Statt weißem Putz prangt ein 36-Quadratmeter-Mural an einer Hauswand in Pfaffenweiler: Ein Hund schnappt nach Äpfeln. Inspiriert von Sardinien holte ein Professor Streetart ins Dorf.
Großflächige Murals, die aus einer Hauswand einen echten Blickfang machen und obendrein Zeugnis von echter Kunst mit der Spraydose sind – normalerweise kennt man das aus Metropolen, Großstädten oder zumindest aus Industrievierteln, die sich aufmachen in eine alternative Zukunft als hippe Stadt-Areale.
Hierzulande tauchte jetzt aber ein solches im Dorf auf, genauer: in Pfaffenweiler. Statt 36 Quadratmeter ordentlichen, aber nichtssagenden weißen Rauputz bewundert man dort nun an einer Hauswand einen Boxerhund, wie er nach knackigen Äpfeln lechzt, die an einem Ast genau vor seiner Schnauze herunterbaumeln und nur darauf warten, im Vorbeigehen geschnappt zu werden.
Pfaffenweiler und ein Räubernest
Wer Michael Hoyer, den Kommunikationsprofessor aus Pfaffenweiler, kennt, der weiß, dass er ebenso sehr wie seinen Boxerhund auch das Motorradfahren liebt. Offroad durch bizarre Landschaften brausen und sich durch schwieriges Gelände kämpfen oder mal eben politische Botschaften quer durch die Lande transportieren, das ist genau sein Ding. Zwei Räder und ein PS-starker Motor haben im Leben des Unternehmers schon lange einen festen Platz und führen ihn mitunter in fesselnde Gegenden.
Eine solche war das sardinische Orgosolo – und das nicht nur, weil das Bergdorf einst bei gerade einmal etwa 4000 Einwohnern statistisch mit jährlich sage und schreibe rund sechs Morden aufwartete und somit den Ruf als wahres Räubernest erlangt hatte, sondern heutzutage hauptsächlich ihretwegen: eindrucksvolle Wandmalereien en masse – und viele davon bringen die politische und soziale Themen auf den Punkt. „Dieser Ort hat mich wahnsinnig inspiriert“, sagt Hoyer noch immer irgendwie erfüllt davon.
Doch zurück zu seiner einst kahlen Hauswand in Pfaffenweiler. Weder ist’s skandalträchtig, noch ein Räubernest, aber eine würdige Leinwand für Streetart, die kann auch ein solcher Platz in Pfaffenweiler sein, dachte sich Hoyer.
Eine ganze Zeitlang ging er mit dieser Idee schon schwanger, als ein geeigneter Partner dafür seinen Weg kreuzte. Das geschah im Zuge seines eigenen aktuellen Kunstprojekts P61x, das „Menschen.Arbeit.Leben“ in der Region einfängt. Dabei lernte er eine professionelle Schauspielerin kennen – und durch sie ihren kreativen Ehemann Adam Goldwald, ein Graffiteur aus Donaueschingen. Der Rest ist Bild gewordene Geschichte.
Gesagt, getan
Sein Talent, Michael Hoyers Leidenschaft für Boxer-Hunde und die Liebe seiner Frau Beate zu Apfelbäumen schrieben das Drehbuch für das, was jetzt in Farbe im Langen Gewann in Pfaffenweiler zu sehen ist und Spaziergänger staunend innehalten lässt. Denn nach Vorbesprechungen, Skizzen auf Tablets und einem Gerüstbau im Pfaffenweiler Gewann rückte Goldwald an mit seinem Koffer voller hochwertiger Sprühlacke, die speziell für den Außenbereich geeignet sind, um das Bild lange Zeit farbstabil zu halten.
Herausforderungen barg dieses Projekt reichlich: „Höhe, Wetter, Detailtiefe, die üblichen Verdächtigen. Aber genau das macht solche Projekte spannend“, lässt der Künstler, der in bürgerlichem Leben nicht nur anders heißt, sondern auch ein richtiger Ingenieur ist, später gelassen lächelnd wissen. Vier Tage lang mit jeweils vier Stunden reiner Arbeitszeit kniete er sich rein – exklusive der Vorbereitungen wie Motiventwicklung und Farbauswahl.
Und jetzt? Jetzt blickt er stolz und sichtlich zufrieden auf das Geleistete und lässt sich von vielen positiven Rückmeldungen berichten, die die Hoyers für ihr neues Kunstwerk erhalten, das sie irgendwie nicht nur sich selbst, sondern jedem an diesem Wegesrand beschert haben.
Der Künstler
Adam Goldwald
heißt – mit Künstlernamen – der Mann hinter der Wandkunst. Wie lange er schon künstlerisch aktiv ist? „Sagen wir so: lange genug, um einiges erlebt zu haben, und kurz genug, um immer noch mit leuchtenden Augen vor einer frisch grundierten Wand zu stehen.“ Angefangen habe alles als Hobby, das sich hartnäckig geweigert habe, eines zu bleiben. Irgendwann wurde daraus Leidenschaft und nun ein Teil seines Lebens. Seine künstlerische Ader entdeckte der Donaueschinger früh, und irgendwann kam die Idee auf, Kunst in den öffentlichen Raum zu bringen, dorthin, wo Menschen ihr zufällig begegnen. Für Adam Goldwald ist Muralart „die perfekte Mischung aus Kreativität, Handwerk und Kommunikation“. Hoyers Boxerhund unterm Apfelbaum zählt zu seinen größeren Projekten, das allergrößte aber ist es nicht. Zehn bis zwölf Meter in der Länge und vier bis fünf Meter in der Höhe misst sein Rekordwerk.
Mehr von ihm
Wer mehr sehen möchte von Adam Goldwald, dem sei seine in Kürze stattfindende Ausstellung empfohlen: Die Vernissage findet am 7. Mai um 18 Uhr in der Rathausgalerie in Donaueschingen statt, die Ausstellung läuft über die Künstlergilde Donaueschingen, in deren künstlerischem Beirat er ebenfalls wirkt. Noch bis zum 26. Juni wird die Ausstellung „Innere Systeme“ im Blauen Rathaus in Donaueschingen während dessen Öffnungszeiten zu sehen sein.