Ein Mitarbeiter des Küchenherstellers Neue Alno GmbH transportiert im Lager Küchenmodule auf einer Sackkarre. Das Bild stammt aus dem Jahr 2018 – als der britische Investor Riverrock in Pfullendorf einstieg und die Neue Alno GmbH aus der Taufe hob. Nach gut drei Jahren ist es auch damit vorbei. Foto: dpa/Felix Kästle

Ende des Monats ist endgültig Schluss in Pfullendorf. Ein riesiges Industriegelände wird frei. Porsches Suche nach einem Standort für die Batteriezellenfabrik beflügelt die Fantasie der Regionalpolitiker.

Pfullendorf - Die Liquidierung der Neue Alno GmbH zum Ende September ist beschlossen, seit Tagen wird hinter verschlossenen Türen über die Zukunft verhandelt. Im Mittelpunkt stehen die von der Arbeitslosigkeit bedrohten verbliebenen 230 Mitarbeiter, die wertvollen Namensrechte sowie das rund 250 000 Quadratmeter große Firmenareal im Industriegebiet oberhalb der Stadt. „Es gibt keinen totalen Frust bei uns“, sagt der Bürgermeister Thomas Kugler (CDU). „Ich bin hoffnungsvoll.“

 

Ursache dafür ist, dass offenbar die Gründung einer Transfergesellschaft für die Alno-Beschäftigten gelungen ist. Dem Vernehmen nach haben mehr als 80 Prozent der Betroffenen den neuen Verträgen mit einer Laufzeit von fünf Monaten zugestimmt. Für 80 Prozent der letzten Bezüge können sie sich von Oktober an schulen lassen, aber auch jederzeit aussteigen, wenn eine neue Arbeitsstelle gefunden ist. Der Arbeitsmarkt zwischen den wirtschaftsstarken Räumen Bodensee und Biberach gilt als aufnahmefähig für Mechatroniker, Schreiner, Industriekaufleute oder Versandspezialisten, wie sie der Küchenmöbelhersteller Alno in Pfullendorf beschäftigte.

Verhandlungen mit Kaufinteressenten für das Gelände

Der vom Gericht bestellte Insolvenzverwalter Holger Leichtle von der Wirtschaftskanzlei Görg blockt Fragen nach dem Stand der Verhandlungen beharrlich ab. Schwierigkeiten bereitet offenbar der geplante Verkauf des Alno-Industriegeländes. Nach 2017, dem Jahr der ersten Pleite der alten Alno-Aktiengesellschaft, stieg der britische Investor Riverrock in Pfullendorf ein, gründete die Linzgau Real Estate GmbH und schlug ihr sämtlichen Grund und die Gebäude zu. Die Neue Alno wurde Mieterin dieser Besitzgesellschaft, ebenso viele andere größere und kleinere Firmen, die sich in den vergangenen Jahren für Räume des immer weiter schrumpfenden Küchenbauers interessierten. Das Tochterunternehmen verdient damit Geld – und ist zugleich vom Insolvenzverfahren ausgenommen. Doch ob sich der Erlös aus dem Verkauf des Firmengeländes tatsächlich so einfach vor dem Zugriff der Alno-Gläubiger in Sicherheit bringen ließe, ist fraglich. Der Insolvenzverwalter, ist zu hören, ist bei Verhandlungen mit Kaufinteressenten des Riesengeländes schon weit gekommen.

Eine Batteriefabrik am Ort – davon träumen manche

Die Fantasie der Ortspolitiker ist auf ganz anderer Ebene angeregt. Bürgermeister Kugler hat genau registriert, dass zum Beispiel der Stuttgarter Autobauer Porsche neue Standorte im Südwesten zum Bau einer Fabrik für Hochleistungsbatteriezellen sondiert, nachdem in Tübingen Rechtshindernisse aufgetaucht sind. Bei der Suche nach einem solventen Einzelkäufer für das mehr als 20 Hektar große Alno-Gelände „haben wir unsere Hilfe angeboten“, sagt der Rathauschef vieldeutig. Zum Pfullendorfer Industriepark führen moderne Straßen, das Areal besitzt alle Genehmigungen für einen Dreischicht-Betrieb, es gibt weder offenen Ärger mit Anwohnern noch Bedenken hinsichtlich des Naturschutzes. Auch der grüne Überlinger Landtagsabgeordnete Martin Hahn sagte, er sei dabei, sich auf politischer Ebene „umzuhören“, denn es gelte den Moment zu nutzen, „zukunftsfähige gewerbliche und industrielle Bereiche in der Region zu sichern“. Von der Firmenliquidierung ist neben Alno auch die Tochtergesellschaft BBT Bodensee Bauteile GmbH in Überlingen betroffen, die außerhalb des Küchensegments Möbel mit dem Alno-Signet baute.

Geld für die Alno-Fabrik selber dürfte am Ende wenig fließen. Die Maschinen sind nach modernen Industriestandards überwiegend veraltet und nicht digitalfähig. Das kupferfarbene Verwaltungsgebäude mit seinen Spiegelgläsern, bezogen einst von Firmenpatriarch Albert Nothdurft, ist schwer in die Jahre gekommen. Ganz anders sieht es jedoch mit dem Markennamen Alno aus. Dessen Verkauf könnte nach Ansicht von Branchenkennern noch Millionen Euro einbringen, denn die Buchstaben stehen häufig immer noch für schwäbische Solidität und gehobene Ansprüche an Funktion und Design. Aus dem Büro des Insolvenzverwalters Leichtle verlautet dazu lediglich, auch das sei ein Verhandlungspunkt, der aktuell bewältigt werden müsse.

Der Markenname zog bis zuletzt

Zwar ging es seit 1995, als Alno in eine Aktiengesellschaft gewandelt wurde, unaufhörlich bergab mit Europas einstmals größtem Küchenhersteller. Dessen überspannte Vorgabe lautete einst, es müssten täglich 10 000 Schränke gebaut werden. Doch noch zuletzt, als die Fabrikation von den Geschäftsführern Jochen Braun und Michael Spadinger auf Kleinstformat gestutzt wurde, war Markentäuschung offenbar an der Tagesordnung. Unter juristischen Androhungen, so die Geschäftsführer, hätten sie immer wieder unterbunden, dass Küchenhändler mit dem Namen Alno auf Kundenfang gegangen seien – ohne tatsächlich nennenswert Produkte aus Pfullendorf im Angebot zu haben. Hätten interessierte Kunden erst den Laden betreten, seien sie schnell auf andere Fabrikate umgeleitet worden, beschrieb Spadinger im Juli dieses Jahres.

Michael Föst, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Albstadt und jahrzehntelang zuständig für den Küchenbauer in Pfullendorf, glaubt auch an den Verkauf des Namens. „Das wird sein wie bei der AEG“, sagt er – ebenfalls ein Produktname, der sich von seinem Ursprung längst entkoppelt hat. Letztlich ist das für den Gewerkschafter aber nur Begleitmusik. Ihn ärgere, sagt Föst, dass von den jetzigen Alno-Beschäftigten trotz Transfergesellschaft letztlich „der eine oder andere nicht unterkommen wird“. In den vergangenen Wochen hat Föst Riverrock wiederholt hart kritisiert und sein Unverständnis darüber artikuliert, wie es möglich war, 2017 Alno für 20 Millionen Euro schuldenfrei zu übernehmen und dann in gut drei Jahren in die nächste Pleite laufen zu lassen. Mit Geduld und „ein paar Millionen“ hätte die endgültige Pleite der Neuen Alno GmbH jetzt verhindert werden können, sagt Föst. Doch der britische Eigner habe sich für seine Beschäftigten wohl bis zuletzt nicht interessiert. „Das ist Kapitalismus pur.“