Vanessa Sprio inmitten ihrer Schöpfungen – der Sport ist hier noch eher Begleiterscheinung, aber das soll anders werden. Foto: Martin Kistner

Die „Street Art“ am Ebinger Busbahnhof ist in die Jahre gekommen und mittlerweile ziemlich ramponiert – im Rahmen des Projektkatalogs „Albstadt50“ wird die Betonwand jetzt von Kunstpädagogin Vanessa Sprio aus Straßberg neu bemalt.

2002 hatte sich die Zunft der Graffiti-Sprayer erstmals mit der Stützmauer des Bahndamms befasst und sie unter Federführung des Pfeffinger Künstlers Wolfgang Wiebe mit Bildern und Schriftzügen besprüht.

 

Zehn Jahre später machte sich Wiebe zusammen mit einem halben Dutzend seiner Kunstschüler, mehreren Veteranen der ersten Aktion und weiteren Graffiti-Enthusiasten abermals an die mittlerweile ziemlich mitgenommene Wand. Das Ergebnis war ein bunte Kombi aus klassischer Graffiti-Kalligraphie und Bildern: ein sibirischer Tiger vor der Kulisse des Altai, ein Tagpfauenauge vor der Silhouette der Alb, eine afrikanische Schönheit, drei Variationen ein und desselben Boxers, flankiert von einem Neptun mit Dreizack in der Rechten.

Links ein Reh mit Deko , rechts die Pfarrkirche von Margrethausen Foto: Kistner

Seither sind 13 Jahre vergangen; auch diese Wandgestaltung war am Ende verblasst, verwaschen, unansehnlich geworden. Als daher im Rahmen des Wettbewerbs „Albstadt50“ Vanessa Sprio, Straßberger Künstlerin und Albstädter Kunstschullehrerin, anbot, die verwahrloste Mauer neu zu gestalten, ergriffen die Juroren die Gelegenheit beim Schopf und erteilten ihr den Zuschlag. Im Januar hat Sprio die Arbeit aufgenommen und mittlerweile mehr als ein Drittel der 143 Meter langen und drei Meter hohen Wand besprayt beziehungsweise bepinselt.

Dräuender Löwe neben Papierkorb – das Publikum liebt Katzen. Foto: Kistner

Ihre Handschrift unterscheidet sich dabei deutlich von der ihrer Vorgänger: mehr Street-Art und weniger Graffiti, keine repetitiven Reihungen à la Andy Warhol mehr und auch keine Comic-Ästhetik, dafür eine ordentliche Portion Romantik. Motive sind überdimensionale Tauben, großäugige Rehe, Eulen, ein dräuender Löwe, elfenhafte weibliche Wesen, dazu Margrethausen aus der Vogelperspektive.

Auch auf Ebingen richtet die Künstlerin ihren Blick. Foto: Kistner

Geht das so weiter? Kommt drauf an: Die Albstädter, und zwar speziell die jungen, sind aufgerufen, Anregungen und Wünsche zu äußern. Vanessa Sprio sucht auch ganz offensiv den Kontakt zu ihnen: Im Januar hat sie den Kindergarten St. Josef in Ebingen besucht und die Kinder nach ihren Wünschen befragt; danach ging sie ans Gymnasium Ebingen, und erst in der vergangenen Woche war sie auf der Suche nach weiterer Inspiration im Jugendhaus im Tailfingen.

Katzen stehen als Motiv sehr hoch im Kurs

Was für Erkenntnisse hat sie gewonnen? Sport und vor allem Fußball stehen bei der Jugend hoch im Kurs – und außerdem Katzen. Sprio ist diesen Bedürfnissen bereits entgegen gekommen; im mittleren der drei Wartehäuschen ist ein Mountainbiker unterwegs, und ein Löwe ist zweifelsohne eine Katze, eine ziemlich große halt. Doch will die Künstlerin noch nachlegen; ihr Helfer Cetin Semih, selbst ein begnadeter Kicker, hat bereits zwei weitere Betonsegmente für Dramatik im Torraum geweißelt.

Ganz schön aufwendig ist das, was Vanessa Sprio da auf die Mauer bringt. Foto: Kistner

Knapp vier Monate bleiben Vanessa Sprio noch für die restliche Arbeit; zum Stadtfest am dritten Juliwochenende will sie fertig sein. Mit steigenden Temperaturen wird ihr die Arbeit leichter von der Hand gehen – im Januar und Februar war’s halt schon „saukalt“.

Das Graffiti unter dem Bushäusle-Dach hätte man erhalten können, meint Wolfgang Wiebe, Spiritus rector der vormaligen Gestaltungsaktionen. Foto: Kistner

Und was sagen Sprios Vorgänger zu dem Projekt, das ja immerhin einen endgültigen Schlussstrich unter das ihre setzt? Laut Angaben der Stadt wurden sie benachrichtigt und haben keine Einwände; allerdings weiß Wolfgang Wiebe davon nichts, wie er auf Anfrage des Schwarzwälder Boten versichert – wer immer konsultiert wurde, er war es nicht.

Wiebe wirbt für dieerhaltenen Restbestände

Egal, der Zustand der Wand ist ihm bewusst, und er verfolgt Sprios Tätigkeit prinzipiell wohlwollend. Indes weist er darauf hin, dass sich die Farbe unter den Dächern der Wartehäuschen besser gehalten hat als im Freien – im mittleren sei sie zwar schon übermalt, rechts und links aber nicht nicht: „ Da könnte man die alte Graffiti ja belassen – macht die Sache ja auch abwechslungsreicher.“