welcher Fußballverein kann das hier von sich behaupten? Immer nur heißt es: Die paar Kids fordern die ganze Halle ein. Unsere Sportart wird, trotz der Erfolge, die wir haben, nicht für voll genommen – oder vielleicht gerade deswegen? Mir wurde ganz am Anfang meines Trainerinnendaseins von der damaligen Landestrainerin gesagt: Denke immer daran – Erfolg schafft Neider.
Wie läuft es mit der Unterstützung für den Verein?
Wir haben zuverlässige Hauptsponsoren. Diese und vor allem auch unser schaffiger Verein ermöglichen uns, die Kadermaßnahmen zu finanzieren und auch das benötigte Material wie Fahrräder und Reifen zu beschaffen. Ohne diese Unterstützung wären wir nicht da, wo wir sind.