Der Historiker und Präsident der Aktion Stolpersteine France, Christophe Woehrle, hat kürzlich seinen Vortrag über das jüdische Leben am Oberrhein im Saal in der Alten Schule in Efringen-Kirchen gehalten. Foto: Dorothee Philipp

Über Gemeinsamkeiten und Unterschiede des ehemaligen jüdischen Lebens in der Oberrheinregion sprach der Historiker Christophe Woehrle in der Alten Schule in Efringen-Kirchen.

Der Vortrag von Christophe Woehrle machte deutlich: Erinnerungskultur betrifft die Gegenwart hautnah. Eingeladen hatte der Arbeitskreis Stolpersteine, der sich im Juli 2023 in Efringen-Kirchen zusammengefunden hatte und etwa 20 Mitglieder stark ist. Stolpersteine, ein Projekt des Künstlers Gunter Demnig, erinnern mit inzwischen über 100 000 verlegten Exemplaren weltweit an die Opfer der Naziherrschaft und werden als das größte dezentrale Mahnmal der Welt bezeichnet.

 

Bereits 31 Stolpersteine in Efringen-Kirchen verlegt

Marion Caspers-Merk, Sprecherin des Arbeitskreises Stolpersteine in Efringen-Kirchen, begrüßte den Gast und wies darauf hin, dass in der Reblandgemeinde bereits 31 Stolpersteine verlegt wurden. Im Juni sollen weitere neun folgen.

Namen wieder geben

Jeder dieser Steine steht für ein gewaltsam ausgelöschtes Schicksal, das nun von den Initiatoren erforscht und dokumentiert wird. Es gehe dabei auch darum, diesen Menschen ihre Würde und ihren Namen wiederzugeben, sagte Caspers-Merk.

Der Arbeitskreis Stolpersteine setze sich deshalb auch für Vorträge, Exkursionen und andere Veranstaltungen zum Thema ein. Die Doppelgemeinde war bis zur Auslöschung der jüdischen Gemeinde ein Zentrum regen jüdischen Lebens, das sich hauptsächlich rund um die von den Nazis zerstörte Synagoge abspielte, an die ein Gedenkstein im Ortsteil Kirchen erinnert.

Woehrle, geboren in Mulhouse, hat in Bamberg studiert und hat dort 2019 seine Doktorarbeit über Kriegsgefangene verteidigt. Er bezeichnet sich als Bürger der Oberrheinregion, für den der Rhein keine Grenze, sondern eine wichtige Verbindungsachse ist.

Kein Bruch, sondern Endpunkt

Die Shoa, der nationalsozialistische Völkermord an mehr als sechs Millionen Juden, sei kein Bruch in der Geschichte jüdischen Lebens am Oberrhein, sondern der radikale Endpunkt einer tief verwurzelten Entwicklung seit dem Mittelalter. „Das jüdische Erbe ist Teil unserer Gegenwart“, stellte Woehrle klar, nachdem er sorgsam die historischen Linien am Oberrhein vom Mittelalter bis in die Neuzeit nachgezeichnet hatte.

Juden hatten in Frankreich mehr Freiheiten

Interessant dabei: Das jüdische Leben im Elsass litt auch unter Pogromen, teilweise aus wirtschaftlichen Gründen angezettelt. Die französische Revolution brachte den Juden aber im Zentralstaat des 19. Jahrhunderts eine stärkere Integration und mehr wirtschaftliche Freiheiten als in Baden mit seinen kleinteiligen Herrschaftsgebieten.

Beiden Rheinseiten gemeinsam ist das lebendige Landjudentum außerhalb der größeren Städte. Diese doppelte Perspektive auf die Oberrheinregion eröffnet nach Woehrle eine gemeinsame Geschichte mit überregionaler Bedeutung: Mobilität, kultureller Austausch, und Integration stehen im Gegensatz zu Ausgrenzung und Zerstörung, was auch auf andere Konfliktregionen übertragen werden kann.

Es gibt keine „Hierarchie der Opfer“

Die Fragerunde nach dem Vortrag thematisierte auch die Unmöglichkeit, eine „Hierarchie der Opfer“ zu etablieren. „Ein Opfer ist ein Opfer“, sagte Woehrle, auch mit Blick auf die anderen Gruppen, die von den Nazis verfolgt und getötet wurden: Sinti, Roma, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, Menschen mit Behinderungen. Der Franzose erforscht derzeit die Lebensläufe der zwangsrekrutierten Franzosen aus dem Elsass. Diese wurden von den Nazis als Soldaten in den Krieg geschickt und kamen dort ums Leben.

Gedenksteine werden verhindert

Dass Erinnerungspolitik bisweilen mit handfestem Konkurrenzdenken konfrontiert wird, wurde deutlich, als es um Stolpersteine in Paris ging: Dort verhindert der angesehene Rechtsanwalt und Historiker Serge Klarsfeld die Verlegung von Stolpersteinen im öffentlichen Raum mit dem Hinweis, dass man auf solche Erinnerungen nicht drauftreten dürfe.

Auch in München hat das Stolpersteinprojekt aus diesem Grund mit Charlotte Knobloch eine prominente Gegnerin. „Stolpern, nach unten sehen, sich verneigen und lesen“ sei eine Ergänzung zu den zentralen Gedenkstätten und keine Konkurrenz, stellte Marion Caspers-Merk dagegen fest. Sie gab auch zu bedenken, dass man, wenn man die Opfer ehrt, auch über die Täter reden muss.

Weitere Infos gibt es auf den Internetseiten www.stolpersteine-efringen-kirchen.de und www.france-blog.info/stolpersteine-in-frankreich-teil-des-groesste-dezentralen-mahnmals-der-welt.