Wenn Angelika Bächle morgens ihre Neckarquelle liest, geht sie gleichzeitig auf die Jagd nach Farben, Formen und Material für ihre Collagen aus alten Holzdruckplatten. Foto: Cornelia Spitz

Farben, Formen, Fantasie – Angelika Bächle lässt sich in keine Schublade stecken. Die Bad Dürrheimerin erschafft aus Zeitungen und alten Druckplatten kleine Kunstwelten.

In eine Schublade passt Angelika Bächle nicht. Und danach steht der Künstlerin auch nicht der Sinn. Im Gegenteil: Viel zu vielfältig sind die kreativen Ideen, die der Bad Dürrheimerin im Kopf herumschwirren.

 

Gerade hält sie eine uralte Spiegelreflexkamera in einem rehbraunen Leder-Etui in Händen, einen schwarzen Kasten, der Fotoapparat ihres längst verstorbenen Vaters. Behutsam klappt sie vier kleine Kunststoffteile an seiner Oberseite auf und legt damit den Spiegel im Inneren frei. „Da muss ich mich noch hineinfuchsen“, sagt sie neugierig, „aber dafür brauche ich erstmal einen Belichtungsmesser.“ Das nächste Projekt steht also schon fest.

Die alte Spiegelreflex-Kamera ihres Vaters, eine Voigtlänger Brillant, steht im Zentrum ihres nächsten Projekts. Foto: Cornelia Spitz

Doch jetzt widmet sie sich den bunten Zeitungsschnipseln in einem Schuhkarton vor sich. Sie wühlt tief darin.

Ein Farbenspiel

Immer wieder begutachtet Angelika Bächle eines der Farbfotos, die sie, wie jeden Morgen, aus der Neckarquelle ausgeschnitten hat, und legt es mit einem unzufriedenen Murren beiseite. „Das kann ich hier nicht anlegen“, erklärt sie und deutet, mit einem braunen Ausriss auf eine hellgelbe Fläche in ihrer Arbeit – die alte Druckplatte eines Holzschnittes, die sich bei der Künstlerin noch stapeln aus der Zeit, in der sie sich dem Anfertigen von Holzschnitten gewidmet hat. „Die waren zum Wegwerfen viel zu schade“, findet sie, jetzt macht sie Collagen daraus.

Mit den Fingern reißt sie ein Stückchen Papier ab, klemmt es in die Pinzette und legt es an einer Ecke der Arbeit an. „Zu hart, das muss fließender sein.“ Sie gräbt weiter in der Kiste, bis sie triumphierend einen satt-gelben Fetzen hochhält: „Das hier geht!“ Das andere wäre vielleicht da geeignet, meint sie und zeigt auf einen dunkel-orangenen, fast bräunlichen Flecken. Kleinstarbeit. Geduldsspiel. Zentimeter-, wenn nicht gar millimeterweise bedeckt sie den Hintergrund der Druckplatte um das Druckmotiv herum mit winzigen Schnipseln.

Mit einer Engelsgeduld

In ihrem Bad Dürrheimer Zuhause sind viele fertige Werke dieser Art zu bewundern – in manchen kreierte Bächle ein ähnliches Farbspiel, für andere suchte sie bei der Zeitungslektüre gezielt thematisch passende Bilder heraus.

Die Ideen gehen ihr nie aus, der Platz hingegen schon - in Angelika Bächles lichtdurchflutetem Reich in Bad Dürrheim sind viele Kunstwerke zu sehen. Foto: Cornelia Spitz

Der Hintergrund einer Druckplatte mit einem schwarz-roten Tanzpaar ist über und über mit winzigen Musikern bedeckt, die sie aus der Tageszeitung ausgeschnitten und zu einem großen Ganzen gefügt hat. Für ein anderes wählte sie unzählige kleine Gebäude aus Zeitungsbildern aus, mit welchen sie eine Stadt als Collagen-Hintergrund baute. Angelika Bächle liest die Tageszeitung nach der normalen Lektüre mit anderen Augen.

Da war doch was

Von ungefähr kommt das nicht: Auf ihre Schulzeit folgte einst die Lehre als Technische Zeichnerin, später eine Umschulung als Industriekauffrau und die berufliche Tätigkeit in einer Handelsvertretung in Schwenningen. Ihre seit jeher künstlerische Ader war schon in den Hintergrund getreten, beinahe versiegt, als sie eines Tages einen alten Schulfreund traf, der sich erinnerte: „Du konntest so gut malen.“

Er wusste noch um ihren zweiten Platz bei einem Wettbewerb zu Schulzeiten, den sie selbst längst vergessen hatte, und kitzelte ihre Kreativität wach. Welch’ Potenzial doch in ihr schlummerte – darauf neugierig geworden, schrieb sich Angelika Bächle unter anderem in der Sommerakademie Friedrich Hechelmann in Isny ein, erlernte das freie Zeichnen und experimentierte mit Techniken und Materialien, war immer wieder Mitglied diverser Gruppen.

Bei einem Holzbildhauermeister eignete sie sich Wissen über das Holzschnitzen an, später griff sie zu Speckstein und Feile. Rastlos, neugierig und ungeheuer experimentierfreudig greift sie seither zu allem, nur von Einem lässt sie konsequent die Finger: Einer Schublade, in die sie sich stecken lässt, denn die wäre schließlich viel zu eng.