Legende des Samstagabends im Fernsehen: Frank Elstner, der Erfinder und erste Moderator von „Wetten, das..?“ Foto: ZDF /Georg Meyer-Hanno

Im November kehrt „Wetten, dass..?“ ins Fernsehen zurück. Ein romantischer Blick ­zurück auf die große Ära der Samstagabend-Unterhaltung im TV. Als Familien und ein ganzes Land vor dem Fernseher eins wurden. Ging ja nicht anders.

Stuttgart - Frisch gebadet, rein in den Schlafanzug, noch kurz Kekse, Joghurt, Getränke aus der Küche holen und ab auf die Couch, zusammenkuscheln mit den Eltern, „Pst! Gleich geht’s los“. Und dann: der Klang der Eurovisions-Melodie, die Einlaufmusik der großen Unterhaltung am Samstagabend.

 

Generationen haben die Rituale gepflegt und Generationen wussten, wenn die Fanfaren ertönen, wird Großes passieren, über das am Montag geredet wird – beim Bäcker, in der Schule, bei der Arbeit. In Deutschland.

Die Hymne der Eurovision

Kenner wissen natürlich: Die Eurovisions-Melodie ist das „Te Deum“ vom französischen Komponisten Marc-Antoine Charpentier beziehungsweise die prägenden acht Takte des Präludiums.

Das war damals aber wirklich egal. Fast so egal wie Charpentier selbst, der einigermaßen in Vergessenheit geraten war, bis seine acht Takte erstmals 1954 als die Melodie der Eurovision eingeführt wurden und seitdem munter tröten.

Viel wichtiger war: Am Samstagabend sitzt ein Land gleichzeitig vor dem Fernseher – und sogar in Österreich oder der Schweiz machen Menschen exakt das Gleiche. Vordergründig: Fernsehgucken.

Konsens für alle

In Wahrheit: zusammen sein. Eins werden, bevor wieder eine neue Woche beginnt, in der alle irgendwie getrennt durchs Leben gehen. Am Samstagabend müssen gute Gefühle her, schauen, wo sich die Kreise der Erwachsenen, Jugendlichen und Kinder überschneiden.

Die Blaupause der großen Samstagabend-Shows läuft allerdings sonntags. Am 31. Januar 1954 moderiert Peter Frankenfeld ab 20 Uhr erstmals durch einen Abend, der zwei Stunden lang dauert. „1:0 für Sie“ heißt die wegweisende Sendung, die alle Register zieht – Spiele mit Zuschauern, Quizfragen an Prominente, einen Showteil mit Tanz und Musik und Spenden für einen guten Zweck.

Beginn der Ära

Die Ära der Samstagabend-Show wird erst 1964 durch Hans-Joachim Kulenkampff mit „Einer wird gewinnen“ eingeläutet: Kandidaten aus Europa treten in Spielen gegeneinander an, in den Umbaupausen gibt’s Musik, Heiteres – und die Abkürzung „EWG“ (Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) soll bewusst auch den europäischen Gedanken im damaligen Zeitgeist unterstreichen.

Kulenkampff ist bis heute das Ideal des deutschen Samstagabend-Moderators: ein jovialer Typ, ein bisschen chauvinistisch und er findet für jede Gelegenheit einen flapsigen Spruch. Der Mann wird zum Giganten des Samstagabends. Er ist auch der erste Moderator, der seine 90 Minuten Sendezeit höchstens als groben Richtwert ansieht. Eine halbe Stunde Überlänge war normal.

Sendezeit überziehen ist Ehrensache

Im Oktober 1984 beendet Kulenkampff, längst liebevoll „Kuli“ genannt, zum zweiten Mal in 31 Jahren eine Sendung tatsächlich innerhalb der angedachten Zeit, dieses Mal sogar acht Minuten zu früh. Er scherzt, nun müsse sich die ARD überlegen, was sie mit der geschenkten Zeit anstellen wolle. Weil damit aber wirklich niemand rechnen konnte, zeigt die ARD die verbleibende Sendezeit lang ihr Logo auf dem Bildschirm. Sonst nichts.

Ablenkung als Lebensgefühl

Und auch das ist seit den 50er und 60er Jahren ein wichtiger Bestandteil der Fernseh-Unterhaltung: Ablenkung als Lebensgefühl. Die grausamen Erinnerungen an die jüngere deutsche Geschichte zumindest kurzzeitig vergessen, Mut und Kraft für ein anderes Deutschland finden. Wirtschaftswunder, Schlagermusik, Operette. Bloß nicht an den Krieg denken.

Kulenkampff bricht gelegentlich damit: Ein Spielekandidat entpuppt sich als miserabler Schütze, der Moderator, einst selbst Soldat, sagt, solche Männer wären gut für das Militär. „Wie könnte man den Frieden besser bewahren als mit Leuten, die nicht schießen können?“ Kuli moderiert trotzdem gekonnt die Sorgen weg und wird innig dafür geliebt.

Samstag, 20.15 Uhr: Ritterschlag

Der Samstagabend wird in der Folge zur Marke und zum Ritterschlag für Showmaster und Konzepte. Auf Kulenkampff folgten Straßenfeger wie Rudi Carrell („Die Rudi Carrell Show“, „Am laufenden Band“, „Die verflixte 7“, „Laß dich überraschen“), Peter Alexander („Peter-Alexander-Show“), Joachim Fuchsberger („Der heiße Draht“, „Auf los geht’s los“), Peter Frankenfeld („Musik ist Trumpf“), Kurt und Paola Felix („Verstehen Sie Spaß?“). In der DDR unterhalten „Da liegt Musike drin“ oder „Ein Kessel Buntes“. Nach der Wende übernimmt die ARD den „Kessel“, stellt ihn aber 1992 ein. Lieber nicht an die DDR denken.

Gigantische Quoten

Rund 20 Millionen Zuschauer sitzen regelmäßig am Samstagabend vor dem Fernseher. Den Quotenrekord bei „Wetten, dass..?“ hält Frank Elstnermit einer Show am 9. Februar 1985: 23,42 Millionen Zuschauer sehen unter anderem Didi Hallervorden, Gudrun Landgrebe, Dionne Warwick und die Mini-Dance-Stars als Gäste. Auch nach der Wende wird dieser Wert nie wieder getoppt.

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Der letzte Gigant vom Schlage eines Frankenfeld, Carrell oder Kuli ist Thommy: Thomas Gottschalk übernimmt 1987 „Wetten, dass..?“ von seinem Vorgänger Frank Elstner, nach einem kurzen Gastspiel von Wolfgang Lippert (1992/93) springt er 1994 abermals ein. Gottschalk ist das Destillat aus mehreren Jahrzehnten Fernsehunterhaltung: jovial, schlagfertig und furchtlos, sich selbst zum Affen zu machen. Eine Konsensmaschine.

Stillschweigende Abmachung

Doch die Sache mit dem Konsens, diesem „für die ganze Familie“, fordert eh ständigen Kompromisswillen aller Zuschauer. Unendlich lang erscheint die Zeit, in der Angelika Milster als Katze verkleidet ein Stück aus dem Musical „Cats“ singt und Mutter wieder „Pst!“ sagt, wenn man das thematisiert. Und „Pst!“, zischen auch die Jugendlichen, wenn die Eltern schlecht über Cyndi Lauper oder Madonna reden.

Die generationenübergreifende Abmachung auf der Couch: Wir dulden eure Operette, das Musical und Peter Maffay, wenn ihr unsere Popmusik ertragt. Und Peter Maffay ist sehr oft zu Gast bei „Wetten, dass..?“ – 17-mal, dicht gefolgt von Udo Jürgens (15) und Herbert Grönemeyer (13). Internationale Sänger wie Joe Cocker und Robbie Williams gehören mit je neun Auftritten ebenfalls schon fast zum Inventar der am 14. Februar 1981 erstmals ausgestrahlten Show.

Alternativloses Fernsehen

Nicht gucken war trotzdem keine Alternative. Man könnte ja Monumentales verpassen: einen betrunkenen Johnny Cash (1983), einen wütenden Götz George (1998), Aktivisten, die sich von der Hallendecke abseilen (1994), gefakte Wetten (1998), Flitzer (1984) oder den tragischen Unfall von Samuel Koch (2010). Alles live vor einem Millionenpublikum.

Mit dem Privatfernsehen wachsen in den 90ern das TV-Angebot und die Konkurrenz auf dem Sendeplatz. Schleichend blättert der Lack ab von den alten Giganten des Samstags. Es wird reißerischer: „Die 100.000 Mark Show“ mit Ulla Kock am Brink lobte 1993 beim Privatsender RTL plötzlich säckeweise Geld aus als Kern der Unterhaltung. Und mit den Möglichkeiten wachsen die Interessen des Publikums – unmöglich, alle zu bedienen.

Teenager wollen ihren Samstagabend nicht mehr mit der Familie auf der Couch verbringen oder zumindest nicht Phil Collins dabei zusehen, wie er vor brennenden Mülltonnen ein Medley seiner größten Hits singt. Schluss mit dem Konsens, eine Nation will individuell werden.

Auch die Gäste wollen woanders sein

Selbst die Gäste, die bei Gottschalk – und ab 2014 bei Markus Lanz – auf der „Wetten, dass..?“-Couch sitzen, wollen woandershin. Sie nutzen die Sendezeit, um vor einem noch immer großen Publikum für sich, ihre Sache oder ihr Produkt zu werben, und verschwinden teils noch während der Sendung zum nächsten Termin.

Paris Hilton, Jennifer Lopez – die internationalen Superstars wollen bitte nicht einen ganzen Abend in der Show verplempern und im Anschluss auch noch die Nacht in Saarbrücken oder Nürnberg verbringen müssen.

Lanz scheitert am Konsens

Als Stefan Raab 2006 auf Pro Sieben mit „Schlag den Raab“ die Samstagabend-Show wieder mit Lametta und sich selbst als Hauptfigur anreichert, sehen das im Schnitt rund drei Millionen Zuschauer.

Markus Lanz scheitert derweil zwischen 2012 und 2014 ganze 16 Folgen lang an „Wetten, dass..?“, gerade weil er es allen recht machen möchte, wie früher Kuli und Thommy. Doch das Konzept ist über Zeit und Zenit hinaus.

Fans haben nachgerechnet: „Wetten, dass..?“ hat insgesamt fast drei Tage Sendezeit überzogen. Am 6. November kommt die Sendung einen Abend lang mit Gottschalk zurück. Vielleicht werden wir dann wieder einen Abend lang wissen, was alle anderen gerade im Fernsehen anschauen. Und dass es etwas länger gedauert hat.