Die Folgen der Demenz auf den Vater und die Familie werden eindrücklich dargestellt. Foto: Patrick Pfeiffer

Mit dem Theaterstück „Der Vater“ in der Regie von Christof Küster auf Basis des gleichnamigen Romans von Florian Zeller gastierte die Württembergische Landesbühne Esslingen im Theaterring in einer beeindruckenden Inszenierung.

Wie kann man etwas auf der Bühne darstellen, was im Kopf eines Menschen vorgeht, wenn dieser Mensch sich selbst nicht im Klaren ist über diese Vorgänge? Er kann seinen Mitmenschen vermitteln, was er sieht, denkt und empfindet. Verstehen es diese aber genauso? Und wie kann man das einem Publikum vermitteln? Eine komplizierte Situation, ein schwieriges Thema hat sich der französische Autor Florian Zeller ausgesucht.

 

Beginnend mit einem nicht ungewöhnlichen Generationenstreit: die Tochter Anne (Elif Veyisoglu) ist verärgert, dass ihr Vater André, ein Mann um die 80, (Reinhold Ohngemach) schon wieder eine Pflegerin vergrault hat, weil diese ihm angeblich seine geliebte Armbanduhr gestohlen hat. Anne macht sich Sorgen um ihren Vater, seinen Gemütszustand und vor allem seine altersbedingte Verwirrtheit.

Hilfe der Familie gelingt immer weniger

André bringt immer mehr durcheinander, erinnert sich an Personen und Ereignisse von früher, verdrängt aber zunehmend die Gegenwart, erkennt seine Umgebung und Familie nicht immer gleich und hat so seine eigene Wahrnehmung der Umwelt. Seine beginnende Demenz wird auch von Annes Mann Pierre (Markus Michalski) und der Pflegerin Laura (Lilly Frank) erkannt. Sie wollen dem alten Mann fürsorglich in seiner Desorientierung helfen, aber das gelingt immer weniger. Denn André will diese Zuwendung nicht akzeptieren, fühlt sich bevormundet und bedroht, er wird sogar aggressiv. Denn nur seine Sicht der Welt hat für ihn Gültigkeit.

Spannungsfeld verschiedener Sichtweisen

In diesem Spannungsfeld verschiedener Sichtweisen entwickelte sich auf der stark symbolisierenden Bühne mit tiefen, fast unüberwindbaren Gräben ein Kampf zwischen den Realitäten. Welche stimmt denn nun? So wie die Familie den alten Mann sieht und beurteilt oder wie er sie wahrnimmt? Besonders gelungen war die Tatsache, dass auch das Publikum lange im Unklaren gelassen wurde, was nun wessen Wahrnehmung war, wer gerade sprach, ob es reale Personen sein sollten oder Personen im Kopf des Vaters. In welcher Phase seiner Verwirrung André gerade war: der herrische Vater, der störrische Alte oder wieder das weinende Kind von früher – all das war zu erkennen, aber war es für ihn selbst spürbar?

Personen nur im Kopf des Vaters?

Und dann kamen noch andere bedrohliche Personen auf ihn zu, wie ein schlechtes Gewissen aus bösen Gedanken. Auch diese Figuren (Kim Patrick Biele und Franziska Theiner) waren vom Publikum nicht leicht einzuordnen, weil sie ja wohl nur im Kopf des dementen Vaters existierten und von den anderen eigentlich nicht gesehen werden konnten. Erschwerend kam hinzu, dass tatsächliche Personen und Kopfpersonen sich ähnlich sahen und doch unterschiedlich waren in der Wirkung auf André. Dieser raffinierte Wechsel von Perspektiven und Wahrnehmungen schaffte es, das Publikum in diesen komplexen Ablauf der Krankheit mit einzubeziehen, indem er deutlich machte, welche Kämpfe sich vermutlich im Innern des Kranken abspielen. Aber auch die innere Zerrissenheit der betreuenden Personen fand so ihren Ausdruck: Sorge und zugleich Liebe zum Vater, aber auch ungeheure Belastung und angestaute Aggression.

Bewusstsein für eine Krankheit

Dieses Ringen um das ausgehende Leben eines geliebten Menschen wurde eindrücklich dargestellt: anfangs mit dem Schriftzug „Vater“ in Rauchzeichen fast aller Spieler, zuletzt der verwirrten Buchstabenfolge von André allein – sein Leben löste sich in Rauch auf.

Das Stück und seine Inszenierung trägt dazu bei, „auf künstlerische Weise ein besonderes Bewusstsein für die Krankheit zu schaffen“, so Dramaturgin Sarah Frost. Sie bescheinigt dem Autor Zeller, „einen wertvollen Beitrag für Empathie und Solidarität mit einer älter werdenden Gesellschaft“ geschaffen zu haben.