Die Freude war riesig: 50 Menschen waren zu einer Kundgebung angemeldet – letztendlich kamen am Mittwochnachmittag dreimal so viele auf den Rathausplatz. Die LZ hat sich unter ihnen umgehört.
Die Stimmung ist von Beginn an trotz der Kälte ausgelassen. Aus den mitgebrachten Boxen kommt Musik. Die Menschen schwenken Fahnen, singen, tanzen und halten Plakate hoch. Viele haben ihr Handy dabei und filmen oder machen Selfies.
„Ich bin sehr stolz und sehr erleichtert. Es ist immer noch nicht zu glauben“, sagt etwa Hadeel Haje Fares, die aus der Hauptstadt des Landes, Damaskus, stammt.
Ein Großteil der Menschen, die auf dem Rathausplatz das Ende des Assad-Regimes feiern, sind Syrer. Daneben gibt es aber auch eine beträchtliche Anzahl an Unterstützern, die sich eher am Rand halten.
Die Polizei bleibt entspannt
Die Veranstalter sind erkennbar darum bemüht, ein gutes Bild abzugeben: Als ein junger Mann mit einer in den gleichen Farben wie die Flagge Syriens gehaltenen Palästina-Fahne herumläuft, versuchen sie, die Aktion zu unterbinden und reden auf ihn ein. Aber der Junge lässt sich davon nicht beeindrucken und schwenkt weiter. Da lassen die Veranstalter von ihm ab, verboten ist das Schwenken der Palästina-Flagge schließlich nicht.
Die Polizei beobachtet das Treiben entspannt. Lediglich zwei Streifenwagen stehen auf dem Rathausplatz. Der Einsatzleiter erwartet „feiernde Menschen, deshalb reicht eine einfache Präsenz.“ Almouayadbellah Albashawat hatte diese Versammlung angemeldet, „für alle syrischen Leute, die sich freuen, dass Assad weg ist.“
Albashawat hofft nun auf Frieden im Land: „Wir haben Hoffnung, dass alles besser wird und gleichzeitig sind wir traurig, weil wir so viele Angehörige verloren haben“, erzählt er.
Eine Frau hat ein Plakat dabei, darauf sind die Leichnamen dreier Männer abgebildet. Zwei Brüder und ein Nachbar seien das gewesen, übersetzt der Mann neben ihr. Die Männer waren Gefangene im berüchtigten Folter-Gefängnis Saidnaja, das jüngst befreit wurde. 13 Jahre hatte sie nichts von ihren Geschwistern gehört.
Mit vielen der Feiernden ist ein Gespräch nur schwer möglich. Die meisten sprechen weder gut Deutsch noch Englisch. Sowieso wollen sie lieber feiern statt reden. Ein paar Brocken lassen sich aber doch aufschnappen: Sie seien Deutschland sehr dankbar, sagt einer. Ein anderer meint, dass sie Assad vertrieben haben, sei gut, aber das reiche nicht. Mann müsse ihn fangen.
Die Syrer sind dankbar, aber eine Rückkehr ist noch kein Thema
Ein junger Erwachsener namens Ali meldet sich zu Wort: „Ich bin 2015 nach Deutschland gekommen.“ Er habe die Sprache gelernt und möchte bald eine Ausbildung beginnen. Die Stimmung erlebe er als sehr positiv, er habe durch Social Media davon erfahren. Endlich gebe es einen Grund zum Feiern.
Durch die Vertreibung Assads „sind die Syrer befreit worden“, äußert sich Ali glücklich. Er habe noch nicht davon gehört, dass andere Syrer in ihr Heimatland zurückkehren möchten. Er glaubt, dass sie zunächst bleiben und die Lage abwarten. Ali selber sieht wegen seiner Ausbildung keinen Grund zu gehen. Außerdem habe Deutschland ihm viel geholfen, „da möchte ich etwas zurückgeben“.
Auch Günter Endres vom Freundeskreis Flüchtlinge Lahr ist vor Ort. Er ist mit vielen Syrern in Lahr persönlich verbunden und kann genau erzählen, was die größtenteils jungen Syrer aus Lahr bewegt.
Von schneller Rückführung, wie es teilweise gefordert wird, solle keine Rede sein: „Die jungen Menschen sind gerade in der Ausbildung oder machen Abitur“. Viele seien den Großteil ihres Lebens nicht in Syrien gewesen und hätten dort keinerlei Perspektive, meint Endres.
So ist die Lage in Syrien
Das syrische Assad-Regime ist in nur wenigen Tagen und für Experten völlig unerwartet gestürzt worden. Nachdem die Stadt Aleppo im Norden des Landes von den syrischen Rebellen eingenommen wurde, stand die Rebellenarmee um Islamistenführer Muhammad al-Dscholani bereits kurze Zeit später und ohne Gegenwehr der regulären syrischen Armee vor den Toren der Hauptstadt Damaskus im Süden von Syrien. Bei der Einnahme von Damaskus seien die Rebellen vom Jubel der Bevölkerung empfangen worden, heißt es von Augenzeugen. Zu diesem Zeitpunkt war der bisherige Machthaber Baschar al-Assad bereits aus der Stadt geflohen und verweilt mittlerweile im Exil in Russland.