Solche Schilder standen früher zwischen BRD und DDR und waren für den Bürger im Normalfall unüberwindlich. Foto: Imago//Robert Schmiegelt

Die Menschen sollen sich in Ausstellungen sicher fühlen. Die Kunst soll Menschen doch möglichst heilen, fordern viele, Rechte wie Linke. Das kann sie aber gar nicht, meint unser Kolumnist Jörg Scheller.

Vor kurzem sprach ich mit Ann Demeester, der Direktorin des Zürcher Kunsthauses, in einem Podcast über das Thema „Böse Kunst“. Gibt es so etwas eigentlich? Kunst, die per se böse gute oder böse Wirkungen zeitigt? Demeester teilte ihre Beobachtung, dass in Zeiten des Umbruchs wie der unsrigen das Verlangen nach „moralischer Reinheit“ wachse. Ob in der Politik oder in der Kunst – viele wöllten auf der guten Seite stehen. So entstünde eine extreme Polarisierung: „Es kommt nicht mehr zum Dialog, sondern zum Kampf.“ Kunst diene dann nicht mehr dem, was sie am besten könne, nämlich der Schaffung neuer Perspektiven, sondern im Gegenteil deren Verengung.

 

Das gab es alles schon mal in Herford

Diese Tendenz hat sich in der Polykrise des 21. Jahrhunderts verstetigt. Demeester erzählte, wie sie schon vor 22 Jahren in Herford an der Ausstellung „Black Low: The punk movement was just hippies with short hair“ des Künstlers Bjarne Melgaard mitwirkte. Die Ausstellung befasste sich mit verstörenden Motiven und Ritualen der Black-Metal-Szene und wurde zunächst verboten. Später durfte sie nur unter Auflagen eröffnen. Begründung: Gewaltverherrlichung. Dabei thematisierte Melgaard existierende Gewaltverherrlichung in der Subkultur, er produzierte sie nicht selbst. Durch die Wiederholung im Kontext der Kunst zeigte er sie in neuem Licht. Doch diese Ambivalenz war zu viel – das Bedürfnis nach Reinheit und Eindeutigkeit obsiegte, obwohl die Ausstellungsmacher die Legalität der geplanten Kunstevents hatten prüfen lassen. Mittlerweile wagt man vieles gar nicht erst, um sich all den Ärger zu ersparen.

Rechte Reaktionäre, religiöse Fundamentalisten und linke Weltverbesserer wünschen sich heute wieder eine Kunst, die nicht Sparringspartner ist, sondern Vorbild. Sie ersehnen Kunst, die aus ihrer jeweiligen Sicht gut ist, die rein ist, die divers ist, die volksnah ist, die nachhaltig ist, die sozial engagiert ist oder die, wie es derzeit oft in Ausstellungstexten heißt, der „Heilung“ dient. Nur deutet leider wenig darauf hin, dass gute Kunst auch gute Menschen macht. In der Kunst autoritärer Regime etwa wimmelt es von solidarischen Helden der Arbeit, selbstlosen Heiligen oder heroischen Kämpfern für die gute Sache. Gerade in diesen Regimen ist es um die Menschenrechte gelinde gesagt nicht zum Besten bestellt. Dort aber, wo Kunst auch schmutzig, eigensinnig, verstörend und ein bisschen böse sein darf, steht es oft besser um die Menschenrechte. Kunst ist ein Trainingsraum für die Auseinandersetzung mit den Widersprüchen des Lebens – diese im „Guten“ auflösen zu wollen, nimmt verlässlich ein böses Ende.