Exponate aus Tailfingen in London ausgestellt - Besuche wegen Corona nicht möglich.
Museumsbesuch? Derzeit unmöglich. Auch in London. Schade, denn dort sind Exponate aus Tailfingen ausgestellt. In keinem geringeren Haus als dem British Museum, einem der bedeutendsten Museen der Welt. Lesen Sie alles über die kuriose Reise der Ausstellungsstücke in unserem (SB+)Artikel.
London/Albstadt-Tailfingen - Das British Museum muss man als London-Reisender gesehen haben. Allein schon des Gebäudes wegen: Den runden Innenof des 1848 über einem quadratischen Grundriss errichteten klassizistischen Bau überspannt eine Kuppel mit einem Durchmesser von 42,5 Metern. Früher befand sich dort der Lesesaal, doch 1997 zogen die Bücher ins neue Gebäude der British Library um; danach wurde der Hof nach den Plänen des Architekten Sir Norman Foster umgestaltet und mit einer Stahl-Glas-Konstruktion aus 1656 Paar Glasplatten überzogen. Mit 7100 Quadratmetern Fläche ist er der größte überdachte öffentliche Platz in Europa – und ein beliebter Treffpunkt und Tummelplatz. Nicht zuletzt, weil der Museumseintritt frei ist.
Hallstatt-Exponate bei Albstadt-Tailfingen gefunden
Wer die halbrunde Treppe hinaufsteigt, um sich im Saal 50 Ausstellungsstücke aus der Zeit von 800 vor bis 43 nach Christus anzusehen, kommt am "Battersea Shield" nicht vorbei: Der Bronzeschild aus der Zeit des zweiten oder dritten Jahrhunderts vor Christus gehört zu den bedeutendsten Funden der Keltenzeit. Etwas unscheinbarer nehmen sich zwei Exponate in der Glasvitrine gegenüber aus: ein großes, bauchiges Gefäß, zwischen 800 und 600 vor Christus entstanden, und eine flache Schale aus den Jahren 700 bis 600 vor Christus, reich dekoriert in mehreren Farben. Von wo stammen die beiden Hallstatt-Exponate? Wie die Legende verrät, wurden sie "in the Degerfeld" gefunden, bei "Albstadt-Tailfingen, Zollernalbkreis, Germany", und sind Schenkungen von Sir John Brunner und Sir Henry Howorth.
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Was die Legende nicht verrät, ist, wie die beiden Herren in den Besitz der frühkeltischen Altertümer von der Schwäbischen Alb gekommen sind. Sie stammen aus der "Sammlung Edelmann". Hieronymus Edelmann, geboren 1853 in Schalkstetten bei Ulm, war neben dem Landwirt Johannes Dorn von der Trochtelfinger Haid der zweite große Pionier der Archäologie auf der Alb. Er hatte 1879 die Untere Apotheke in der Ebinger Marktstraße gekauft, betrieb sie 15 Jahre lang und verbrachte in diesen Jahren einen großen Teil seiner freien Zeit mit Grabungen an vor- und frühgeschichtlichen Fundstätten.
Die Archäologie war damals noch keine Domäne staatlich bestallter Fachgelehrter, sondern Spielwiese von neugierigen und zugleich geschäftstüchtigen Amateuren. Leute wie Dorn oder Edelmann als Raubgräber zu denunzieren, verbietet sich: Dieses Delikt gab es damals noch nicht, Schatzsuche war ein ehrenwerter Zeitvertreib, und man muss Edelmann und Dorn zugute halten, dass sie sorgfältig zu Werk gingen und ihre Kampagnen und deren Ertrag minuziös dokumentierten. Sie waren Profis, ehe Archäologie zur Profession wurde.
538 Gegenstände – das wäre genug für ein eigenes Museum
Die Sammlung, die Hieronymus Edelmann bei seinen Grabungen auf der Albhochfläche und im Donautal aufbaute, war überaus umfangreich: 538 Gegenstände sind im Britischen Museum katalogisiert; man könnte problemlos ein eigenes Museum damit füllen. Die Sammlung Edelmann ist der größte Komplex von vorgeschichtlichen Funden außerhalb Großbritanniens, den das Britische Museum besitzt. Wie kam es dazu? Offenbar brauchte Edelmann, der die Untere Apotheke 1894 an die Familie Häffner verkauft und die Sigmaringer Hofapotheke übernommen hatte, 1908 Geld und versuchte deshalb, seine Schätze zu verkaufen. Er dürfte es bei den Museen in Stuttgart und wohl auch in Berlin versucht haben, aber zu dieser Zeit hatte sich der Gedanke des Denkmalschutzes bereits Geltung verschafft, es waren Ankaufstopps verhängt, und daher fand Edelmann in Deutschland keine Käufer.
Dafür in England: Howorth und Brunner erwarben seine Sammlung und stifteten sie dem Britischen Museum. Dort ist sie noch heute – zum größten Teil in der Asservatenkammer, denn selbst das riesige Britische Museum kann nur einen kleinen Teil seiner Bestände ausstellen. Im Jahre 1969 reisten Siegwalt Schick, der Leiter der Archäologischen Landespflege in Tübingen, und der Prähistoriker und Landeskonservator Hartwig Zürn nach London, sichteten die Keramik, Ringe, Speerspitzen und Schwertklingen der Sammlung Edelmann, ließen sie abzeichnen und erstellten eine Dokumentation.
Allerdings auf der Grundlage einer englischen Übersetzung von Edelmanns deutschsprachiger Auflistung, die zahlreiche Fehler enthielt, weil der britische Übersetzer sich mit Harthauser oder Truchtelfinger Flurnamen nicht auskannte, sie mit denen von Personen verwechselte und recht einfallsreich übertrug: Aus dem "Alten Hau" zwischen Harthausen und Freudenweiler wurde beispielsweise "Old Cops".
Die Informationen sind viel ausführlicher als in der Übersetzung
All diese Fehler fanden Eingang in die Stuttgarter Bestandsaufnahme. Erst 1986 erhielt Siegwalt Schick eine Kopie von Hieronymus Edelmanns Originalliste, die dieser für seine Kunden angefertigt hatte und die unverhofft im Archiv des Britischen Museums aufgetaucht war – und er stellte fest, dass diese wesentlich ausführlichere und präzisere Informationen enthielt als die Übersetzung: genaue Beschreibungen von Fundumständen und -orten und dazu neben den Listen der jungsteinzeitlichen, keltischen und alamannischen Altertümer im Britischen Museum auch noch die von altsteinzeitlichen und römischen Funden, die im Depot oder anderen Londoner Museen gelandet waren. Darunter Objekten, die keineswegs von der Alb stammten, sondern aus dem Heiligen Land: Conrad Schick aus Bitz, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts Baurat, Stadtplaner und Archäologe in Jerusalem, hatte sie seinem Freund Edelmann geschenkt.
Der Tod ereilte ihn zu früh – Korrekturen waren nicht mehr drin
Siegwalt Schick hätte seine Dokumentation gerne noch korrigiert, aber er starb wenig später, worauf sein Nachfolger Hartmann Reim die Aufgabe delegierte – an Jürgen Scheff. Der Ebinger Historiker, Hobbyarchäologe und Kustos des Museums im Kräuterkasten hat Edelmanns Liste mittlerweile digitalisiert, aber fände sich ein Tübinger Doktorand, der bereit wäre, sie mit dem alten Katalog von 1969 abzugleichen und diesen zu aktualisieren, wäre er alles andere als unglücklich. Auch im Ruhestand wird ihm die Arbeit so bald nicht ausgehen.