Kreisobmann Eugen Haberer richtet das Wort an die Landwirte. Die Traktoren wurden auf dem Festplatz im Hintergrund aufgereiht. Foto: Otto

Geschätzt rund 300 Traktoren und viele weitere Fahrzeuge setzen am Freitag in Rottweil auf den Straßen ein deutliches Zeichen. Bei der Kundgebung vor der Stadthalle gibt’s dann deutliche Worte – und Buh-Rufe für die Politiker vor Ort.

Der lange Zug der hupenden Schlepper durch Rottweil will schier kein Ende nehmen. Nachdem sich die Landwirte und weitere Teilnehmer mit Lkw und Autos am Mittag in Zimmern aufgestellt hatten, führt der Protestzug bis zur Stadthalle. Dort sollte die Kundgebung eigentlich um 14 Uhr losgehen. Doch daraus wird nichts. „Die letzten Traktoren sind jetzt erst in Zimmern losgefahren“, informiert Kreisobmann Eugen Haberer kurz nach halbzwei. Er ist beeindruckt von der riesigen Resonanz – die den Zeitplan allerdings etwas ins Wanken bringt.

 

Traktoren, Lkw und viele Autos sind dabei

Zu den zunächst gezählten 225 Traktoren, 15 Lkw und 70 Pkw haben sich in der Stadt weitere Teilnehmer dazugesellt. Rund 300 Schlepper sind es schließlich, schätzt Haberer. Einer nach dem anderen parkt nach der Fahrt durch die Innenstadt auf dem Festplatz ein – die Landwirte versammeln sich vor der Bühne, wo dann gegen 14.45 Uhr die Rottweiler Jagdhornbläser das Startsignal setzen.

In vielen Bereichen Federn gelassen

Der Kreisobmann richtet dann das Wort an die Landwirte, Handwerker und Teilnehmer aus anderen Berufsgruppen. Haberer blickt auf die Anfänge des Protests, den man nun eindrucksvoll nach Rottweil trage. „Zu viel ist zu viel“, sagt Haberer mit Blick auf all das, was den Bauern in den letzen Jahren und Jahrzehnten aufgebürdet worden sei. Das „Geschenk“ der Ampel-Regierung vor Weihnachten habe das Fass zum Überlaufen gebracht. „Wir mussten in vielen Bereichen Federn lassen.“

Fachkräftemangel fängt ganz oben an

Haberer zählte all das auf, was die Landwirte zusätzlich belastet – von Reduzierung der Mehrwertsteuerpauschale über die CO2-Abgabe und den Bürokratie-Wahnsinn bis letztlich zur Streichung der Agrardiesel-Rückvergütung. In Berlin seien im Haushalt viele handwerkliche Fehler gemacht worden, die die Bauern nun ausbaden sollen. „Der Fachkräftemangel fängt ganz oben in Berlin an“, ärger sich Haberer – und bekommt dafür viel Applaus.

Die Landwirte hätten nun einmal keine Alternative zum Diesel auf dem Acker. In der Erntezeit einfach mal Pause machen, um einen E-Schlepper aufzuladen, das sei nicht drin. „Da brauchen wir unsere Fahrzeuge zwölf Stunden am Stück.“ Und gerade auch für kleinere Betriebe werde es immer schwieriger zu überleben. Jetzt stelle auch der Wolf noch ein zusätzliches Risiko für die Weidehaltung dar.

Arbeit 365 Tage im Jahr

Natürlich habe mancher Landwirt auch gut verdient, räumte Haberer ein. Aber es werde halt auch 365 Tage im Jahr gearbeitet – und dahinter stehe außerdem oft eine ganze Familie, die auch noch mithelfe. Man müsse an die Zukunft und die Situation für die Jungen denken. „Wir sind mit der Politik unzufrieden – und damit sind wir nicht allein.“ Die klare Forderung sei, die jüngsten Entscheidungen zurückzunehmen.

Politik kriegt ihr Fett weg

Auch die Bundes- und Landtagsabgeordneten aus dem Kreis scheuen sich nicht, zur Kundgebung zu kommen – auch wenn sich bei deren Erscheinen sofort Unruhe bei den Landwirten breit macht.

Bei aller Ampel-Schelte gibt sich die CDU-Bundestagsabgeordnete Maria-Lena Weiss durchaus auch für ihre Partei selbstkritisch, denn die Probleme in der Landwirtschaft zeichnen sich schließlich schon seit vielen Jahren ab. „Was die Ampel Ihnen aber jetzt zumutet, hat eine andere Dimension“, ruft sie den Landwirten zu. Der große Applaus bleibt aus. Klar sei für die CDU, dass der Agrardiesel bleiben müsse. Das Signal der Bauern sei gut und wichtig. Weiss dankte den Landwirten für ihren Mut, sie werde den Protest mit nach Berlin tragen.

Buh-Rufe bleiben nicht aus

Einen schweren Stand hat als „Ampel-Vertreter“ der FDP-Landtagsabgeordnete Daniel Karrais, der später spricht und sich durch Buh-Rufe hindurch Gehör verschaffen muss. Es sei gut, dass die Bauern ihre Stimme erheben, betonte er. Er und die Kollegen vor Ort seien die Ansprechpartner für ihre Belange. Karrais rückte außerdem die Rolle der Verbraucher ins Blickfeld, die mit ihrer Kaufentscheidung im Laden eine wichtige Rolle spielen, wenn es um realistische Preise für die Bauern geht. „Bleiben sie ordentliche Demokraten“, lautet sei Appell an die Versammlung.

Mehr Wertschätzung für die Landwirtschaft

CDU-Landtagsabgeordneter Stefan Teufel stellt sich als „Bauernsohn“ an die Seite der Landwirte. Diese hätten im Kreis Rottweil eine tolle Aktion gestartet – wichtig sei nun, diesen Schwung mitzunehmen in die Parlamente. Es müsse wieder mehr Wertschätzung für die Bauern geben. Von Buhrufen bleibt auch er nicht verschont, schließlich habe „die CDU den Karren 16 Jahre lang in den Dreck gefahren“, so ein Zwischenruf aus der versammelten Menge.

Landwirte können Kosten nicht weitergeben

Viel Applaus erhält dagegen Marc Berger, stellvertretender Vorsitzender des Verbands Land schafft Verbindung (LSV). „Es kotzt mich an, dass wir von dem, was wir schaffen, nicht leben können“, ruft er. Man sei zum „Subventionsempfänger“ geworden, zu viel sei den Landwirten aufgebürdet worden. Dabei können die Landwirte die Kosten eben nicht weitergeben. „Unsere Produktpreise sind seit 40 Jahren mehr oder weniger gleich.“ Eine der Forderungen des LSV: Importierte Waren sollen die gleichen Standards erfüllen, die auch hierzulande gefordert sind.

Eindrücklich schildert auch Diana Stierle von der Landjugend im Kreis die aktuellen Probleme. Es gebe viele junge Leute, die „Bock“ auf die Landwirtschaft haben. Doch es gebe immer weniger Gründe, dass man diese Arbeit auch zufrieden machen kann. Dass die Politik bei der heimischen Landwirtschaft spare, während Milliarden ins Ausland fließen, könne einfach nicht wahr sein.

Metzger und Bäcker sind solidarisch

Durch und durch solidarisch mit den Landwirten zeigen sich auch Matthias Traub, Vorsitzender der Metzgerinnung im Kreis Rottweil-Tuttlingen, und der Vorsitzende der Bäckerinnung, Daniel Link. Man sei in der gleichen Wertschöpfungskette, viele Probleme seien die selben. Beide zollen den Landwirten großen Respekt für ihre Protestaktion.

Die geht dann mit der Abfahrt des riesigen Traktor-Trosses unter vielen Hupkonzerten an diesem Tag zu Ende. Für nächste Woche kann mit weiteren Protestfahrten gerechnet werden.