Martina Dieterle in ihrem Ausstellungsraum neben dem Bild „Auszeit“. Mehr ihrer Baum-Bilder sind bald im Rathaus zu sehen. Foto: Rahmann

Fantasiereiche und detailverliebte Bilder treffen sich mit ernsthaften Themen und der Freude am Verwursteln, Durchkneten und Matschen – Martina Dieterles Kunst hat Power.

„Ich würde mich als Materialfetischistin bezeichnen“, sagt Martina Dieterle: „Oft kommt mir über das Material die Idee.“ Wie das konkret aussieht? Die gebürtige Schiltacherin findet eine „Rumpelfolie“ – und drückt damit Farbe auf ein Bild. Der Farbauftrag wird so „zufälliger“, das Bild „sieht nicht so gemalt aus“ zumindest nicht „mit dem Pinselchen“, so die Künstlerin. Ein Tischgedeck? Dient ihr als Schablone. Auch eine alte Regenrinne wird bei ihr schonmal Teil eines Bildes. „Ich verwurstel alles, was ich entdecke“, sagt sie, dabei „wird alles zweckentfremdet“.

 

Auch die Arbeit mit dem Spachtel gehört zu ihren Vorlieben: „Ich matsch auch unheimlich gern.“ Da wird schon mal Bindemittel, scharfkantiges Urgestein und Champagnerkreide „direkt auf der Leinwand durchgeknetet“. Was dabei genau herauskommt – davon lässt sich Dieterle auch überraschen: „Es macht so Spaß, wenn man dann sieht, was das Material macht.“

Matsch mit Struktur

Wer die Künstlerin so über ihre Arbeitsweise sprechen hört, mag sich vielleicht chaotische Bilder vorstellen, auf denen nur schwer etwas erkennbar ist – weit gefehlt. Erstens betreibt Dieterle neben ihrem experimentellen Schaffen auch klassische Schichtenmalerei in Öl und fertigt Zeichnungen an. Zweitens sind auch ihre „Matsch“-Bilder sehr strukturiert – beispielsweise das Bild „Seegraswiese“, indem Meereswellen auf einen Streifen Seegras an einer Küste treffen. Bevor Martina Dieterle Bitumen als Seegras auf das Bild „gematscht“ hatte, malte sie Schichten in Acryl- und Ölfarben. In die Struktur des Bitumens mischte sie anschließend zerstoßene Muscheln und spritzte Wasser auf das Bild. Das Ergebnis lässt sich als detailverliebt bezeichnen.

Auch das Motiv der Seegraswiese ist keinesfalls zufällig gewählt. Seegraswiesen sind „schützenswerter Raum, der Kohlenstoffdioxid bindet“ und sind „durch den Temperaturanstieg des Wassers gefährdet“, so Dieterle. Sie hat zwei Enkelkinder, die zwei und vier Jahre alt sind und sieht sich als „Oma for Future – aber ohne auf die Straße zu gehen“. Sie fragt sich, wie viel Natur noch „übrig ist, wenn die Kinder erwachsen sind“, denn „was wir heute verbrauchen, das fehlt ihnen später“.

„Mach etwas Gescheites“

Im Fernsehen hat Dieterle einen Beitrag darüber gesehen, wie die Polkappen abschmelzen – „indonesische Inseln werden überschwemmt“, erinnert sich Dieterle an die Dokumentation. Diese Informationen veranlassten sie dazu, das Bild „Schmelze“ zu malen, auf dem ein indonesisches Kind eine „wegschmelzende Erde in der Hand“ hat – dabei steht er „selbst schon bis zum Bauchnabel im Wasser“, so Dieterle.

Die Künstlerin hat „als Kind schon immer gern gezeichnet“, wurde aber zunächst technische Zeichnerin im Maschinenbau, obwohl sie nach der Schule auch gerne schon in Richtung Kunst gegangen wäre, denn ihr Vater sagte damals: „Mach etwas Gescheites.“ Ihr Beruf als technische Zeichnerin habe allerdings auch ihr räumliches Vorstellungsvermögen geschult. An die Malerei wagte sie sich lange nicht heran – war nach einem Schnupperabend an der Offenburger Kunstschule aber „infiziert“, so dass sie sechs Jahre dort ein Abendstudium absolvierte: „Ich wollte das von der Pike auf lernen.“

Im Rathaus hängen ab dem 24. Februar ein Jahr lang Bilder ihrer Serie „Baum-Liebe“.

Die Serie

Neun Künstler haben sich unter Leiter Otto Schinle zur Gruppe Forelle Blau zusammengeschlossen und organisieren unter anderem die jährliche Ausstellung „Kunst taucht auf“ am Schiltacher Ufer. Wir sprechen mit den einzelnen Künstlern über ihre Werke und deren Entstehung. Heute gibt es den dritten Teil mit Martina Dieterle.