Öffentliche Museen können sich Ankäufe oft nur mit der Unterstützung von Stiftungen leisten. Manchmal geht es um Millionensummen, manchmal nur um Schnelligkeit.
Wenn einem so viel Gutes widerfährt, gerät der Tonfall schnell religiös. Ein „himmlischer Zuwachs für Bayern“, jubilierte im Frühjahr Bayerns Kunstminister Markus Blume, als die Neuerwerbung für die Alte Pinakothek in München der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Die Wortwahl passte zum Motiv, es handelt sich um eine Darstellung von „Maria als Himmelskönigin“, im frühen 16. Jahrhundert geschaffen von Dürer-Schüler Hans Baldung, zuletzt in amerikanischem Privatbesitz. Ein kleines Andachtsbild, aber kein Schnäppchen, offiziell ist der Kaufpreis geheim, angeblich wurden fünf Millionen Euro bezahlt. Zu viel für die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Hilfe kam nicht aus dem Himmel, sondern von irdischen Förderern: vom Pinakotheks-Verein, vor allem aber von der PeslStiftung und der Ernst von Siemens Kunststiftung.
Diese Zusammenarbeit ist keine Ausnahme: Die öffentlichen Häuser verfügen kaum mehr über nennenswerte Etats für Ankäufe. Wenn Museen namhafte Neuzugänge vermelden, stammen diese fast immer aus Schenkungen – oder wurden mit Stiftungsgeld erworben. Neben den Kulturstiftungen des Bundes und der Länder ist die private Ernst von Siemens Kunststiftung ein wichtiger Partner. Jährlich um die zehn Millionen Euro – was in etwa dem Budget der Kulturstiftung der Länder entspricht – steckt diese in Ausstellungen, Kataloge, Restaurierungen und vor allem Ankäufe. „Aber nur dann, wenn sie wirklich einen Input in die Dauerausstellung bringen“, erklärt Generalsekretär Martin Hoernes. Laut Satzung werden keine Werke lebender Künstlerinnen und Künstler erworben, auch keine ganzen Nachlässe. Es geht um genau jene herausragenden Stücke, die sich die Museen sonst nicht leisten könnten.
Nicht alle Museen haben ein Umfeld wie das Städel in Frankfurt
Für Philipp Demandt, Direktor im Frankfurter Städel Museum, ist die Zusammenarbeit mit Stiftungen „unverzichtbar“. In den letzten Jahren sei die öffentliche Förderung vieler Kulturinstitutionen zurückgegangen, sodass diese auf private Unterstützung angewiesen seien. Für sein Haus gelte das besonders: Das Städel, gegründet 1815 durch den Kaufmann Johann Friedrich Städel als Stiftung bürgerlichen Rechts, verdanke „seine Existenz und bis heute seine Kraft dem bürgerlichen Engagement“, also auch der Unterstützung durch Stiftungen, Förderer, Sponsoren. „Diese Partnerschaften sind kein Zusatz, sondern Teil der DNA des Städel Museums“, betont Demandt. Die Institution finanziere sich inzwischen zu fast 90 Prozent ohne öffentliche Gelder. Teil der Wahrheit sei aber auch, dass nicht alle Museen auf ein solches Umfeld zurückgreifen können wie das Städel in der Finanzmetropole.
Dann spielten überregional agierende Förderer wie Stiftungen eine noch wichtigere Rolle. Besonders für Ankäufe, auch für solche, die nicht millionenschwer sind wie die Baldung-Maria für München oder auch Max Beckmanns „Selbstbildnis mit Sektglas“, bei dessen Erwerb für das Städel die Ernst von Siemens Stiftung 2020 mit zweieinhalb Millionen Euro beteiligt war. Fünf Millionen gab die Stiftung 2012 für den Erwerb einer bronzenen Merkur-Figur des Renaissance-Bildhauers Hubert Gerhard für das Bayerische Nationalmuseum München. Alte Meister und Klassische Moderne sind teuer.
Der Weg über den Gemeinderat ist manchmal zu lang fürs schnelle Kunstgeschäft
Die Stiftung, 1983 errichtet mit Kapital aus dem Privatvermögen des Namensgebers, förderte dieses Jahr aber auch den Erwerb eines Porzellan-Skunks von Hugo Meisel für das Thüringer Landesmuseum Heidecksburg in Rudolstadt mit einem vierstelligen Betrag. Oft hilft sie den Museen auch mit Gutachten und Vorfinanzierungen von bis zu einer Million Euro, wenn etwa bei einem Auktionsangebot Eile geboten ist: Anders als die öffentliche Hand könne man „unbürokratisch und großzügig reagieren“, so Hoernes. Der Weg über den Gemeinderat ist manchmal zu lang für das schnelle Kunstgeschäft.
Für Martin Hoernes liegt die Bedeutung privater Stiftungen vor allem in der veränderten Kulturlandschaft: „Es gibt viel mehr Museen als früher, aber die Mittel sind nicht im gleichen Ausmaß gestiegen.“ Aus Sicht des Kunsthistorikers sollte die öffentliche Hand weniger in Beton als vielmehr in Köpfe und Etats investieren. Die Stiftung unterstütze nur Häuser mit wissenschaftlichem Personal – was leider nicht selbstverständlich sei. Hoernes: „Manche Bürgermeister glauben, dass ihr Kulturamtsleiter ein Museum nebenbei mitführen kann.“
Die Werke bleiben Dauerleihgaben
Verschenkt werden die erworbenen Werke übrigens nicht: Sie bleiben Dauerleihgaben, die Stiftung bleibt Eigentümer oder Miteigentümer, je nach Anteil. Theoretisch könnten sie zurückgefordert werden, wenn ihr Zustand oder ihre Sicherheit gefährdet sind. Generalsekretär Hoernes kann sich aber nur an ein Werk erinnern, das zurückgeholt wurde: Dieses sei für ein neues Museum angekauft worden, das dann doch nicht realisiert wurde, und sei danach „in der Verwaltung herumgelegen“. Damals habe man „zu früh gefördert“, sagt er selbstkritisch. Die Kunststiftung übe aber keinen Druck auf die Häuser aus, eher habe die andere Seite Druckmittel, sagt Hoernes. Flapsig formuliert: Ihr habt schon den Ankauf des Werks gefördert, jetzt unterstützt uns bitte auch bei dessen Restaurierung.
Philipp Demandt vom Frankfurter Städel sieht nur Vorteile der Kooperationen: „Solche Partnerschaften beruhen auf Vertrauen, Transparenz und einem gemeinsamen Verständnis von Verantwortung für die Kunst.“ Kritische Abhängigkeiten entstünden nur dann, wenn das Spektrum der Zuwendungsgeber zu klein oder zu einseitig sei oder diese in die Freiheit der Institution einzugreifen begännen. Private Förderung schaffe sogar Freiräume, weil sie unbürokratisches und wirtschaftliches Handeln fördere.
Der Glanz der öffentlichen Präsentation
Die Dynamik hat aber ihre Grenzen: Der Kunstmarkt nimmt keine Rücksicht auf knappe Finanzen. Wenn ein bedeutendes Werk in den Auktionshandel kommt, bekommen am Ende zumeist hochvermögende Bieter den Zuschlag: Sammler-Mäzene, die ihre Schätze in ihren Museen mit der Bevölkerung teilen, wie Schrauben-Unternehmer Reinhold Würth oder SAP-Mitgründer Hasso Plattner, der 2019 zum Rekordpreis von 111 Millionen Dollar einen Monet bei Sotheby‘s in New York ersteigerte. Aber auch solche, die sich nur privat an ihren Erwerbungen ergötzen wollen; oder sie sogar im Tresor deponieren als Geldanlage.
Sind die öffentlichen Museen überhaupt noch Teil dieses Spiels? Städel-Chef Demandt wiegelt ab: Der globale Kunstmarkt habe sich von den Erwerbungsstrategien der meisten Museen entfernt, doch diese agierten anders als Privatleute: „Museen kaufen oft antizyklisch zum Markt, nutzen ihre oft langjährigen Verbindungen zu Privatsammlern, Künstler, Leihgebern und Nachlässen – und erhalten im Übrigen häufig Museumsrabatte oder Schenkungen.“ Nichts verleiht einem Kunstwerk eben einen größeren Wert als die Präsentation in einem öffentlichen Museum.
Dieses muss freilich nicht nur gefüllt, sondern auch betrieben werden. Martin Hoernes von der Ernst von Siemens Stiftung: „Die Träger – Kommunen, Länder und Bund – bezahlen einen Großteil der Kosten. Das muss man der Fairness halber sagen.“