Schmunzelnde Gesichter im Bauhofsaal. Referent Matthias Badura breitete zwar wissenschaftliche Erkenntnisse aus, würzte aber seinen Vortrag über die Urlaubsform Camping mit zahlreichen Anekdoten aus dem, was er als Platzeinweiser vor längerer Zeit erlebte. Foto: privat

Redakteur Matthias Badura gab in einem Vortrag für den Kulturverein Burladingen wissenschaftliche und amüsante Einblicke in das Leben in einer Freizeitanlage.

Redakteur Matthias Badura, zugleich Mitglied des Burladinger Kulturvereins, kennt zahlreiche Situationen und Charaktere aus seinem früheren Ferienjob auf einem Campingplatz, der „in Süddeutschland an einem Gewässer“ liegt. Das Leben auf diesem Platz ist schließlich in seine 900 Seiten starke Studie eingeflossen, die er am Ludwig-Uhland-Institut Tübingen auf dem Gebiet der Tourismusforschung erstellte.​

 

Badura startete seinen Vortrag für den Kulturverein im voll besetzten Burladinger Bahnhofssaal mit teils amüsanten Fotos des Campingplatzes. Den rund 70 Zuhörern im Bahnhofsaal, darunter passionierte Camper, kam manches aus dem eigenen Erleben wohlbekannt vor.​

Viele vergnügliche Bilder zeigte Badura, die das Wesen des Campings in der Hochsaison beleuchteten. Etwa das Ankommen im Stress, das Chaos auf den Jugendwiesen oder Menschen, die scheinbar gelangweilt vor ihren Wohnwagen hocken und nichts mit sich anzufangen wissen. „Ein Zerrbild“, wie er meinte, denn „Camper nutzen ihre Zeit ganz bewusst und genießen sie.“​

Überfüllung gab es früher nicht

​Seine Studie, die er im Lauf mehrerer Jahre als Mitarbeiter erstellte, verursachte ihm jedoch auch manchmal Magenprobleme. Etwa wenn man zum Beispiel für weit angereiste Camper versuchte, einen Platz irgendwo zu finden, obwohl bereits alles voll belegt war. Überfüllung gab es allerdings zu jener Zeit nicht. Wenn selbst Zierstreifen, Plattenwege und Verkehrsinseln belegt waren, griff man offenbar auf Plätze von Dauercampern zurück, deren Besitzer nicht anwesend waren. Das sorgte für permanenten Ärger.​

Der Platz zeigte zur Zeit der Untersuchung in den turbulenten Hochsaisons „ein leicht anarchisches Gesicht – war aber auch deshalb bei seinen Fans so beliebt.“ Inzwischen, betonte Badura ausdrücklich, habe sich das Geschäftsgebaren komplett verändert. Die Anlage sei zu einem Freizeitpark mit umfassenden Serviceleistungen mutiert. Sie ist, so nannte er das, „bürgerlich geworden“. Nicht sicher war sich der Referent, ob sich die Ansprüche von Urlaubern in jüngerer Zeit generell verändert haben und desgleichen, ob sich Camping allgemein in ein „Luxussegment“ verschoben hat. Diese Unsicherheit würden jedoch Tourismusverbände teilen: Was ist mehr gefragt? Der rudimentär ausgestattete Platz, der Robinson-Künste und Improvisation erfordert, oder eben die Rundum-Versorgung?​

Ein Gefühl von Freiheit

​Warum nehmen die Camper, unter denen man sowohl „Miesepeter“ als auch sehr kontaktfreudige Menschen finden kann, das alles auf sich? Es ist das soziale Erlebnis, urteilt Badura aufgrund seiner Beobachtungen und der Interviews, die er führte – ein Grund, weshalb auch Rentner in der Hauptsaison anreisen, obwohl sie es in der Vor- und Nachsaison gemütlicher haben könnten. Man wolle etwas erleben. Man könne sich dem süßen Nichtstun hingeben, dürfe unnütze Dinge tun, wie einfach nur herumsitzen und beobachten, was die anderen Gäste so machen: Wer kommt an, wer reist ab, wer ist zu ungeschickt, sein Zelt aufzubauen, wer wirkt sympathisch und wer eignet sich für eine Kontaktaufnahme – die sich in dieser Atmosphäre einfach herstellen lässt.​

Es sei weiterhin das Gefühl von Freiheit, das sich unter anderem in der Formlosigkeit der Kleidung äußert, die bis zur leichten Verwahrlosung reicht. Anders als in anderen Studien behauptet, handle es sich dabei um keine „Flucht“ aus dem Alltag, eher gehe es darum, Pflichten des Alltags hinter sich zu lassen. Oder sie auf eine ganz andere Art zu erleben. Der Abwasch des Geschirrs beispielsweise könne zum Erlebnis werden. „Da quatscht dich einer an und nach einer halben Stunde merkst du, dass du noch gar nicht gespült hast. Das ist einfach eine Möglichkeit, interessante Gespräche zu führen“, zitierte Badura einen seiner Interviewpartner.​

Im Rausch der Sinne

​Schließlich sei es das Zusammengehörigkeitsgefühl und der Rausch der Sinne zwischen Geschirrgeklapper, verschiedenen Düften (Holzkohlegrill, Ravioli), welche die ganz eigene Atmosphäre eines Campingplatzes erzeugen. „Alles steht im Wechsel zueinander, man ist Zuschauer und Akteur, hat zugleich die Möglichkeit für Selbstinszenierungen“, fasste Badura diesbezüglich zusammen.​

Gegen Ende wurde auch der Vortragstitel „Jelinde jesach: Entsetzt!“ aufgelöst: Er geht zurück auf einen Berliner Camper, der einen der besten Plätze auf dem Campingplatz ablehnte und (für die Rezeption unverständlicherweise) das Weite suchte, ohne auch nur seine von ihm geleistete Anzahlung zurückzufordern. Der Jubel und Trubel, die Menge und Enge, die er beim Ankommen erlebte, behagten ihm offensichtlich nicht.

Referent Matthias Badura (links) als Campingplatz-Mitarbeiter zu der Zeit, als seine Studie gerade im Entstehen begriffen war. Nicht nur er, auch die Freizeitanlage, mit der er sich beschäftigte, zeigt heute ein vollkommen verändertes Gesicht. Foto: privat

Ein Anwesender meinte, der Vortrag habe alles perfekt eingefangen. Genau in dieser Weise habe er es seinerzeit auf ähnlichen Plätzen erlebt. Eine Kritik von anderer Seite lautete: Der Redakteur habe den ersten Teil des Vortrags mitunter verhaspelt, in den hinteren Reihen des Bahnhofssaales habe man ihn schlecht verstanden. Daher maulte der Referent am Beginn des zweiten Teils: „Hättet ihr das nicht früher sagen können? Jetzt muss ich ja komplett nochmal von vorn anfangen.“ (Was er natürlich nicht tat.) ​

Wer es noch einmal genau hören möchte oder wer nicht dabei sein konnte, hat Gelegenheit, dem Vortrag ein zweites Mal im Herbst beizuwohnen. Dann ist die Volkshochschule Burladingen Gastgeber – jedenfalls, sofern sich genügend Teilnehmer anmelden.​

Die Zuhörer dankten Badura für die wissenschaftlichen und amüsanten Einblicke in das Leben einer Freizeitanlage mit viel Beifall. Der Kulturverein bewirtete und übernahm den Auf- und Abbau der Veranstaltung. Vereinsmitglied Johannes Amann hatte am Keyboard für musikalische Umrahmung gesorgt.