Seine Eskapaden bewegten schon vor 200 Jahren die Gemüter. Exzentriker, Lebemann, Dandy, Gourmet, Landschaftsarchitekt, Weltenbummler und Reiseschriftsteller – Fürst Hermann von Pückler-Muskau wurde zum ersten Star der Klatschpresse.
Vier zahme Hirsche zogen den Wagen, in dem er „Unter den Linden“ entlangfuhr. Es schien, als wollte Hermann von Pückler-Muskau mit Preußens Glanz und Gloria Schabernack treiben, als wollte er die braven Bürger des Biedermeier brüskieren, die da auf der Berliner Prachtstraße promenierten.
Pückler stand gern im Rampenlicht. Der exzentrische Adlige war ein Meister der Selbstinszenierung, der durch seine spektakulären Aktionen Aufmerksamkeit erregte. Und wer bei seinen Auftritten nicht selbst dabei sein konnte, dem lieferte er einen ausführlichen Bericht in der Presse. Denn über sein Leben schrieb der Graf und spätere Fürst fürs Leben gern. Pückler war ein Bonvivant und unter deutschen Adligen ein einmaliges Exemplar. Und das wusste er auch. „Jeder muss sich nach seiner Natur einrichten“, lautete seine Philosophie.
Glücksspiel, Liebschaften, Duelle
Geboren wurde er 1785 als Sohn eines kursächsischen Geheimrats auf Schloss Muskau in der Lausitz. Schon als Kind sehr eigenwillig, schickte ihn die Grundschule wieder nach Hause, später bissen sich die Lehrer am Pädagogium in Halle die Zähne an ihm aus. Mit 13 flog er von der Anstalt, weil er die Gattin des Kanzlers in anstößiger Weise karikiert hatte. Im Dessauer Philanthropinum schließlich gelangte er zu einem Schulabschluss.
Gegen den Willen des Vaters, der ihm ein Studium der Juristerei nahelegte, trat der Filius in Dresden als Leutnant in das Regiment Gardes du Corps ein, eine hochfeudale Truppe, deren Haupttätigkeit nicht im Exerzieren, sondern in kaum militärisch zu nennenden Exerzitien bestand. Darin verstand sich der junge Graf, der bald der „tolle Pückler“ genannt wurde, bestens: Glücksspiel, Liebschaften, Duelle.
Auf der Flucht vor betrogenen Ehemännern
Ein solcher Offizier war selbst im nicht gerade strammen Sachsen auf Dauer untragbar. Als Rittmeister verabschiedet, begann er ein, wie er es nannte, „nomadisches Leben“ zu führen, das eher einer Flucht glich: vor Gläubigern und gehörnten Ehemännern.
Eine Duell-Affäre zwang ihn unterzutauchen. Zu Fuß ging er auf Wanderschaft, in die Schweiz, nach Italien und Frankreich. Erstmals schrieb er seine Erlebnisse auf, in den „Jugendwanderungen“.
1810 versöhnte sich der Sohn mit dem Vater und besuchte auf der Heimreise Goethe in Weimar. Der Dichter empfahl dem Gutsbesitzer, es mit der Gartenkunst zu versuchen – ein Schlüsselerlebnis, wie sich zeigen sollte. Einstweilen zog es Pückler aber nicht auf den heimatlichen Besitz, sondern in den Kampf gegen Napoleon. Er trat als Major in russische Dienste, wo er sich im Befreiungskrieg gegen Frankreich auszeichnete.
Kampf gegen Napoleon
1815, als Europa zur Ruhe gekommen und Napoleon besiegt war, fand sich Pückler plötzlich als preußischer Untertan wieder. Denn mit dem nördlichen Sachsen war auch Muskau gemäß den Bestimmungen des Wiener Kongresses Preußen einverleibt worden. Er trug es mit Fassung, zumal er für den Verlust seiner Privilegien durch die Erhebung in den Fürstenstand entschädigt wurde.
Nach einigen Liebschaften in Berlin, unter anderem mit der Schriftstellerin Bettina von Arnim, ehelichte der Schürzenjäger 1817 die neun Jahre ältere Lucie, Tochter des preußischen Staatskanzlers Hardenberg. Das Geld saß bei ihr so locker wie bei ihrem Gemahl, und bald hatten sie fast alles verschwendet, hauptsächlich an Pücklers Traumprojekt – die Gestaltung eines Parks in Muskau.
Gartenparadies bei Cottbus
Zwei Jahrzehnte nach dem ersten Spatenstich war das Werk weit gediehen. Doch Pückler, der sich selbst einen „Parkomanen“ nannte, übernahm sich finanziell. Als er Muskau 1845 aus Geldnot verkaufen musste, begann er mit der Schaffung eines zweiten Gartenparadieses auf seinem Stammsitz Branitz bei Cottbus.
Woher aber das Geld nehmen? Seine Lösung: Er ließ sich pro forma scheiden, um sich in England eine reiche Erbin zu suchen. Lucie war einverstanden. Leider stellte sich keine wohlbestallte Engländerin ein. Dennoch erwies sich die zweijährige Reise als einträglich, weil aus dem Briefwechsel zwischen Hermann und Lucie sein wichtigstes Reisebuch entstand, „Briefe eines Verstorbenen“ (1828/29).
Bestseller um Bestseller
Das Buch brachte Pückler Geld, Ruhm und sogar das Lob Goethes ein. Rasch warf er mit „Tutti Frutti. Aus den Papieren eines Verstorbenen“ ein zweites Buch auf den Markt, in dem er die Zustände im reaktionären Preußen satirisch aufs Korn nahm. Um weitere profitbringende Bücher zu schreiben, begab er sich auf Reisen. Unter dem Namen „Semilasso“, der Halbmüde, erkundete Pückler sechs Jahre lang (1834–1840) Nordafrika, Griechenland, Ägypten sowie die Türkei und schrieb Bestseller um Bestseller.
Nach seiner Rückkehr widmete sich der Weltenbummler ganz seiner „vegetativen Muse“, wie er die Gartenkunst nannte. In der baumlosen und sandigen Lausitz ließ der „Erdbändiger“ Hügel aufschütten und Tausende Bäume anpflanzen. Für eine nachhaltige Aufforstung sorgte die 1846 gegründete Baumuniversität, in der Pflanzen gezüchtet wurden, die in den kargen Böden überlebensfähig waren. Eine zukunftweisende Idee, die in der 2011 neu gegründeten Branitzer Baumuniversität fortlebt.
Pücklers Faible für Kulinarik macht ihn unsterblich
Pückler, der mit seinen 1834 erschienenen „Andeutungen über Landschaftsgärtnerei“ ein bis heute viel zitiertes Lehrbuch schuf, gilt als Begründer der modernen Landschaftsgestaltung. Sein mehr als 600 Hektar großer Landschaftsgarten ist seit 2004 Unesco-Welterbe.
Neben der Gartenkunst hatte Pückler auch ein Faible für die Kulinarik. Weltberühmt wurde er als Namensgeber einer Eisspezialität. Zu Pücklers Vorlieben gehörten Gerichte, die ihm auf seinen Reisen kredenzt wurden. Daneben bevorzugte der weit gereiste Lebemann auch die heimische Küche und ließ gerne auch Produkte aus der Region auftragen wie etwa Hechtschnitten in Spreewaldsoße. Er selbst präsentierte sich bei den abendlichen Soupers gerne in Maskerade: Mal erschien er als Türke mit rotem Fez auf dem Kopf, mal als preußischer Offizier.
Fürst Hermann von Pückler-Muskau starb am 4. Februar 1871 auf Schloss Branitz. Er wurde beigesetzt, wie er gelebt hatte: schrill. Seiner Verfügung gemäß löste man seinen Leichnam in einem Säurebad auf und brachte die Reste in eine auf einer Insel errichtete Pyramide, den „See-Tumulus“. Dort fand der „Lausitzer Pharao“ seine letzte Ruhestätte.