Calws Oberbürgermeister Florian Kling, Landrat Helmut Riegger, KSK-Kommandeur Ansgar Meyer und Christoph Reifferscheid, Leiter des Bildungszentrums der Bundeswehr, beim Neujahrsempfang Foto: Bundeswehr/AngieM

Die "Zeitenwende", der Krieg in der Ukraine, die veränderte Sicherheitslage prägten auch den Neujahrsempfang des Kommando Spezialkräfte in Calw. Erschütterte Gewissheiten und harte Realitäten – darauf gelte es sich nun vorzubereiten.

Calw - Drei Jahre sind vergangen, seit das in Calw stationierte Kommando Spezialkräfte (KSK) zuletzt zum Neujahrsempfang eingeladen hatte. Eine Zeit, in der die Welt eine andere wurde. Das zog sich auch durch die Redebeiträge des Abends, zu dem wie gewohnt eine große Zahl an politischer, gesellschaftlicher und militärischer Prominenz gekommen war. Für eine musikalische Untermalung sorgte die Musikschule Calw.

 

Meyers Rückblick

Brigadegeneral Ansgar Meyer, KSK-Kommandeur seit Herbst 2021, durfte bei dieser Gelegenheit erstmals eine Bilanz zum Jahresbeginn ziehen. Er blickte vor allem auf zwei dicht beieinander liegende Ereignisse zurück, die er als symbolisch für die Höhen und Tiefen der vergangenen Jahre bezeichnete. Einerseits die Eröffnung des vor der Kaserne erbauten Besucherzentrums im Herbst, andererseits die Unterzeichnung der Patenschaftsvereinbarung mit Stadt und Landkreis Calw im Sommer.

Ersteres war der letzte Punkt auf der Liste eines 60-Punkte-Reformpakets gewesen. Dieses wiederum war verordnet worden, nachdem in den vergangenen Jahren immer wieder drastische Vorwürfe zu rechtsextremistischen Umtrieben und verschwundener Munition für Aufsehen gesorgt hatten. Meyer bekräftigte dabei nochmals, was er bereits zur Besucherzentrum-Eröffnung erklärt hatte: dass der Reform-Prozess weiterlaufe, evaluiert und angepasst werden müsse. Aber auch, dass die Reformen wirken, von den Soldaten angenommen und umgesetzt würden.

In diesen Kontext gehört indes auch die Patenschaft, die als Akt der Freundschafts- und Verbundenheitsbekundung gefeiert wurde – denn der Entschluss zu diesem Schritt entstand 2021, in der schwersten Krise des Verbandes, als sogar dessen Existenz auf der Kippe stand.

Kommandeur Meyer erinnerte auch an zwei Kameraden, die 2022 verstorben waren – einen Angehörigen der Unterstützungskräfte sowie einen jungen Soldat, der im Rahmen seiner Ausbildung zum Heeresbergführer in Tirol verschüttet worden war und nur noch tot geborgen werden konnte.

Zum Krieg, den Russland vor knapp einem Jahr in der Ukraine entfesselte, gab Meyer zwar keine persönliche Analyse der sicherheitspolitischen Lage ab – aber er betonte, dass Deutschlands Nato-Verpflichtungen ab 2025 "für uns eine neue Qualität erhalten". Erst vor wenigen Tagen hatte Generalleutnant Alexander Sollfrank, von 2017 bis 2018 selbst Kommandeur des KSK, in Ulm berichtet, dass Deutschland ab 2025 zwei Großverbände (insgesamt rund 20 000 Soldaten) dauerhaft bereithalten werde, um diese im Ernstfall praktisch unmittelbar in den Einsatz zu schicken. Bereits seit dem 1. Januar stelle die Bundeswehr eine Truppe von 16 800 Soldaten aus Heer, Luftwaffe und Marine, die in wenigen Tagen an der Ostflanke kämpfen könnte. Sollfrank ist unter anderem Kommandeur der Nato-Einheit Joint Support and Enabling Command (JSEC), die für Truppenverlegungen im großen Stil zuständig ist.

Die "Zeitenwende"

Einen besonderen Beitrag zum Thema "Zeitenwende" steuerte Christoph Reifferscheid bei, der langjährige Präsident und Leiter des Bildungszentrums der Bundeswehr in Mannheim. "Uns muss bewusst sein, wie groß die Verantwortung ist, die wir jetzt tragen", unterstrich Reifferscheid mit Blick auf den Ukraine-Krieg. Zwei Zitate bildeten seinen roten Faden.

Das erste stammt von Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman: "Die Natur lässt sich nicht betrügen" – womit Reifferscheid zum Ausdruck brachte, man könne sich zwar "reich rechnen". Wer aber beispielsweise 50 Fahrzeuge sein Eigen nenne, die jeweils noch 20 Stunden fahren könnten, habe zwar 1000 Stunden Laufzeit, könne aber buchstäblich trotzdem keinen einzigen Tag am Stück mit einem Fahrzeug im Einsatz sein. Wer verantwortlich handeln wolle, dürfe sich nicht hinter Prozessen verstecken, sondern müsse eine von der Realität geprägte Haltung annehmen. Das KSK habe es immer unmittelbar mit der Realität zu tun und durch seinen Auftrag keinen "Raum für Zahlenakrobatik".

"Das Unvorhergesehene ist die wahre Bewährungsprobe", ein Ausspruch, der dem antiken Philosophen Aristoteles zugeschrieben wird, stellte Reifferscheids zweiten Leitsatz dar. "Wir leben nur allzu gerne mit Gewissheiten", mahnte er – bis diese erschüttert würden. Doch Pandemien, Artensterben, Migration – das seien nun Realitäten. Und wir täten gut daran, uns zu gewöhnen, dass Gewissheiten künftig "eher noch in kürzeren Abständen vom Tisch gewischt werden". Und dass Krisen auch deshalb Krisen seien, weil sie sich nicht vorhersehen ließen.

Klings Ausblick

Auch Calws Oberbürgermeister Florian Kling, selbst Hauptmann der Reserve, sprach über kommende Herausforderungen für die deutschen Streitkräfte. Dass sich angesichts der Veränderungen erst noch zeigen müsse, "ob wir es schaffen, die Bundeswehr an die neuen sicherheitspolitischen Rahmenbedingungen anpassen zu können". Personal- und vor allem Materiallage seien angespannt. Nicht mehr "vom Einsatz her", sondern zunächst "von der Landesverteidigung her" denken gelte als Gebot der Stunde. Und ob es im Rahmen bürokratischer Prozesse überhaupt zu schaffen sei, 100 Milliarden Euro für die Bundeswehr auszugeben, stellte er zumindest in Frage. Behäbigkeit und fehlende Veränderungsagilität stehe den Streitkräften im Weg; Strukturen und Prozesse müssten hinterfragt werden. "Schaffen wir es überhaupt diesen Kahn zu wenden oder ihn effizienter und schneller adaptierbar zu machen?", fragte Kling.

Ein gutes Beispiel für kleinere, voll ausgestattete und motivierte Verbände stelle dagegen die in Calw stationierte Spezialeinheit dar. Ließe sich ähnliches noch für deutlich mehr Verbände behaupten, könne man mit diesen auch planen und sie einsetzen – "mit leeren Hüllen oder Kästchen auf dem Papier ist dies nicht möglich", unterstricht Kling. "Ich glaube, dass wir bei der nun umzusetzenden Zeitenwende viel von Ihnen, vom KSK, lernen können."