Von wegen Krise: Die Art Basel hat begonnen – und diesmal könnten sogar neue Käufer aus dem Mittleren Osten zu der wichtigsten Kunstmesse der Welt reisen.
Es klingt nach einer schlechten Nachricht: Im vergangenen Jahr wurde weltweit für – nur – 57,5 Milliarden US-Dollar Kunst verkauft. Das seien zwölf Prozent weniger als im Vorjahr, heißt es im Global Art Market Report der Art Basel. Gekauft werde zwar mehr denn je – nur nicht im teuersten Segment. Bei Preisen über zehn Millionen Dollar halte man sich derzeit zurück.
In Kunst wird trotzdem nach wie vor investiert, sonst wäre die diesjährige Art Basel nicht schon während der ersten Tage so rappelvoll gewesen, dass man kaum durchdrang zu den tausenden Kunstwerken, den Bildern, Fotos, Skulpturen und Objekten. Die knapp 300 Galerien sind aus aller Welt angereist, sie kommen aus London, Tokio und Los Angeles, aus Guatemala City oder Sao Paolo.
Ein Ableger der Art Basel in Doha
Nationalismus greift um sich, die Kunstwelt wird dagegen noch internationaler, weshalb Maike Cruse, die Messe-Leiterin an diesem Wochenende sogar mit neuen Kunden aus Südostasien rechnet wie auch aus dem Mittleren Osten. Dort ist das Interesse so gewachsen, dass die Art Basel im Februar einen Ableger in Doha eröffnen wird.
Das kleine Basel ist aber offenbar weiterhin der Dreh- und Angelpunkt des Kunstbetriebs. So werden sich bis Sonntag wohl wieder an die 91 000 Besucherinnen und Besucher durch das kunterbunte Sammelsurium schieben. Hier findet sich nicht nur alles, was auf dem Markt Rang und Namen hat, sondern es sind auch sämtliche Facetten der Gegenwartskunst vertreten. So kann man sogar einen künstlichen Baumstamm kaufen, der voller Schutt und Scherben steckt. 85 000 Euro soll die Installation von Nadira Husain bei der Berliner Galerie PSM kosten.
In der neuen Sektion „Premiere“ werden taufrische Werke vorgestellt. Es gibt auch eine kleine Auswahl an Solo-Shows jüngerer Künstlerinnen und Künstler wie Michèle Graf und Selma Gruter. Das Duo versetzt mit winzigen Motoren dünne Drähte in lustige Schwingungen oder bewegt kleinste Hämmerchen in aufmunterndem Takt.
Dass aber selbst renommierte Galerien wie Gagosian statt attraktive Einzelpositionen lieber ein kunterbuntes Potpourri präsentieren, verrät, dass man bei der Art Basel nicht auf kunstinteressierte Flaneure setzt. Man geht davon aus, dass das Publikum gezielt „seine“ Stammgalerien aufsucht und weiß, wo zum Beispiel die Skulpturen der erfolgreichen Bildhauerin Anna Uddenberg zu finden sind. Ihre Frauenfigur aus diversen Fundstücken, die lasziv auf einem Bürostuhl reitet, könnte bis Sonntag durchaus verkauft sein für 60 000 Euro, schließlich hat die Schwedin viele Sammler.
Für das breite Publikum ist da die Art Unlimited interessanter. In der Halle für besonders große oder spektakuläre Werke hat der Kurator Giovanni Carmine inhaltliche Akzenten gesetzt, die als Antwort auf die aktuelle Weltlage gelesen werden können. So wird das Publikum von drei „Engeln“ von Thomas Schütte begrüßt. Die schwebenden Metallwesen erinnern daran, dass ein Schutzengel mehr wert ist als jeder Ruhm und Reichtum.
Düstere Assoziationen
Ob es Walid Raads immersive Videoprojektion ist, bei der Häuser in Beirut in die Höhe wachsen, um im nächsten Moment schon wieder zerstört zu werden, oder ob es die 21 Türen sind, auf die Jaume Plensa die Erklärung der Menschenrechte geschrieben hat – viele Werke in der Art Unlimited lassen sich auf die Weltlage beziehen. Dabei hat sich Martin Kippenberger seinerzeit eher einen Spaß erlaubt, als er im öffentlichen Raum Attrappen von Lüftungsschächten und U-Bahn-Stationen hinterließ. Der „Transportable U-Bahn-Eingang“ von 1997, der nun riesenhaft in der Art Unlimited steht und so tut, als führe er in den Keller, sorgte vor dreißig Jahren für fröhliche Irritationen im Alltag. Jetzt weckt er düstere Assoziationen und erinnert an die Bewohner von Kiew, die in den Stationen im Untergrund Schutz vor den Bomben suchen.
Und auch wenn auf der kleinen „Go-Go Dancing Platform“ in den kommenden Tagen knapp bekleidete Tänzer auftreten werden und im Licht der Glühbirnen tanzen, so besitzt auch die Arbeit von Felix Gonzalez-Torres ungeahnte Aktualität. 1991 wollte der kubanisch-amerikanische Künstler mit der leeren Bühne an die vielen Aids-Toten aus der Schwulen-Szene erinnern. Heute liegt es an der zunehmenden Homophobie, dass in immer mehr Ländern die Bühnen und Clubs der Homosexuellen leer bleiben müssen.
Besonders beeindruckend ist die Karawane, die sich durch die riesige Halle zieht: Kinderroller und Planenwagen sind dabei, gepolsterte Schubkarren, Infusionsständer und ein Rollstuhl. „The Voyage – A March to Utopia“ nennt sich die eigentümliche Expedition des Ateliers Van Lieshout. Sie mahnt eindrücklich, dass Zukunft nur gelingen kann, wenn alle mitgenommen werden, auch die Schwachen und Versehrten.
Kostenloses Begleitprogramm
Parcours
Begleitend zur Messe gibt es in der Baseler Innenstadt die Ausstellung „Parcours“ im öffentlichen Raum. In leeren Geschäften, in einem Hotel, einer Unterführung, einem Bürogebäude oder am Flussufer werden mehr als zwanzig künstlerische Projekte rund um das Thema „Second Nature“ gezeigt - kostenlos.
Info
Geöffnet hat die Messe bis zum 22. Juni täglich von 11 bis 19 Uhr, Tageskarte 69 CHF, Wochenendticket 120 CHF.