Schwungvoll ging es bei dem szenischen Konzert des Vokalensembles Lörrach in Schallbach zu. Foto: Jürgen Scharf

Mit einem Best-of-Querschnitt sorgte das Vokalensemble Lörrach für einen Höhepunkt bei den 9. Schallbacher Kulturtagen. Wichtiges Requisit war das Oberbadische Volksblatt.

Youkali ist ein imaginäres Land, in dem Freiheit, Frieden und Menschlichkeit herrschen und alle Sorgen vergehen. Leider existiert diese Utopie nur in der Fantasie und in dem melancholischen französischen Chanson von Kurt Weill. Aber schön ist es, immer wieder an dieses Traumland zu erinnern, wie das jetzt das Vokalensemble Lörrach bei den Schallbacher Kulturtagen getan hat. Mit der resignativen Schlussbemerkung einer Sängerin: „Es gibt kein Youkali“. Schade eigentlich.

 

„Von der Freiheit zu singen“: Das war nicht nur einmal ein Programmtitel, das ist das Anliegen des unter Leitung von Susanne Hagen stehenden Vokalensembles und war auch der rote Faden in dem Best of-Konzert „Unterwegs“ mit Highlights aus den bisherigen fünf Musiktheater-Produktionen.

Eine Zeitreise: Vom Ersten Weltkrieg über die ungeliebte Weimarer Republik, 100 Jahre Frauenwahlrecht, Freiheits- und Menschenrechtsbewegungen, dem Rhein als Grenzfluss mit geopolitischem Konfliktstoff, der unseligen NS-Zeit bis zur ehemaligen DDR und Wiedervereinigung wurde der Bogen musikalisch, szenisch und textlich weit gespannt.

Dabei warfen die Sprecher einen Blick ins Oberbadische Volksblatt, die älteste Zeitung am Ort, die schon 1917 das politische Geschehen kommentierte. So erfuhr man viel Zeitgeschichtliches aus Lörrach und Umgebung. Die Sänger kombinierten dazu Songs, Schlager und Couplets, spielten gewissermaßen kämpferisch eine Musik von politischer Einstellung dazu.

Von Joseph Haydn bis Kurt Weill

Das war teilweise sehr ernsthaft und hatte Schlagkraft. Und es war zugleich eine reizvolle Idee, gestisch und halbszenisch umgesetzte Ereignisse der Geschichte musikalisch zu beleuchten. Mit der Freedom Suite von Duke Ellington, entstanden in den 60er Jahren im Zuge der amerikanischen Bürgerrechtsbewegung, zog dieser bemerkenswerte Chor der Städtischen Musikschule Lörrach in die bis auf den letzten Platz besetzte Peter und Paul-Kirche ein.

Immer wieder wurde aus dem Oberbadischen Volksblatt, wie „Die Oberbadische“ früher hieß, zitiert. Foto: Jürgen Scharf

Mit Ausschnitten aus Mozarts Requiem, Haydns späterer Nationalhymne „Einigkeit und Recht und Freiheit“, Kurt Tucholskys Paraphrase über „Freiheit bei den Germanen“ bis zu Kurt Weills herzergreifendem Lied „Und was bekam des Soldaten Weib“ konnte das Vokalensemble der Dramatik und Tragik in diesen Gesängen nachhaltig Ausdruck verleihen.

Eine Solistin aus den eigenen Reihen rief mit ihrem theatralischen Vortrag von Friedrich Hollaenders mutigem, zeitkritischen Lied von 1931 „An allem sind die Juden schuld“ beim Zuhörer eine Gänsehaut hervor. Auch der Schluss des Lieds von Brecht/Weill, wo das Soldatenweib den Witwenschleier aus „Russenland“ erhält, ließ einen erschaudern.

Immer wieder steckten die Musikdarsteller ihre Köpfe in die Zeitung, lasen Nachrichten aus dem Oberbadischen Volksblatt, auch aus der Vor- und Nachkriegszeit. So wirkte der erste Teil sehr geschlossen in den historischen Kostümen. Das Vokalensemble und die Leiterin am Piano imponierten mächtig mit einer engagierten Musikalität und nie nachlassender Innenspannung.

Es gab hin und wieder auch einen modernen Songmix wie „O Täler weit, o Höhen“ und Haydn ging musikalisch ins Chaos des gleichnamigen Eisler-Lieds über.

Die wilden Twenties sorgten mit schwungvollen Choreografien für Revue-Charakter und für Spaß neben den so ernsthaften Nummern. „Mir geht’s gut“ hieß es launig und die Herren brachten sich bei „Just a gigolo“ in Positur und unternahmen eine Probefahrt mit dem Chevrolet ins Freie. Die Comedian Harmonists ließen grüßen beim Evergreen „Wochenend und Sonnenschein“, für den sich die Sänger in schwarze Gehröcke warfen.

Eintauchen in die „wilden 20er-Jahre“

Schlag auf Schlag erfuhr man aus der Zeitung viel aus den goldenen Zwanzigern, der Weimarer Republik, vom schwarzen Tag an der Börse, bevor es zum Wirtschaftswunder ging und man über eine Frühjahrsmodenschau in Lörrach lachen konnte: Catwalk in der Kirche. Spaßig war auch die „Billige Annette“ mit ihrem Lamento über den teuren „alten Fetzen“ und ein lustiges Grönemeyer-Arrangement von „Männer“, bevor es dann richtig poppig wurde und die Blumenkinder im Hippiemusical „Hair“ zu psychedelischem rotem Licht „Let the sunshine in“ sangen.

Ein Superhit folgt auf den anderen

Da musste auch noch im Epilog der Sonderzug nach Pankow einfahren mit einem Udo-Lindenberg-Double, bevor der Abend mit den Beatles ausklang. Großen Anteil am guten Sound hatte die Band mit dem Schlagzeuger Julian Gutbrod, dem Bassisten Eckart Mühlbronner und dem Trompeter Oscar Szutenberg, der bei den Swingnummern auch mal den Dämpfer aufsetzte.

Dass dieses Programm rund um die Freiheit auf den 8. Mai, den Tag der Befreiung und das Ende des Zweiten Weltkriegs, fiel, war zwar Zufall, passte aber perfekt.