„Spline Art“ nennen sich die lila, türkis und anders farbigen, in sich verschlungenen kunstvollen Kurven, die Diet Rahlfs an einem selbst erstellen Computerprogramm produziert.
Das Wort„Spline“ in Spline Art bedeutet auf deutsch Straklatte – das ist laut Wikipedia „eine elastische Latte aus Holz oder Kunststoff“, die im Schiffsbau zur technischen Konstruktion verwendet wird. Nägel oder sogenannte Strakgewichte formen und halten diese Latten. Daran angelehnt ist„Spline“, laut Wikipedia, auch „zu einem Begriff der geometrischen Modellierung geworden“.
„Diese mathematische Funktion hat mich interessiert“, die ein Schiff „schön schlank formt, damit es im Wasser gut gleiten kann“, sagt Rahlfs. Der Bezug zu Schiffen kam bereits früh: „Ich bin an der See groß geworden“, sagt der aus Dänisch-Nienhof in Schwedeneck stammende Künstler. Beruflich hat der heute 81-Jährige unter anderem Navigationssystemgrafik und Seerohre entwickelt – dabei ist er auch selbst auf U-Booten mitgefahren. An der Werft hat er die „wunderschön gebogenen Teile für die Schiffe“ bestaunt, die „Wochen in der Witterung liegen, damit sie sich entspannen“.
Wie handgemalt
Heute verbringt Rahlfs häufig Zeit in der „Räuberhöhle“, wie seine Partnerin sein Arbeitszimmer nennt, und kreiert Spline Art. Dabei legt ein Zufallsprozessor die Punkte fest, welche die Spline-Kurven genauso formen wie es die Nägel und Strakgewichte mit den Straklatten tun.
„Es ist faszinierend, wie durch den Zufallsgenerator ganz unterschiedliche Bilder entstehen“, sagt Rahlfs. Er drückt ein paar Knöpfe, heraus kommt ein buntes Gekritzel mit Linien und Flächen in verschiedenen Farben: „Manches sieht aus, als wäre es handgemalt“, sagt Rahlfs sichtlich erfreut. „So entstehen die wildesten Sachen – ich lasse mich gerne überraschen.“
Ist das Zufallsprinzip des Computers demnach der eigentliche Künstler? Dem scheint nicht der Fall zu sein. Die Werke, die auf dem Monitor entstehen, sind „nicht ganz willkürlich“, betont Rahlfs. Die Strategien gibt er selbst vor, Farben, Transparenz oder Farbverläufe kann er bestimmen und auch die zufällige Punkte-Verteilung kann er nachträglich abändern.
Tanzende Geometrie
Besonders interessant werden die Veränderungen des Bildes, wenn Rahlfs die Spannungsstärke verändert.
Die Kurven ähneln so entweder einem losen Gummiband oder einem sich biegenden Holzbrett. In der Schiffsbaupraxis wäre das so, als ob man für die Straklatten „weiches oder stabileres Holz“ verwendet, sagt der Künstler. An den Linien, deren Kurven sich um die Punkte winden und den sich an denselben Punkten entlang entfaltenden Flächen legt Rahlfs zudem unterschiedliche Spannungen an. So entsteht aus Flächen und Linien – im wahrsten Sinne des Wortes – ein „spannendes“ Spiel.
Rahlfs bringt seine geometrischen Formen schließlich zum Tanzen: mal scheinen sie sich jeweils um sich selbst zu drehen, mal bewegen sie sich kontinuierlich „von einer Punkte-Wolke in die andere“. Aus diesen Effekten erstellt Rahlfs Videos, spielt in diesen mit den Farben, der Zahl der Flächen und Linien und fügt Lichteffekte sowie eine Experimentalmusik hinzu.
Bei „Kunst taucht auf“ am Schiltachufer präsentiert er diese Videos auf aufgeblasenen Plastikobjekten. Die diesjährige Finissage wird es im September geben, nach Sonnenuntergang. Denn, damit seine Videos mit präzisen Linien und teilweise schrillen Farben zur Geltung kommen, braucht der Räuberhöhlen-Künstler vor allem eines: Dunkelheit.
Info
Die Serie
Neun Künstler haben sich unter Leiter Otto Schinle zur Gruppe Forelle Blau zusammengeschlossen und organisieren unter anderem die jährliche Ausstellung »Kunst taucht auf« am Schiltacher Ufer. Wir sprechen mit den einzelnen Künstlern über ihre Werke und deren Entstehung. Heute geht es um Diet Rahlfs.