Ex-„Bild“-Chefredakteur Kai Diekmann beim Kulturabend in Singen Foto: Oliver Hanser

Während eines Kulturabends in Singen offenbart Kai Diekmann, Ex-„Bild“-Chef, Geschichten, die er erlebt hat. In Russland traf er Wladimir Putin, in den USA Donald Trump. Der Vollblut-Journalist sprudelt nur so vor Leidenschaft – und nennt den Lokaljournalismus „einen der schönsten Berufe“.

In wenigen Tagen wird sie 60, diese journalistische Dampfwalze, die mehr als 30 Jahre bei Springer in Diensten war und davon 16 Jahre lang als Chefredakteur der „Bild“ auf dem Boulevard loswalzte. Häufig so mächtig in Fahrt, dass die ganze Republik bebte – und nicht wenige überrollt, buchstäblich platt gemacht wurden. An diesem Abend im Juni stoppt die Dampfwalze in der „Färbe“, einem kleinen und sehr feinen Theater in Singen am Hohentwiel (Kreis Konstanz). Kulturabend mit Kai Diekmann.

 

Platzkarten wurden ausgegeben für den Talk, arrangiert von Diekmanns Schwester Kirsten Brößke, die in Singen Kommunalpolitik für die FDP macht. Die „Färbe“ ist restlos gefüllt und der Eintritt frei, wie es sich für Freie Demokraten anbietet. Später am Abend werden viele sagen, dass sie dafür auch Eintritt gezahlt hätten, so spannend sei’s gewesen.

Spannend, kurzweilig und fesselnd

Diekmann also. Jener Vollblut-Journalist, der sich so lange wie kein anderer vor und auch nach ihm auf dem Schleudersitz an der Spitze der „Bild“ gehalten hat. Allein das eine berufliche Lebensleistung, die neugierig macht.

Eine Bühne mit zwei Kaffeehausstühlen, winziger Tisch. Diekmann springt auf die Bühne. Verwaschene Jeans, Hemd, Sakko. Und ein Buch unterm Arm, aus dem zahllose bunte Klebezettel mit markierten Stellen ragen. Sein Buch. Quasi ein „Bild“-Band, auch wenn darin der Text dominiert. Das Buch über sein „Bild“-Leben und natürlich heißt es ganz unmissverständlich „Ich war Bild“. Kleiner geht es bei Diekmann nicht, klar.

Was er in diesen Jahren bis Ende 2017 alles erlebte, welche Mächtigen der Welt er persönlich traf, was ihn dabei so alles umtrieb, das füllt 544 Seiten und ist mit Widmung an diesem Abend für 34 Euro zu bekommen. Wer kein Buch kauft, bekommt Passagen gratis. Das ist spannend, sehr kurzweilig und fesselt die Theatergäste. Denn Diekmann hat auf seine Gattin gehört, die Autorin und Journalistin Katja Kessler. Sie riet ihm, die erste Buchfassung einzustampfen. Was er dann auch tat. „Komplett alles hab’ ich nochmal neu gemacht“, seufzt er zum Moderator des Abends, dem „Südkurier“-Chefredakteur Stefan Lutz aus Konstanz. Jener hat es im Talk nicht leicht, denn Diekmann funktioniert wie ein Getränkeautomat, wenn man den Start-Knopf drückt und sich der dann verklemmt: Er läuft und läuft und läuft und ist beim besten Willen nicht mehr zu stoppen.

Auch Putin und Trump hat er erlebt

Diekmann sprudelt vor Leidenschaft und auch vor Energie. Und selbstredend vor grenzenlosem Selbstbewusstsein. An einigen Stellen des Abends blitzt durchaus Einsicht auf, dass nicht alles richtig war, was er und „Bild“ in den 16 Jahren so alles publizierten. Doch unterm Strich bleibt klar: Er war „Bild“ – und das war super.

Seit siebeneinhalb Jahren ist Diekmann bei „Bild“ raus. Doch was er zu den Mächtigen der Welt zu berichten weiß, ist noch immer brandaktuell. Wladimir Putin, zum Beispiel. Den russischen Präsidenten traf er zum großen Exklusiv-Interview. „Es ist klar, Putin spielt mit der Angst, mit unserer Angst“, erklärt Diekmann. Das habe er schon immer getan und das habe Methode. „Er will stets seine Überlegenheit demonstrieren“, sagt Diekmann über Putin. Darum habe Putin sich auch „auf die politische Landkarte zurück gebombt“. Im Krieg mit der Ukraine „muss Putin mit etwas heimkommen. Sonst ist er am Ende“.

Diekmann schlägt den Boden zu Donald Trump: „Wenn dieser gewinnt, wird er mit Putin in kurzer Zeit einen Deal zur Ukraine machen.“ Und das werde für Europa nicht lustig, sagt Diekmann voraus. Außerdem spreche „wahnsinnig viel dafür, dass Trump tatsächlich gewinnt“. Was ihm persönlich ein Graus wäre: „Ich bin ein Trump-Gegner.“ Trotzdem, ganz am Ende seiner „Bild“-Zeit, traf er den Ex-US-Präsidenten im Trump-Tower. Dessen Büro: ein einziger Saustall, Diekmanns Schilderungen mal frei zusammengefasst. Doch Trump sei eben ein „Kommunikationsgenie“.

In Online-Zeiten arbeiten Redaktionen nonstop

Ein Zuhörer bringt die Dampfwalze dann am Ende noch dazu, ein paar Sätze über den Journalismus allgemein zu sagen. Dieser sei heute, meint Diekmann, „viel schwieriger als der frühere reine Zeitungsjournalismus, als es noch die Segnung eines Redaktionsschlusses gab“. Heute, in Online-Zeiten: alles weg. Redaktionen arbeiten quasi nonstop. Pausen: Fehlanzeige. Trotzdem sei es noch immer „einer der schönsten Berufe“. Vor allem der Lokaljournalismus. „Das Umfeld, in dem die Menschen leben, das interessiert sie noch immer am meisten“, weiß Diekmann.

Dann die Schlussfrage an diesem Leseabend: Kommt ein Ex-„Bild“-Chef in den Himmel? Diekmann, gläubiger Katholik, lächelt: „Hoffe ich doch! Aber in der anderen Location würde ich sicher die spannenderen Leute treffen!“