In den Wahlkämpfen des zurückliegenden Jahres tauchten weltweit gefälschte Video- und Audiodateien auf. Künstliche Intelligenz bietet Instrumente für Manipulation und Desinformation. Doch KI kann auch helfen.
Das Wahljahr 2024 hat gezeigt: Die Feinde der Demokratie sind auf dem Vormarsch. Ideologen und falsche Propheten gewinnen Gefolgschaften, Spinner und Spielernaturen finden ein Publikum. Donald Trump obsiegte bei der Präsidentschaftswahl, urteilt der US-Kolumnist Michael Tomasky, weil ihm „rechte Medien zum Sieg verhalfen“ – von „Fox News“ bis zu dem Oligarchen Elon Musk und dessen digitaler Propagandamaschine „X“. Tomasky beschreibt, wie „wilde, fadenscheinige Internetgerüchte“ von einem ganzen Universum ultrarechter Lügenvermarkter aufgesaugt und millionenfach verbreitet wurden. In diesem Universum tummeln sich TV- und Radiostationen, Influencer und Podcaster, Kommunikationsplattformen wie „X“. Sie alle, so Tomasky, „fütterten ihr Publikum mit einseitigen und verzerrten Informationen, die es Trump ermöglichten, zu gewinnen“.
Das ist die Lage. In den Vereinigten Staaten hat sich eine Branche von Political Tech Firmen entwickelt, die an der Schnittstelle von Politik und Künstlicher Intelligenz (KI; englisch AI = Artificial Intelligence) angesiedelt ist. Sie verfolgen konstruktive Fragestellungen der Art, wie sich KI für das Management und das Marketing von politischen Inhalten nutzen lassen. Sie können aber auch helfen, Desinformation zu identifizieren und abzuwehren. Die deutsche Beraterszene findet sich vorwiegend in Berlin. In Stuttgart beschäftigt sich David Fischer mit KI in der Politik. Im Hauptberuf ist er Pressesprecher der Grünen-Fraktion im Landtag. Fischer (36) zählt zu den Initiatoren eines Ideenwettbewerbs unter der Flagge der Baden-Württemberg-Stiftung. Mit einen „Politechnathon“ sollen positive Möglichkeiten von KI-Technologie für Wahlkämpfe gehoben werden. Aber auch der Kampf gegen Falschinformationen im Internet und Lösungen gegen Deepfakes sind ein Thema. Mitte Dezember werden die Ergebnisse dieses Ideenwettbewerbs in der Landesvertretung in Berlin präsentiert und prämiert.
Bei Deepfakes handelt es sich um Fälschungen in Form von Video- oder Audiodateien, die mittels Künstlicher Intelligenz erzeugt werden. Politikern lassen sich täuschend echt Worte in Mund legen – bis hin zu den korrekten Lippenbewegungen. Bekanntheit erlangte ein von linken Aktivisten erstelltes Deepfake, das Kanzler Olaf Scholz (SPD) zeigt, wie er ein AfD-Verbot fordert. Auf Pegida- und Querdenkerdemonstrationen wurde eine gefälschte Audiodatei zu Gehör gebracht, die den Tagesschau-Sprecher Jens Riewa sagen lässt: „Wir haben wissentlich die häufig gravierenden und teils tödlichen Nebenwirkungen der Corona-Impfstoffe verschwiegen.“ Deepfakes zählen weltweit zu den beliebten Werkzeugen in Schmutzkampagnen. In der Slowakei waren vor der jüngsten Wahl Audiodateien im Umlauf, die den liberalen Kandidaten fälschlicherweise in die Nähe mit Korruption brachten. In den USA erhielten Tausende Wähler einen automatisierten Anruf von der mittels KI geklonten Stimme von US-Präsident Joe Biden, um sie vom Wählen abzuhalten. Als der KI-Praktiker Fischer Anfang des Jahres immer mehr solcher Berichte las, kam ihm die Landtagswahl 2026 in den Sinn. Wie lassen sich solche Desinformationen kontern? Seine Antwort: mit Künstlicher Intelligenz.
KI begleitet Fischer bei der täglichen Arbeit. Sie hilft, Vorlagen für Pressemitteilungen zu erarbeiten oder dicke Gesetzentwürfe auf ihre Kerninhalte zu untersuchen. KI ermöglicht auch rasche Reaktionen auf digitale Angriffe. Ein fiktives Szenario demonstrierte Fischer jüngst bei einer KI-Konferenz in Berlin. Sein hypothetisches Beispiel für den Wahlkampf 2026: Ein Fakevideo zeigt, wie der Grünen-Spitzenkandidat und bekennende Vegetarier Özdemir eine Bratwurst verzehrt. Der Kandidat soll als vermeintlicher Heuchler denunziert werden. Was tun? Mit Hilfe seiner KI-Instrumente vermag Fischer blitzschnell die sozialen Medien zu bespielen und Pressemitteilungen zur Richtigstellung zu erstellen. Zeit zählt im digitalen Hexenkessel. Aber klar, der Einsatz von KI bedarf der Kontrolle. „KI darf nicht dazu führen, dass man sein Handwerk nicht beherrscht“, sagt Fischer.
Benjamin Läpple arbeitet in Berlin an der Schnittstelle von Politik und digitaler Welt. Der 34-Jährige aus Weil der Stadt ist Teil des Gründungsteams des ersten Political Tech Summits, der für Januar in Berlin angekündigt ist. Läpple befindet mit Blick auf die zurückliegenden Wahlen: Bisher waren Deepfakes kaum wahlentscheidend. Gleichwohl sind sie eines von vielen Wässerchen aus dem Giftschrank der Demokratiefeinde. Läpple spricht von einem „Angriff auf die epistemischen Grundlagen der liberalen Demokratie“. In anderen Worten: Wenn nicht mehr real ist, was man sieht und hört, was kann man dann noch glauben? Misstrauen zerstört die Demokratie.
Läpple kennt die Mechanismen, mit denen sich in den sozialen Medien Reichweite erzielen lässt: Extreme Negativität präge die Kommunikation. Feindbilder erzeugten Polarisierung. Das Gut-Böse-Schema emotionalisiere und münde in Extremismus. Unglücklicherweise fördere gerade die Empörung über solche Praktiken deren Reichweite. Die skandalisierten Inhalte würden mit dem Gestus der Verachtung weiterverbreitet. „Erst dadurch schwappt dieser Content oft vom AfD-Kernmilieu in die gesellschaftliche Mitte.“ Als Beispiel nennt Läpple das krude Video des AfD-Politikers Maximilian Krah mit der Behauptung, „echte“ Männer seien rechts.
Braucht es mehr Regeln im Netz, um Fake-Auswüchse zu verhindern? Läpple ist skeptisch. Die tiefere Ursache der Verunsicherung liege in der Krisendichte unserer Zeit, in der Komplexität der Probleme. Das steigere die Sehnsucht nach einfachen Lösungen. „Das ist nichts, was man mit Regulierung in den Griff bekommt.“ Bildung sei wichtig, auch digitales Wissen. Und dann spricht der Digitalprofi Läpple über gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Einsamkeit vieler Menschen, die nach Bestätigung in den Echokammern des Netzes suchten. Es gehe darum, lokale Gemeinschaften zu stärken und Begegnungsorte für die Demokratie zu schaffen. Zur Künstlichen Intelligenz sollte sich natürliche Intelligenz gesellen.