Alle in ihrer Familie wurden schon von der Nachbarin gemalt, nun steht die kleine Mariana vor der Tür von Frida Kahlo (re.). Dem Kind eröffnet sich eine ganz neue Welt mit Tieren, Gemälden und einer kranken Malerin, die sich nicht unterkriegen lässt. Foto: Illustration/Laurence Anholt

Nachbarstochter oder Sohn des Postboten: Ein bunt illustriertes Buch stellt große Künstler wie Frida Kahlo oder Vincent van Gogh aus der Perspektive von Kindern vor, die sie kannten.

Schon Albrecht Dürer war sich sicher, dass er sein Talent von ganz oben bekommen hatte – vom lieben Gott persönlich. Künstler werden gern als Ausnahmegestalten gefeiert, die geniale Meisterwerke produzieren. Künstler sind aber auch Menschen. Diego Rivera etwa war so dick, dass er sich seine riesigen Unterhosen maßschneidern lassen musste. Und wenn Edgar Degas Tänzerinnen zeichnete, hatte er oft sehr schlechte Laune dabei und brüllte die Mädchen an, sie sollten gefälligst still halten.

 

Laurence Anholt hat allerhand Anekdoten zu erzählen von Künstlern, die Geschichte schrieben – von Vincent van Gogh und Claude Monet, Picasso und Leonardo da Vinci. Der englische Autor und Illustrator hat schon viele Bücher verfasst, die Kindern Kunst nahebringen sollen.

Nun sind seine „Kleinen Geschichten von großen Künstlern“ auf Deutsch erschienen – endlich, schließlich ist der bunt illustrierte Wälzer in England seit Jahren ein Klassiker. Denn anders als in Kunstbüchern üblich wird die Leserschaft hier nicht mit Stilen, Fachbegriffen und Jahreszahlen bombardiert.

Menschen aus Kinderperspektive

Anholt weiß, was Kinder interessiert, und hat deshalb eine besondere Perspektive gewählt: Er erzählt die Bildergeschichten aus dem Blick von Kindern, die die Künstler tatsächlich kannten. So macht sich der kleine Paul auf die Suche nach seinem Vater, den er kaum kennt, weil der irgendwo auf dem Land lebt und malt.

Und dieser schrullige Kerl, der es nicht mag, wenn man ihm näher kommt, ist Paul Cézanne – und es ist eine rührende Geschichte, wie der mittellose Maler plötzlich zum gefeierten Künstler wird und der kleine Junge stolz konstatiert: „Ich glaube, mein Vater hat eine neue Art von Malerei erfunden.“

Der Brite Anholt war als Kunsterzieher tätig und stellte bald fest, dass man Kinder am ehesten mit Geschichten locken kann, auch wenn es um Kunst geht. Für „Kleine Geschichten von großen Künstlern“ hat er einerseits auf seine erfolgreiche Kinderkunstbuchreihe zurückgegriffen, hat aber auch neu vor Ort recherchiert, besuchte die Ateliers, in denen die Künstler einst arbeiteten, oder reiste zu Claude Monets Garten in Giverny.

Die Szenen der Bildergeschichten wirken wie mitten aus dem Leben gegriffen, aber führen letztlich doch immer zur Kunst und unmittelbar zu den Werken, die auch abgebildet werden. Da hilft etwa der kleine Camille, der Sohn vom Postboten in Arles, das gelbe Haus für einen neuen Bewohner einzurichten – und dieser Fremdling ist van Gogh, der von den Einheimischen verspottet wird. Camille und seine Familie aber werden von ihm gemalt – die Eltern, Camilles kleine, pummelige Schwester und er selbst im blauen Kittel mit Kappe auf dem blonden Haar.

Den Kindern positive Geschichten mitgeben

Neben diesem menschlichen Blick auf die Künstler und ihre Schicksale rückt die künstlerische Leistung keineswegs in den Hintergrund. Im Gegenteil: Es wird vermittelt, wie ernsthaft diese Maler am Werk waren, was sie antrieb und am Leben hielt trotz Hohn und Spott, die viele von ihnen ernteten.

So erzählt der alte Marc Chagall seinen Enkeln, dass sich sein Vater ernsthafte Sorgen machte, weil der Sohn so „seltsame“ Bilder malte mit einer „lila Kuh mit einem Regenschirm“ oder einem alten Mann, der über die Dächer fliegt. Erst, als ein Lehrer der Kunstschule die Bilder lobte, war der Vater beruhigt und ließ den Sohn weitermalen.

Die Geschichte von Frida Kahlo aus Kindersicht erzählt. Foto: Laurence Anholt/Verlag

Laurence Anholt will den Kindern auch Positives mitgeben und hat seine Kapitel unter Themen gestellt. Van Goghs Lebensweg ist auch eine Geschichte über Außenseiter und Toleranz. Frida Kahlo ermutigt die kleine Mariana, mit Widrigkeiten umzugehen und ihnen zu trotzen.

Und wenn Julie mit Monet im Boot über den Seerosenteich gleitet oder Paul Cézanne mit seinem Sohn eine lange Wanderung unternimmt, will das auch Lust machen auf Begegnungen mit der Natur, auf den Umgang mit Farben und Materialien – real statt digital. Vor allem macht das Buch aber Lust, bei den Gemälden genauer hinzuschauen und sich darauf einzulassen, selbst wenn Picassos Porträts immer eckiger und eigenwilliger werden.

Der verrückte Tüftler von Nebenan

Zum Abschluss führt die Reise ins ausgehende Mittelalter in die Werkstatt von Leonardo da Vinci. Der beschäftigt nicht nur den kleinen Zoro bei sich, sondern nimmt eines Tages auch einen Straßenjungen auf.

Neugierig beäugen die Jungen die verrückten Konstruktionen des Erfinders, der von Fahrrad und Taucheranzug träumt, von einem Rettungsring und einer Erfindung, um übers Wasser laufen zu können. Eine besondere Konstruktion ist aber in einer Geheimkammer weggeschlossen. Prompt lässt sich Zorro überreden von dem Straßenjungen.

Gemeinsam schaffen sie die riesige Maschine auf einen Hügel: Es ist ein Flugapparat. Ein paar Meter schwebt Zorro durch die Luft, um dann doch kläglich abzustürzen. Worauf Leonardo beschließt: „Wir sind keine Vögel. Von nun an werde ich mich aufs Malen konzentrieren.“

Info

Laurence Anholt: Kleine Geschichten von großen Künstlern
Taschen Verlag, 336 Seiten, 30 Euro.